Jüdische Gemeinschaft in Zürich

Ein Eruv für Zürich: Wie ein Nylonfaden den jüdischen Alltag verändert

Die Zürcher Quartiere Enge, Wiedikon und Wollishofen sind seit Kurzem durch einen sogenannten Eruv verbunden. Während das Netz im Stadtbild kaum auffällt, hat es für Jüdinnen und Juden eine zentrale Bedeutung.

Initiant Cédric Bollag hinter einem Abschnitt des jüdischen Eruvs in Zürich
Initiant Cédric Bollag hinter einem Abschnitt des Eruv. (Bild: Yann Bartal)

Die jüdische Gemeinschaft in Zürich feiert die Fertigstellung des Eruv – eine symbolische Linie, die ganze Quartiere umfasst. Er habe die Nachfrage sogar noch unterschätzt, sagt Initiant Cédric Bollag. «Hunderte Juden und Jüdinnen aus Zürich haben mir geschrieben, wie wichtig der Eruv für sie ist».

Als Bollag und seine Frau 2016 Eltern werden, wird ihnen bewusst, wie stark das Schabbat-Gebot ihren Alltag einschränkt. Denn am Ruhetag Schabbat dürfen keine Arbeiten verrichtet werden – darunter fällt auch das Tragen oder Bewegen von Gegenständen von einem privaten in einen öffentlichen Bereich. Konkret bedeutet das, dass Juden und Jüdinnen am Samstag keine Schlüssel tragen, keinen Kinderwagen stossen oder Velo fahren dürfen.

«Gerade für junge Eltern ist das enorm einschränkend», so Bollag. Solange das Kind nicht selbst laufen könne, muss jeden Samstag mindestens ein Elternteil zu Hause bleiben. «Genau dann, wenn man gerne mit der Familie draussen unterwegs wäre, muss man sich jahrelang stark einschränken», so Bollag.

Bollag und seine Frau entschlossen sich, etwas für die jüdische Gemeinschaft in Zürich zu tun und begannen mit der Planung des Eruv.

Ein Eruv ist ein jahrhundertealtes Konzept aus der jüdischen Kultur, mit dem die eigenen vier Wände symbolisch erweitert werden – beispielsweise um einen ganzen Stadtteil. Eruv bedeutet «Vermischung» auf Hebräisch, da der private und der öffentliche Raum vermischt werden. In der praktischen Umsetzung ist es eine für Nichtwissende fast unsichtbare Grenze, bestehend aus Nylonfäden, Drähten oder Pfosten.

Diese Linie ermöglicht es, innerhalb des Wohngebiets Wasser auf einen Spaziergang mitzunehmen, Freund:innen einen Kuchen vorbeizubringen oder eben einen Kinderwagen zu stossen. Grossstädte wie Amsterdam, Wien oder New York kennen seit Jahrzehnten Eruvim, wie man die Mehrzahl von Eruv nennt.

Eruv umspannt Enge, Wiedikon, Wollishofen

Der 23 Kilometer lange Eruv umspannt hauptsächlich die Quartiere Enge, Wollishofen und Wiedikon – dort, wo eine der grössten jüdischen Gemeinschaften der Schweiz lebt. Ein grosser Teil des Eruv verläuft entlang bestehender Strukturen: Brückengeländer, Mauern, Lampenleitungen. Dazwischen haben die Initiant:innen an etwa 120 Stellen in der Stadt Zürich bauliche Elemente angebracht. In Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich spannten sie Schnüre über die Strasse, ergänzten Geländer oder verlängerten Verkehrsschilder. Die Finanzierung erfolgte vollständig durch die jüdische Gemeinschaft und private Spenden.

Nylonfaden, die den Eruv in Zürich vervollständigen
Wo keine bestehende Strukturen existierten, wurden beispielsweise Nylonfäden gespannt. (Bild: Eruv Zürich)

Stadträtin Simone Brander, Vorsteherin des zuständigen Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, schaut auf eine gute Zusammenarbeit zwischen Stadt und den Projektverantwortlichen zurück. «Der Eruv ist ein Zeichen für die gelebte Vielfalt in unserer Stadt», so Brander.

Von Anfang an war klar, dass der Eruv möglichst unscheinbar bleiben soll, um das Stadtbild nicht zu beeinträchtigen. Der Eruv wird jeden Donnerstag von einem Experten kontrolliert und auf eruv.ch und per Whatsapp kommuniziert, ob der Eruv intakt ist.

Seit Kurzem kann der Eruv in Zürich nun genutzt werden. Der Unterschied sei bereits jetzt spürbar, sagt Bollag. «Das Quartier lebt am Schabbat viel mehr auf.» Das werde auch die Attraktivität für Zürich steigern, ist sich Bollag sicher. Besonders junge Familien hätten vor dem Eruv Zürich oft gemieden. «Die Freude ist riesig», so Bollag.

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yann

Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.

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Kommentare

Markus
16. Januar 2026 um 07:35

Freut mich

Schön, dass die Stadt da so unbürokratisch Abhilfe geschaffen hat. Es wird vermutlich kein Vermögen kosten und bringt doch Vielen Leuten etwas. Genau darum gefällt mir die Stadt. Es hat viel Infrastruktur für alle da. Bänke, Parks, Brunnen, Abfalleimer, Quartierzentren, Sportanlagen, Schwimmbäder, Kulturzentren, usw. Auf dem Land gibt es davon immer weniger und was noch vorhanden war wird abgebaut an Bänken und Abfalleimern. Nur noch Strassenschluchten mit hohen blickdichten Zäunen und anonymen Häusern mit Garage.