Queerer Treffpunkt

Daniel H. zum Ende seiner Bar: «Das gibt sicher noch ein paar Tränen»

Die Daniel H. Bar war fast drei Jahrzehnte ein Treffpunkt für die queere Community. Ihr Ende steht auch für den Wandel der Szene in Zürich.

Daniel Hofstetter steht in seiner Bar «Daniel H.» an der Müllerstrasse im Kreis 4
Daniel Hofstetter: 28 Jahre lang war das Daniel H. sein Zuhause. (Bild: Yann Bartal)

28 Jahre lang Daniel H. zu sein, ist nicht spurlos an Daniel Hofstetter vorbeigegangen. Der Sechzigjährige sitzt mit schweren Tränensäcken, eine Kippe rauchend in seiner Bar, die bald Geschichte sein wird.

Ausgestopfte Tierköpfe, Marienstatuen, eine Kuckucksuhr und ein thailändischer Schrein sind Relikte aus fast drei Jahrzehnten als queerer Treffpunkt in Zürich. Wer sich in den Ferien gefragt hat, wo diese bemalten Teller landen, die etwa den Schiefen Turm von Pisa zeigen, findet hier die Antwort.

«Das hat mal als Gag angefangen», erzählt Hofstetter. Inzwischen haben ihm Gäst:innen mehr Souvenirs mitgebracht, als er Platz an den Wänden hat.

Als Daniel Hofstetter 1998 das Daniel H. an der Müllerstrasse im Kreis 4 eröffnete, habe es im Langstrassenquartier kaum andere Ausgehziele gegeben. «Es herrschte Goldgräberstimmung», erzählt er. Von Donnerstag bis Samstag sei es immer brechend voll gewesen.

Doch die Zeiten haben sich verändert. «Die Doppelbelastung, vorne an der Bar den Clown zu spielen und hinten im Büro die Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, wurde immer grösser», sagt Hofstetter. Mitte Januar verkündete er das Ende von Daniel H.

Fehlende Einnahmen seit der Pandemie

Nicht zum ersten Mal steckt Daniel H. in Schwierigkeiten. In den Nullerjahren machte sich das Lokal auch als Delikatessengeschäft, Panini-Imbiss und Cateringservice einen Namen.

Als 2008 die globale Finanzkrise einschlug, fiel im gut gefüllten Auftragsbüchlein ein Catering nach dem anderen weg. Das sehe man in jeder Krise, meint Hofstetter. «Als Erstes spart man beim Ausgang und beim guten Essen.»

Auch jetzt schwebe die Krise in der Luft, sagt Hofstetter. «Heute gibt es wieder Krieg. Vielleicht sind die Leute resigniert, hocken zu Hause und horten ihr Geld.»

Wie bei vielen Lokalen haben sich die Umsatzzahlen im Daniel H. seit der Pandemie nie mehr stabilisiert. «Bei uns gab es einen finanziellen Einbruch unter der Woche.» Während Hofstetters Generation immer weniger zu Besuch kommt – «Die sind jetzt auch sechzig. Die sterben halt aus im Nachtleben» – fehle gleichzeitig der Nachwuchs.

«Wir haben es verpasst, das Daniel H. in die neue Generation hineinzutragen», so Hofstetter.

Von der Bar ins Internet

Obwohl sich das Daniel H. nie als queere Bar deklarierte, etablierte es sich schnell als Treffpunkt queerer Menschen. Aber nicht nur: «Bei uns fanden alle Platz: Heteros, Promis und Politiker:innen von SP bis SVP», erzählt Hofstetter, der sich selbst als queer bezeichnet.

«Orte verschwinden in Zürich nicht nur für queere Menschen, sondern für die ganze Stadtbevölkerung.»

Mattia Petruzziello, Historiker an der Universität Zürich

Das Daniel H. sei ein Zeuge aus einer Zeit, als sich queere Menschen vor Ort treffen mussten, sagt Mattia Petruzziello auf Anfrage. Petruzziello forscht an der Universität Zürich zu den Lebenswelten homosexueller Männer in der Schweiz.

«Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, dann, dass homosexuelle Menschen immer auf der Suche nach Räumen sind, in denen Begegnung und Austausch möglich sind.» Diese Treffpunkte haben sich heute stark ins Internet verlagert.

Beim Daniel H. komme der Druck des urbanen Raums dazu, meint Petruzziello. «Orte verschwinden in Zürich nicht nur für queere Menschen, sondern für die ganze Stadtbevölkerung.»

«Es geht auch um meine Gesundheit»

«Vielleicht sind wir auch ein Relikt, das nicht mehr gefragt ist», meint Hofstetter und wirkt dabei nachdenklich. «Irgendwie hätte man die Bar bestimmt weiterführen können», doch schlussendlich sei der psychische Druck zu gross gewesen. «Es geht auch um meine Gesundheit.» Und was wäre die Daniel H. Bar ohne Daniel H.?

Ein Schrein mit Mariastatue in der Daniel H. Bar an der Müllerstrasse im Kreis 4
An Ostern wird die Daniel H. Bar zu Grabe getragen. (Bild: Yann Bartal)

Jetzt, wo es gegen Ende zugeht, stehen die Gäst:innen wieder zahlreich vor der Tür. «Leider ein bisschen zu spät!», sagt Hofstetter und lacht herzlich. Der Barinhaber ist keiner, der Vergangenem nachtrauert. «Ich habe immer gesagt, ich mache es nur so lange, wie ich Spass habe.»

Nach einer kurzen Pause werde er bestimmt irgendwo in Zürich wieder seine Finger im Spiel haben. «Ich habe 30 Jahre Erfahrung in der Gastro, da kann ich aus dem Vollen schöpfen.»

Am Osterwochenende wird Daniel Hofstetter seine Bar zu Grabe tragen. «Das gibt sicher noch ein paar Tränen», sagt er.

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yann

Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.

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