«Unsere Fluchtgeschichte sitzt uns im Nacken»

Über dreissig Jahre ist es her, seit die Familie unserer Kolumnistin aus dem Sudan in die Schweiz geflüchtet ist. Trotzdem muss sich Mandy Abou Shoak Tag für Tag mit ihrer Fluchtgeschichte auseinandersetzen. Denn: Seit über einem Jahr herrscht in ihrem Herkunftsland wieder Krieg.

Kolumne Mandy
Illustration: Zana Selimi (Quelle: Zana Selimi)

Es ist Samstagnachmittag. Wir sind im Garten meiner Familie. Ich erhole mich gerade von einer hartnäckigen Lungenentzündung. Mein Vater steht am Grill. Die Blumen blühen und das Gras ist saftig grün, der Boden noch etwas feucht vom Regen der vergangenen Tage. Ich atme einmal tief durch.

Über 30 Jahre ist es her, seitdem wir aus dem Sudan in die Schweiz geflüchtet sind. Wenn ich mich heute so umsehe, den Swimmingpool inmitten des Gartens erblicke, dann habe ich das Gefühl, dass unsere Fluchtgeschichte sehr weit entfernt ist.

Im Hintergrund läuft «The Code» von Nemo. Mein älterer Bruder läuft auf mich zu, gestikuliert dabei wild mit den Händen und rappt: «I got so much on my mind, and I been awake all night.» Ich nicke ihm beeindruckt zu. Seine Freundin erzählt, wie er seit Nemos Sieg beim Eurovision Song Contest nur noch «The Code» hört.

Ich atme noch einmal tief ein und rieche einen vertrauten Geruch. Unsere Familien Marinade für alles, was auf den Grill kommt: Ein Gemisch aus Knoblauch, weissem und schwarzem Pfeffer, Limetten, gemahlenem Koriander, Apfelessig und Bratensauce. In meiner Kindheit haben wir viel Zeit mit Grillieren verbracht. Meine Mutter setzt sich zu mir und beginnt, mir die neuesten Nachrichten aus dem Sudan zu berichten: «Mandy, deine Grosstante, weisst du die Mutter von Rasha, kannst du dich erinnern? Sie hat eine Hirnblutung. Man weiss nicht so genau, was die Ursache ist, ob eine Hirnblutung oder Hirnthrombose.  Weisst du, das wäre wichtig zu wissen, weil je nachdem muss man sie anders behandeln. Das müsste man mit einer Tomografie herausfinden. Und du hast die Fotos von den Spitälern im Sudan gesehen, die sind alle leergeräumt. Es gibt nichts mehr, nicht mal Wasser, Desinfektionsmittel oder Strom in den Spitälern. Es gibt keine Möglichkeit zu einer Hirntomografie. Und ohne Tomografie, keine Diagnose.»

Meine Mutter erzählt mir von Rasha. Sie und ihre Kinder hätten es geschafft, nach Kairo zu fliehen und lebten nun in einem Wohnblock mit vielen anderen Sudanes:innen. Eine ihrer Nachbarinnen sei mit einem Mann verheiratet, der eine hohe Position in der Rapid Suport Force, einer paramilitärischen Truppe, die vom vorgängigen Regime geschaffen wurde. Vielleicht gäbe es über ihn die Möglichkeit, eine Behandlung für meine Grosstante zu organisieren. Seit dem 15. April 2023 befindet sich der Sudan im Krieg. Ohne Rücksicht auf die fatalen Folgen für die Zivilbevölkerung bekriegen sich das sudanesische Militär unter der Führung von General Abdel Fattah Al-Burhan und die Rapid Support Force (RSF) von General Mohammed Hamdan Daglo, genannt Hemeti. Seitdem verschlechtert sich die Lage im Sudan zunehmend.

«Der Krieg im Sudan, die Flucht unseren nächsten Verwandten, meinem Onkel und seinen Kindern, ihr Gesundheitszustand und ihre Perspektiven sind immer präsent.»

Mandy Abou Shoak

In der Schweiz leben etwa 1000 sudanesische Staatsangehörige. Wir sind täglich mit dem katastrophalen humanitären, gesundheitlichen, sozialen und sicherheitspolitischen Zustand im Sudan konfrontiert. Neun Millionen sudanesische Bürger sind aus den Kriegsgebieten in andere Landesteile oder in Nachbarländer geflüchtet. Diese Menschen haben alles verloren. Alle Sudanes:innen hier in der Schweiz haben Angehörige, die flüchten mussten. Mehr als 15 Millionen Studierende und Schüler:innen mussten ihre Ausbildung abbrechen, weil unzählige Bildungsstätten zerstört wurden. Die Menschen im Sudan verlieren Zukunftsperspektiven und werden damit zum Reservoir für alle Arten von kriminellen und terroristischen Organisationen.

Die Gewaltspirale wird sich dadurch weiterdrehen. Mit der Zerstörung der Landwirtschaft, der Viehzucht und dem Zusammenbruch der Lieferketten sind mehr als 25 Millionen Sudanes:innen von Hunger und Unterernährung bedroht oder bereits betroffen. Ausserdem besteht die akute Gefahr von Seuchen und Epidemien, das Gesundheitswesen ist kollabiert. Gefährdet sind insbesondere Frauen und Kinder. Die Versorgung von Wasser ist in den Kriegsgebieten abgebrochen. Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Darüber hinaus sind Kommunikationsdienste aller Art abgeschnitten, was auch zu einer Aussetzung der Bankdienstleistungen in diesen Gebieten führt. Die Situation ist katastrophal.

Meine Mutter schaut kurz in die Ferne, bevor sie ihre Erzählung fortführt: «Und deine Tante Nehmat. Ihr gehen die Diabetes-Medikamente aus. Und nun hat sie auch noch eine Verletzung am Fuss. Wenn sie nicht bald behandelt wird, wird es wirklich gefährlich, sie läuft Gefahr ihr Bein zu verlieren, Mandy. Wir schauen gerade, ob wir sie mit irgendeiner Eselkutsche in die nächste Stadt transportieren können. In der Stadt gibt es keine Autos mehr. Die haben einfach alles geplündert. Nicht mal die Kühlschränke haben sie in den Häusern gelassen.»

Ich merke, wie ich immer kleiner und kleiner werde. Mein Körper fällt in sich zusammen. Mein Blick wird leer, mein Atem flach. Ich atme tief ein und gewinne damit wieder an Stabilität. Ich lege meine beiden Hände auf die Oberarme meiner Mama, drücke sie einmal fest, nehme sie kurz in den Arm und frage sie: «Was kann ich tun?» Sie sagt: «Nichts. Lass uns schauen, was wir vor Ort organisieren können. Ich lasse es dich wissen, wenn du was tun kannst.»  

Von hinten klingt immer noch Nemo: «I went to hell and back.» Wie ironisch. Genau so hat sich das auch gerade angefühlt. Einmal zur Hölle und wieder zurück. Mein Vater wendet sich an uns und sagt, das Essen sei ready. Wir setzen uns alle zusammen an den Tisch und essen.

Man könnte das Gefühl haben, unsere Fluchtgeschichte sei sehr weit entfernt, dass sie keinen Einfluss mehr auf unser Leben hier hat, weil sie über 30 Jahre her ist. Aber in Wahrheit sitzt sie uns im Nacken. Die Fluchtgeschichten unserer Angehörigen, unserer Liebsten. Ob beim Abendessen, Familientreffen, Ausflügen. Der Krieg im Sudan, die Flucht unseren nächsten Verwandten, meinem Onkel und seinen Kindern, ihr Gesundheitszustand und ihre Perspektiven sind immer präsent – sowohl in unseren Herzen als auch in unseren alltäglichen Gedanken.

2023-01-13 Sarah Akanji Mandy Abou Shoak-77
(Quelle: Elio Donauer)

Mandy Abou Shoak

Menschen beschreiben sie als erfrischend unbequem. Unsere Kolumnistin Mandy Abou Shoak ist in Khartum im Sudan geboren, mit ihrer Familie in die Schweiz geflüchtet und im Zürcher Oberland aufgewachsen. Schon früh beschäftigte sie sich mit Ungerechtigkeiten. Einer der erweckensten Momente war jener, in dem sie realisierte, dass marginalisierte Menschen, wie sie selbst, im Kontext von Diskriminierungs- sowie Gewalterfahrungen meist verstummen. Sie verstand, dass das Heraustreten aus der Scham, das Teilen von Erfahrungen, fundamental ist, um in ein Verständnis darüber zu kommen, dass gewisse Erfahrungen kollektiv und damit strukturell sind. Diese Erkenntnis durchzog ihr Leben.

Mandy hat Soziokultur im Bachelor und Menschenrechte im Master studiert. Hauptberuflich arbeitet sie heute bei Brava als Expertin für Gewaltprävention und gibt Weiterbildungen im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt. Als Selbstständige berät sie Organisationen zu Themen rund um Diskriminierung und rassismussensiblen Strukturen. Auch in den zwei Podcasts «Wort.Macht.Widerstand» und «Reden wir! 20 Stimmen zu Rassismus» spricht sie über genau diese Thematiken. Sie ist zudem im Schwarz Feministischen Netzwerk Bla*sh, im Berufsverband der Sozialen Arbeit AvenirSocial und in der SP engagiert. Im Februar 2023 wurde sie in den Zürcher Kantonsrat gewählt.

Ohne deine Unterstützung geht es nicht

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 1500 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 2000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!

Jetzt unterstützen!

Das könnte dich auch interessieren

Provisorische Dusche
Architektur-Kolumne

Wenn das eigene Zuhause zur Baustelle wird

Um Mieter:innen vor einer Kündigung zu bewahren, versucht man vermehrt im bewohnten Zustand zu sanieren. Doch wo Chancen sind, lauern auch Gefahren, warnen unsere Architektur-Kolumnist:innen.

Von ZAS*
Kolumne Mandy
«Yalla Tsüri»-Kolumne

Lernt endlich, unsere Namen richtig auszusprechen!

Wie wir heissen beeinflusst, wie wir von der hiesigen Bevölkerung behandelt werden. So wird unsere Kolumnistin Özge Eren aufgrund ihres Namens immer wieder diskriminiert. Weshalb gerade ein Event wie die Fussball EM dabei eine Rolle spielt.

Von Özge Eren
Escher-Wyss-Platz Tempo 30
Verkehrswende-Kolumne

Weshalb müssen zuerst Kinder sterben?

Seit kurzem gilt auf dem Escher-Wyss-Platz Tempo 30. Auslöser dafür war ein tragischer Unfall im Jahr 2022, bei dem ein Fünfjähriger sein Leben verlor. Auf anderen Stadtzürcher Strassen blockiert der Kanton eine Temporeduktion – auf Kosten der Sicherheit von Kindern, so unser Kolumnist Thomas Hug.

Von Thomas Hug
junior halle abbruch zas*
Architektur-Kolumne

Das Industrieerbe von Zürich

Egal, ob die Maag-Hallen im Kreis 5 oder die Junior-Werkhalle in Oerlikon: Viele ehemalige Industriehallen in Zürich sind dem Tod geweiht. Dabei würde es sich durchaus lohnen, die Relikte aus einer vergangenen Zeit wiederzubelebten, finden unsere Architektur-Kolumnist:innen.

Von ZAS*

Kommentare