«Wir können beeinflussen, wie sich die Welt entwickeln wird»

Normalerweise zelebriert Özge Eren Ende Oktober ihren Geburtstag – doch dieses Jahr ist ihr nicht nach einer Feier zumute. Krieg und Terror beherrschen die Welt. Mehr denn sonst sollten wir deshalb unsere Privilegien dafür nutzen, dem Schrecken ein Ende zu setzen. Denn nichts sei schlimmer, als zu schweigen, findet unsere Kolumnistin.

Kolumne Mandy
Illustration: Zana Selimi (Quelle: Zana Selimi)

Anm. d. Red.: Im Text ist die Rede von «White Supremacy» (zu Deutsch «weisse Vorherrschaft»). Damit wird eine angebliche «Überlegenheit der weissen Rasse» behauptet. Der Ausdruck gilt als Sammelbegriff für rassistische Ideologien und gesellschaftliche Strukturen. 

Als ich zum ersten Mal das Datum für meine nächste Kolumne sah, freute ich mich: Es ist der 21. Oktober. Nur wenige Tage später, am 25. Oktober, habe ich Geburtstag. Ich werde 33 Jahre alt. Ein schönes Thema: Mein eigener Geburtstag. Dazu ist Dreiunddreissig eine Schnapszahl.

Ich könnte davon erzählen, wie es für mich war, das Fest als Kind zu feiern. Wie meine Eltern mit wenig Geld versucht haben, mir vor allem eine fröhliche Erinnerung zu schenken. Oder wie es sich über die Jahre verändert hat; in welcher Form ich den Tag heute selbst zelebrieren möchte. Dieser Text könnte sich darum drehen, sein Alter zu akzeptieren oder darum, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, um anderen oder sich selbst zu verzeihen.

Doch diese Gedanken werden rasch verdrängt, die Freude in mir erstickt. Zu gross sind meine Sorgen. Denn morgen, am 22. Oktober, wählt die Schweiz ihr Parlament neu. Die SVP soll zulegen, es wurde ein starker Rechtsrutsch vorhergesagt. Die Wahlbeteiligung ist bisher tief. Ich probiere mich davon zu überzeugen, dass das keine Rolle spielen muss.

Ist es nicht sowieso zu spät, um noch etwas zu bewirken? Wie viele Menschen werden meinen Text noch rechtzeitig lesen? Kann ich überhaupt motivierend genug schreiben, damit Nichtwähler:innen morgen an die Urne gehen? Wohlwollend rede ich mir ins Gewissen, dass es in Ordnung ist, lieber an Geburtstagskuchen und meine Liebsten zu denken, anstatt an Hass und Ausgrenzung. Dass ich das Privileg geniessen darf, über das zu schreiben, was ich will. 

Schweigen als stille Zustimmung

In meiner ersten Kolumne im Mai dieses Jahres hatte ich versprochen, mit meinen Texten die Mauern unserer Welt aufzuzeigen, damit wir diese mit Liebe, Zusammenhalt und Hoffnung stürzen können. Allerdings sollte für meinen eigenen Geburtstag gewiss doch eine Ausnahme möglich sein. Eine Art Auszeit für ein schönes Thema: Für dreiunddreissig Kerzen.

Auszeit, noch ein Privileg, appelliert mein Gewissen. Schliesslich hatte ich vor sechs Monaten im selben Beitrag den Krieg im Sudan erwähnt, dort haben sie diese Freiheit seither nicht mehr. Inmitten mich diese Debatte in meinem Inneren seit einigen Tagen beschäftigt, überschlagen sich in den Medien die Schlagzeilen zu Israel und Palästina: Terror, Krieg, Genozid.

«Auf welcher Seite werden dich die Menschen sehen, wenn sie in 100 Jahren auf 2023 zurückblicken?»

Özge Eren

Während die einen in meinem Umfeld mit der Situation überfordert sind, kümmert es die anderen kaum. Das setzt dem Sturm in meinem Kopf ein Ende. Schweigen kann keine Option sein. Mein Privileg, zu schreiben und eine Stimme zu haben, muss ich exakt zu diesem Zeitpunkt ausnutzen. Die Auszeit kann in meiner privilegierten Lage in sonstigen Formen zum Ausdruck kommen.

Die Autorin, Politologin und Expertin für Gleichberechtigung und Antidiskriminierung Emilia Roig erinnert uns daran, dass Krieg und Gewalt nicht zwingend zur menschlichen Erfahrung dazu gehören, sondern ein Produkt des Patriarchats sind. Ausserdem sind Kolonialismus, Imperialismus und White Supremacy historisch gesehen häufig die Ursachen für Konflikte, die heute noch andauern.

Es ist oftmals eine Taktik der westlichen Medien, diese als zu kompliziert oder unlösbar darzustellen. Denn diese zu lösen, würde ebenfalls bedeuten, sich kritisch mit dem Kapitalismus auseinanderzusetzen. Doch dieser baut auf Ausbeutung auf und kann nur funktionieren, wenn wir Arbeiter:innen entmenschlichen. Diese Entmenschlichung, die wir als Teil des Systems automatisch reproduzieren,  führt dazu, dass wir beispielsweise das Töten von sudanesischen, jüdischen, palästinensischen Kindern mit einem Schulterzucken abtun.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass wir uns dadurch mitverantwortlich machen. Die Welt hat diese Systeme, weil wir sie erfunden haben. Länder sind erfunden, Grenzen sind erfunden, Armut ist erfunden. Wenn wir schweigen, wählen wir, dass die Welt so bleibt.

«Wir erleben Geschichte im Präsens»

Und wenn du jetzt denkst, du bist ausgenommen, weil du eben nicht wählen gehst, dann irrst du dich. Schlussendlich bedeutet «nicht wählen» immer, den Status Quo zu unterstützen. Es bringt nichts,  jüdischen oder muslimischen Menschen auf Social Media Solidarität auszusprechen, wenn du zulässt, dass die SVP gewählt wird. Die Partei, die klare Verbindungen zu Neonazis hat und mit Gesetzesänderungen anti-muslimischen Rassismus schürt.

Hinzu kommt, dass wir die Auswirkungen dieser Wahl – oder Nichtwahl – nicht nur innerhalb der Schweiz zu spüren bekommen: Wie wir wählen, hat auch Einfluss auf unsere Aussenpolitik. Und wenn die stärksten Werte unserer Politik Hass und Angst sind, dann fördern wir Krieg, Gewalt und Unterdrückung, unabhängig davon, ob wir aktive Akteur:innen sind oder nicht.

Wir erleben Geschichte, jetzt, hier, im Präsens. Wir können beeinflussen, wie sich die Welt entwickeln wird. Es ist nie zu spät; 22. Oktober hin oder her. Du kannst dich jederzeit entscheiden, tätig zu werden. Unterstütze auf einer dir möglichen Weise Aktivist:innen, fördere und unterschreibe Petitionen und Initiativen, helfe aus bei Vereinen für marginalisierte Menschen. Allenfalls hast du eigene Privilegien, die du nutzen kannst.

Wir urteilen gerne über Personen in der Vergangenheit und staunen, wie die breite Bevölkerung nichts dagegen unternommen hat. Dabei sollte man sich immer fragen: Auf welcher Seite werden dich die Menschen sehen, wenn sie in 100 Jahren auf 2023 zurückblicken? Für mich ist klar: Es muss die Seite der Liebe sein, der Menschheit. Das sind wir allen Menschen schuldig, die nie wieder Geburtstag feiern werden können und allen jenen, die noch nicht geboren sind.

özge
(Quelle: Elio Donauer)

Özge Eren

Die Geschichte von Özge Eren beginnt bereits mit ihrem Grossvater, der wie viele damals im Rahmen der Abkommen zwischen der Türkei und Schweiz als Gastarbeiter in die Schweiz kam und Jahre später seine Familie zu sich holte.

Die Rechte der Arbeiter:innen, Klassismus, Kapitalismus, Sozialismus – dies waren Themen, die Özge im jungen Alter kennenlernte. Ihre Eltern erklärten ihr bereits im Kindergarten, dass sie studieren muss, wenn sie lieber länger schlafen möchte, anstatt früh morgens in der Fabrik zu stehen. Nach vielen Nebenjobs, Stipendien, unzähligen rassistischen und sexistischen Vorfällen, hat sie ihr Studium in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen. Danach stieg sie in nur sechs Jahren in der männerdominierten Telekommunikationsbranche von einem Praktikum zu einer Head-Position auf.

Özge nutzt ihren heutigen sozio-ökonomischen Status, um diverse Vereine, Kollektive, Projekte und Menschen zu unterstützen. In ihrem Umfeld ist sie bekannt für politische Diskussionen, obwohl sie viel lieber über Fussball, Nagellackfarben und Single Malts sprechen würde. Mit ihren Texten hofft sie, zum Denken anzuregen und zu vermitteln: Wir sind nicht alleine.

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