Zürcher Stadtwald im Wandel: «Die grösste Gefahr ist der Mensch»

Zunehmende Trockenheit, invasive Käfer, unvorsichtige Menschen: Der Druck auf den Stadtwald steigt. Wie geht man in Zürich damit um? Mit einem Förster auf Streifzug durch den Uetliberg-Wald.

Er sorgt dafür, dass es dem Zürcher Stadtwald gut geht: Revierförster Nils Schönenberger. (Quelle: Isabel Brun)

Die Blätter der Bäume am Rand des Uetlibergs sind daran, sich goldbraun zu verfärben. Einige liegen bereits am Boden und werden von einem Laubbläser durch die Luft gewirbelt. Es ist Herbst geworden in Zürich, auch wenn die Temperaturen noch stark an den Sommer erinnern.

Nils Schönenberger trägt an diesem Tag im Oktober T-Shirt und Gilet. Für den Wald sei ein sonniger Herbst an sich nicht problematisch. «Hat es in den Vormonaten genügend geregnet, können Bäume eine lange Zeit davon zehren. Langfristig gesehen schaden zu warme Temperaturen jedoch dem Ökosystem des Waldes.» Schönenberger kennt sich mit der hiesigen Flora bestens aus. Sein halbes Leben verbrachte der heute 32-Jährige im Wald, früher als Forstwart im Zürcher Oberland, heute als Revierförster auf dem Uetliberg in Zürich.

Rund 900 Hektare umfasst das Gebiet, für das er und seine 24 Mitarbeitenden zuständig sind. Das entspricht 12’000 Fussballfeldern. 65 Prozent davon sind im Besitz der Stadt, die restlichen gehören Privaten und Holzkorporationen. Zürich besteht zu einem Viertel aus Wald. Das sei für eine Stadt relativ viel, sagt Schönenberger. So erstaunt es nicht, dass das Siedlungsgebiet unmittelbar an den Waldrand grenzt – ein Segen und Fluch zugleich.

Eine Welle der Zerstörung

Schönenberger steuert das Auto an Pferdeweiden und Wohnblocks vorbei den Berg hoch. Er will zeigen, wie es dem Waldstück geht, das vor zwei Jahren durch das Sturmtief Bernd dem Erdboden gleichgemacht wurde. Am Wegrand bergen sich immer wieder Haufen mit Ästen und Baumstämmen auf.

Ein Teil des Sturmholzes werde absichtlich liegen gelassen: Als Lebensraum für Tiere und Insekten fördere das die Biodiversität des Waldes, erklärt der Waldhüter. Das verstehen nicht alle. «Manchmal erhalten wir auch Anrufe von Spaziergänger:innen, dass wir den Wald mal wieder aufräumen sollen.» Er schmunzelt, während er das sagt und fügt an: «Die einen sorgen sich zu sehr, die anderen zu wenig.»

«Es wird 50 bis 60 Jahre dauern, bis an diesem Hang wieder dichter Wald mit grossen Bäumen steht.»

Förster Nils Schönenberger

Auf einem kleinen Plateau hält Schönenberger den Wagen an und steigt aus. Wie durch ein offenes Fenster zeigt sich die Stadt in der Ferne. Eine tolle Aussicht, wären da nicht die Umstände. Innerhalb von wenigen Minuten wurden hier im Juli 2021 rund 40 Hektar Wald zerstört. Auch andere Gebiete waren betroffen; insgesamt fielen über 14’000 Kubikmeter Holz dem Sturm Bernd zum Opfer. Das Extremwetterereignis kostete die Stadt sechs Millionen Franken.

Heute wachsen auf dem zerstörten Waldstück wieder neue Bäume heran. (Quelle: Isabel Brun)

Er sei geschockt gewesen über das Ausmass, erinnert sich der Förster an den Morgen danach: «Es wird 50 bis 60 Jahre dauern, bis an diesem Hang wieder dichter Wald steht mit grossen Bäumen.» Was aussieht wie Gestrüpp seien junge Bäume, erklärt er. Ein paar Dutzend davon sind mit grünem Plastik eingepackt. Wenige Schritte davon steht wie bestellt ein Reh. «Die Edelkastanie mögen sie besonders gern. Richtige Feinschmecker.»

Neue Baumarten für neues Klima

Dass Schönenberger und sein Team hier Edelkastanien gepflanzt haben, ist eine Ausnahme. In aller Regel setzt die Stadt Zürich auf die sogenannte Dauerwald-Bewirtschaftung, bei der so wenig wie möglich in das Ökosystem eingegriffen werden soll. Bäume werden nur gefällt, wenn sie ein Sicherheitsrisiko für Menschen darstellen oder jungen Pflanzen das Sonnenlicht streitig machen. Dadurch wird ein Wald widerstandsfähiger und die Artenvielfalt nimmt zu. Aufgeforstet wird nur, wenn zwingend nötig; zum Beispiel nach Sturmschäden.

Auch wenn es schmerzt, für den Wald sei so etwas auch eine Chance, sagt Schönenberger: «Auf dem zerstörten Gebiet wachsen nun Bäume heran, die besser mit Klimaveränderungen umgehen können als jene, die im Sturm umgekommen sind.» Wie eben die Edelkastanie und der Nussbaum.

Fichten haben besonders grosse Mühe mit der Hitze – auch jene auf dem Uetliberg. (Quelle: Isabel Brun)

Neu ist diese Erkenntnis nicht. Wissenschaftler:innen forschen schon seit längerem daran, wie sich der Wald besser gegen klimatische Veränderungen wappnen kann. Viele heimische Baumarten leiden unter den trockenen und heissen Sommer, die in den letzten Jahren zur Norm geworden sind. Laut der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL sterben jährlich bis zu 10 Prozent der Bäume in der Schweiz an den Folgen von Hitzestress; besonders betroffen sind Buchen und Fichten.  

Ein Wald, viele Bedürfnisse

Auch auf dem Uetliberg stehen Fichten – noch zumindest. Denn ihnen setzt ein kleiner Käfer stark zu. Wie und warum, weiss Schönenberger. Mittlerweile sitzt er wieder am Steuer, manövriert das Auto sicher über eine schmale Holzbrücke. Das schöne Wetter lockt auch an diesem Mittwochnachmittag einige Menschen in den Wald. Das Spannungsfeld Stadtwald sei herausfordernd, antwortet der Förster auf die Frage, weshalb er ausgerechnet hier arbeitet, «aber es ist eben auch extrem abwechslungsreich und landschaftlich wunderschön». 

Zu Schönenbergers Aufgaben gehört nicht nur die Pflege der Pflanzenwelt auf dem Uetliberg, sondern auch die Bewirtschaftung der Strassen, Biketrails und Grillstellen. Damit würde man Waldbesucher:innen gezielt lenken, sodass sich die Natur in anderen Gebieten entfalten könne. Deshalb wirkt die Fahrt durch diesen Teil des Waldes auch ein bisschen wie ein Besuch in einem Erlebnispark – wild und unberührt, sei es im östlichen Teil des Uetlibergs. «Durch dieses System schützen wir den Wald und die Bevölkerung», so der Förster.

Doch nicht alle halten sich an die Regeln: Trotz Grillstellen und Warnschildern brannten 2018 am Uetliberg 2000 Quadratmeter Wald. «Die grösste Gefahr für den Wald ist der Mensch», ist sich Schönenberger sicher.

Auf dem Weg zu den Fichten kommt eine Gruppe Kleinkinder angelaufen. Mit ihren Warnwesten sehen sie aus wie kleine Zwerge. Dass auch diese kleinen Wesen den Wald in Bedrängnis bringen, kann man sich kaum vorstellen. Schönenberger deutet auf einen kleinen Hang, der praktisch nur noch aus Sand besteht, weil Kinder den Boden tot getrampelt haben. Die Wurzeln einiger Bäume sind freigelegt.

Aufklärung sei ebenfalls Teil seiner Arbeit, so Schönenberger. Dafür klettert er auch schon mal auf einen Holzstapel. (Quelle: Isabel Brun)

In absehbarer Zeit werde man diese fällen müssen, da sie nicht mehr stabil genug stehen und bei starken Regenfällen abrutschen könnten. Kein Weltuntergang, aber ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie stark sich der Wald durch unser Dasein verändert. Seiner Meinung nach braucht es deshalb mehr Aufklärung darüber, wie man sich in der Natur richtig verhält. Gerade für Kinder, die in der Stadt aufwachsen.

Ein ewiger Kreislauf

An einer Lichtung stellt er das Auto ab. Am Wegrand stapeln sich Baumstämme zu einer Pyramide. An einigen prangt eine dreistellige Zahl: Sie signalisiert, woher das Holz stammt, damit man es später dem richtigen Ort zuweisen kann. Die Stadt sei nicht auf den Verkauf von Holz angewiesen, so Schönenberger. Viel Geld erhält man dafür auch nicht. Maximal 70 Franken würde ein solcher Stamm noch einbringen.

Es sind jene Fichten, von denen er zu Beginn des Ausflugs erzählt hatte. Borkenkäfer haben hier ganze Arbeit geleistet. Die Schädlinge nisten sich unter der Rinde ein und beeinträchtigen die Wasserversorgung so stark, dass Teile des Baumes absterben können.

Des einen Glück ist des anderen Leid: Borkenkäfer pflanzen sich in den selbstgebohrten Gängen fort. (Quelle: Isabel Brun)

Doch warum befallen sie ausschliesslich Fichten? Das habe damit zu tun, dass die Bäume unter der zunehmenden Trockenheit leiden. Die Käfer würden diese Schwäche ausnutzen, erklärt der Förster: «Je angeschlagener ein Baum ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines Pilz- oder Schädlingsbefalls.» Gehe es einer Fichte also gut, könne sie sich gegen die Käfer wehren, indem sie Harz produziere und ein Eindringen verhindert. Das Fichtensterben steht also exemplarisch dafür, wie unser Wald unter dem Klimawandel leidet. 

Schönenberger klettert auf die gestapelten Baumstämme, um ein Stück Rinde eines befallenen Baumes zu holen. Es liegt ihm am Herzen, verständlich zu machen, wie das Ökosystem Wald funktioniert und alles zusammenhängt. Vergangenen Sommer übernahm er das Amt von seinem Vorgänger, der 32 Jahre lang für den Wald am Uetliberg verantwortlich war. Das Wichtigste, was man bei seiner Arbeit brauche, sei Geduld, erzählt Schönenberger auf der Rückfahrt. Mit den Bäumen, aber auch mit den Menschen.

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