«Es gibt Rentner:innen, die richtig viel kiffen. Das hat mich selber erstaunt»

Derzeit laufen schweizweit mehrere Pilotprojekte zur regulierten Cannabis-Abgabe. Doch nur in Zürich gibt es neben Apotheken als Abgabestellen auch Social Clubs, in denen man gleich vor Ort kiffen kann. Max Donath ist Gründer von «The Chronic», einem der schweizweit ersten zehn dieser Clubs. Warum sein Laden noch eine Baustelle ist und wie er mit Kiffer-Vorurteilen aufräumen möchte, erzählt er im Gespräch.

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Clubgründer Max Donath mit der ersten Cannabis-Lieferung: «Unser Ziel ist es, wegzukommen von der Hintertür-Gesellschaft» (Quelle: Noëmi Laux)

Noëmi Laux: Du bist der Gründer eines der ersten zehn Social Clubs in der Schweiz, in denen legal Cannabis geraucht und gekauft werden darf. Bist du selbst Kiffer?

Max Donath: Ich würde mich als Cannabis-Enthusiast bezeichnen, der ab und zu auch mal einen Joint raucht. Mittlerweile kiffe ich aber weniger als früher. Warum fragst du?

Du entsprichst nicht dem klassischen Stereotyp eines Kiffers, also dem «verpeilten Typ», der morgens nicht aus dem Bett kommt, die Dinge lieber gemütlich angeht und für alles ein bisschen länger braucht.

Und ich gehöre auch keiner kriminellen Vereinigung an (lacht). Lustigerweise sind die Leute oft überrascht, wenn ich ihnen erzähle, was ich mache. Aber das ist genau das Problem: Der Cannabiskonsum ist mit sehr vielen Vorurteilen behaftet. Das haben wir auch stark gespürt bei der Suche nach einem Lokal.

Inwiefern?

Am Anfang waren immer alle begeistert, wenn wir von unserem Vorhaben erzählt haben. Wenn es aber darum ging, ein Lokal, in dem Cannabis geraucht wird, bei sich aufzunehmen, haben viele Vermieter:innen abgeblockt. Aus Angst, da würde ein Drogenschuppen entstehen, oder dass es Ärger mit den Nachbar:innen geben wird. Dabei ist es gerade unser Ziel, wegzukommen von dieser Hintertür-Gesellschaft. Denn ich bin überzeugt: Der bewusste und kontrollierte Cannabis-Konsum ist nicht gefährlicher als der von anderen legalen Substanzen wie Zigaretten oder Alkohol.

Diese Woche startet das Pilotprojekt. Doch von den insgesamt zehn Social Clubs in Zürich sind nur zwei vollständig bezugsbereit. Auch ihr steckt noch mitten im Umbau.

Ja, denn eine passende Location zu finden war nur die erste Herausforderung. Gerade sind wir dabei, das Fumoir, also den Konsumraum, fertigzustellen. Das ist ein aufwändiger und teurer Prozess. Denn wir müssen uns an viele Auflagen halten, wie etwa eine gute Belüftung. Social Clubs, die eine Location mit einem bestehenden Fumoir gefunden haben, sind da klar im Vorteil. Voraussichtlich wird unser Fumoir Mitte September bereit sein. Bis dahin können unsere Mitglieder das Cannabis zwar bei uns kaufen, aber noch nicht vor Ort rauchen.

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Das Fumoir im «The Chronic» in Oerlikon befindet sich noch im Umbau. Bis die Lüftung eingebaut ist, läuft der Betrieb reduziert. (Quelle: Noëmi Laux)

Derzeit laufen in mehreren Schweizer Städten Pilotprojekte zur regulierten Cannabis-Abgabe. Doch Social Clubs gibt es nur in Zürich, sie sind in der Schweiz einmalig. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Im Social Club kann man nicht nur Cannabis kaufen, sondern auch vor Ort rauchen. Man muss sich das vorstellen wie eine normale Bar mit Raucher:innenbereich, nur eben, dass bei uns zusätzlich Cannabis geraucht werden kann. Wir wollen einen Ort schaffen, an dem man zusammenkommt, gemeinsam Zeit verbringt und sich wohlfühlt. Wir werden auch Getränke und kleine Snacks im Angebot haben.

Das klingt nach einem richtigen Kiffer-Paradies. Es geht also klar um den Freizeit-Genuss und nicht um eine Abgabe aus medizinischen Gründen. Besteht da nicht die Gefahr der Verharmlosung? 

Gekifft wird so oder so. Warum also nicht ein Angebot schaffen, bei dem der Konsum kontrolliert und reguliert ist und die Mitglieder vor allem genau wissen, was sie rauchen? Unsere Produkte sind alle biozertifiziert und der:die Konsument:in weiss genau, wie stark das Cannabis ist. Unsere Produkte sind sicher nicht gestreckt, wie das bei Gras vom Schwarzmarkt oft der Fall ist. Ausserdem wird immer jemand von uns vor Ort sein. Wenn wir das Gefühl haben, der Konsum entwickelt sich bei einzelnen Mitgliedern in eine gefährliche Richtung, können wir eingreifen und das Gespräch suchen. Klar, wir sind in erster Linie eine Bezugsstelle und nicht Mama oder Papa. Dennoch besteht ein wesentlicher Teil unserer Arbeit darin, auf unsere Mitglieder zu achten und dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht. Die Zahl von Mitgliedern pro Social Club ist auf 150 Personen begrenzt. Mit der Zeit werden wir alle kennen, da bin ich mir sicher. Und für die Teilnahme an der Studie ist ein positiver THC-Test Voraussetzung.

Ein positiver THC-Test?

Genau. Es klingt vielleicht erst mal merkwürdig, dass ein positiver Drogentest abgegeben werden muss, um an einer wissenschaftlichen Studie teilzunehmen. Doch das Projekt richtet sich klar an Menschen, die bereits konsumieren. Wir wollen verhindern, dass Leute durch das Projekt erst mit dem Kiffen anfangen. Deshalb der Test. Gebärfähige Menschen müssen zudem einen negativen Schwangerschaftstest vorweisen. Berufsfahrer:innen und Pilot:innen sind von der Studie ebenfalls ausgeschlossen.

Vor einer definitiven Aufnahme lernt ihr alle potenziellen Mitglieder bei einem persönlichen Gespräch kennen. Wie verläuft das Aufnahmeverfahren?

Bevor wir zum Gespräch einladen, müssen alle Interessierten einen Onlinefragebogen ausfüllen, wobei ein Grossteil bereits wieder rausfällt, weil zum Beispiel der Wohnsitz nicht in der Stadt Zürich ist. Das ist eine Grundvoraussetzung, um an der Studie teilzunehmen. 

Laut einer Untersuchung des BAG konsumieren häufiger Männer Cannabis als Frauen. Zudem nimmt der Konsum mit dem Alter ab. Am häufigsten konsumieren junge Männer zwischen 18 und 25 regelmässig Cannabis. Deckt sich dieses Bild mit euren Proband:innen?

Was die Männer-Frauen-Quote angeht, auf jeden Fall. Wir haben auch einige Frauen aufgenommen, aber deutlich weniger als Männer. Was das Alter angeht, zeigt sich bei uns ein weniger klares Bild. Volljährig sind natürlich alle, das ist eine Grundvoraussetzung, um an der Studie teilzunehmen. Aber nach oben hin haben wir kaum Grenzen. Es gibt Rentner:innen, die richtig viel kiffen. Das hat mich selber erstaunt.

Wie stellt ihr sicher, dass das Studien-Gras nicht weiterverkauft wird, oder es von Menschen konsumiert wird, die nicht Teil der Studie sind?

Beim ersten Bezug erhalten die Teilnehmer:innen einen Studienausweis, der ihnen die Befugnis gibt, das Studien-Gras zu kaufen und zu konsumieren. Es ist ein «Members only»-Prinzip, es dürfen also wirklich nur Mitglieder des Cannabis-Vereins «The Chronic Zürich» bei uns kaufen und dann später auch konsumieren.

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Das Studiensortiment umfasst neun Cannabisprodukte. Die Preise liegen zwischen 7.20 Franken und 9.60 Franken pro Gramm. (Quelle: Noëmi Laux)

Die Studie ist auf drei Jahre angelegt. Wie es danach weitergeht, ist bislang unklar. Das ist für euch als Clubbetreiber:innen auch mit einem finanziellen Risiko verbunden. Warum machst du das?

Das habe ich mich auch schon gefragt (lacht). Als mein Geschäftspartner und ich Anfang letztes Jahr die Zusage der Stadt bekommen haben, einen Social Club eröffnen zu dürfen, haben wir unsere regulären Jobs gekündigt und seither konzentrieren wir uns voll auf «The Chronic». Klar, vor allem finanziell besteht ein gewisses Risiko, weil wir als Verein organisiert sind und mit unserem Privatvermögen haften. Doch ich sehe für uns in erster Linie eine Chance, sich auf dem Gebiet zu etablieren. Und wenn wir es schaffen, durch die Erfahrungen der nächsten drei Jahre eine regulierte Abgabe rechtfertigen zu können, haben wir eine ideale Basis, auf der wir aufbauen können. 

Welche Erkenntnisse erhofft ihr euch vom dreijährigen Studienbetrieb?

Das Ziel ist, erst einmal zu schauen, wie eine regulierte Abgabe funktioniert, bevor sie dann hoffentlich öffentlich gemacht wird. Die Versuche in kleinem Rahmen sollen zeigen: Wie funktionieren Social Clubs als legale Bezugsquellen? Mit den Erfahrungen und dem Wissen der nächsten drei Jahre kann dann besser entschieden werden, wie man in Zukunft mit diesem Thema umgeht.

Momentan ist die Gesetzeslage auf dem offenen Markt ziemlich schwammig: Zehn Gramm Cannabis darf man bei sich haben, beim Rauchen darf man sich aber nicht erwischen lassen. Kann die Studie hier auch für Anpassungen sorgen?

Das wird die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn man in Richtung Legalisierung gehen möchte, so braucht man Erkenntnisse. Und die ergeben sich aus der Studie. Wir fangen jetzt also damit an, in den nächsten drei Jahren Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln. Darauf aufbauend kann dann entschieden werden, ob wir weiter in Richtung regulierte Abgabe gehen. Ich bin mir sicher, dass dieses Projekt aufzeigen wird, dass Cannabis, gutes Cannabis, keinen Schaden anrichtet. 

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