Die Stadt schärft ihre Wohnpolitik und nimmt den Kanton in die Pflicht
Der Zürcher Stadtrat will mehr gemeinnützigen Wohnraum schaffen und damit die Verdrängung bremsen. Das «Programm Wohnen» setzt auf Liegenschaftskäufe, schärfere Vergaberichtlinien und frühzeitige Quartierbegleitung.
Steigende Mieten, knappes Bauland, wachsende Verdrängung: Der Zürcher Wohnungsmarkt steht unter Druck.
Mit dem geschärften «Programm Wohnen» will der Stadtrat gegensteuern. Dieses wurde erstmals 2012 eingeführt, 2017 überarbeitet, und zielt darauf ab, Zürich als Wohnstadt für alle Einkommensgruppen offen zu halten.
Der Hochbauvorsteher André Odermatt (SP), Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne), die Stadtratspräsidentin Corine Mauch (SP) und der Wohndelegierte Philippe Koch stellten die überarbeitete Strategie am Dienstagmorgen vor. Leupi machte klar: Die Stadt will aktiver werden – doch ohne zusätzliche Instrumente von Kanton und Bund bleibe ihr Handlungsspielraum begrenzt.
In diesen vier Bereichen will der Stadtrat ansetzen: Wohnraumangebot, Wohnraumzugang, Rahmenbedingungen sowie Wirkungsmessung und Steuerung.
Wohnraumangebot ausbauen
Die Stadt will mehr gemeinnützige Wohnungen. Dazu plant die Liegenschaften Stadt Zürich, den Wohnungsbestand bis 2040 um zusätzlich 1500 Wohnungen zu erhöhen – das sind lediglich 100 pro Jahr. Leupi entgegnete: «Das ist das realistische Potenzial auf städtischen Arealen und ein überdurchschnittlicher Zuwachs.» Bereits heute würden die Wohnungen der «Ligi», die städtische Liegenschaftenverwaltung, rund ein Viertel der gemeinnützigen Wohnungen ausmachen. «Wir erwarten, dass alle Akteur:innen ihren Teil beitragen. Das ist das Mindestmass.»
Währenddessen kauft die Stadt weiterhin Land und Wohnliegenschaften. Dafür beschloss der Gemeinderat kürzlich, jährlich 600 Millionen Franken für Hauskäufe auszugeben. Aber: «Die Stadt kauft nicht alles zusammen», sagte Leupi. Jede Liegenschaft werde geprüft, auf Zustand, Erneuerungsbedarf, Tragbarkeit. Grosse Objekte seien sinnvoller als einzelne Häuser mit hohem Sanierungsbedarf. Sonst verzettle sich die «Ligi».
Ein Beispiel aus Leutschenbach: Für ein Wohnhochhaus bot die Stadt 45 Millionen Franken, Swiss Life verlangte 86 Millionen. «Zu diesem Preis können wir keine günstigen Mietwohnungen anbieten», sagte Leupi. Viele geprüfte Objekte würden durch das Raster fallen.
Wohnraumzugang sichern
Ebenfalls will die Stadt sicherstellen, dass die städtischen und gemeinnützigen Wohnungen fair und transparent vergeben werden, mit Fokus auf Haushalte mit tiefem und mittlerem Einkommen, Ältere, junge Erwachsene in Ausbildung und Menschen in prekären Verhältnissen. Unterbelegte Wohnungen sollen bedarfsgerecht und verträglich neu vergeben werden.
In Quartieren wo Liegenschaften saniert oder neugebaut werden, will die Stadt früh eingreifen, durch Beratung, Vermittlung, Übergangslösungen und Mietzinsvergünstigungen. So soll Verdrängung verhindert und soziale Vielfalt gesichert werden.
Politische Vorhaben wie die kantonale Wohninitiative «Recht auf Heimat», die die SVP am Dienstag eingereicht hat, und die Einheimische bei der Wohnungsvergabe bevorzugen will, verurteilte Leupi: «70 bis 80 Prozent der vergebenen Wohnungen gehen bereits an Menschen aus dem Quartier.»
Die Behauptung, Wohnungen würden vor allem an Auswärtige vergeben, sei falsch. Dass ein Vorschlag von jener Seite käme, die Zürich Abschottung vorwerfe, nennt Leupi «etwas billig».
Rahmenbedingungen verbessern
Dialoge mit Bauträger:innen, Verwaltung und Quartierbevölkerung sollen helfen, den Wohnbestand sozialverträglicher zu verdichten, sagte Hochbauvorsteher André Odermatt.
Ein Schlüsselinstrument sei der Paragraf 49b des kantonalen Planungs- und Baugesetzes. Er erlaubt Gemeinden, bei Auf- oder Umzonungen Mindestanteile preisgünstiger Wohnungen zu verlangen. Bisher wird er jedoch kaum genutzt.
Odermatt stellte dennoch klar: Private Eigentümer:innen lassen sich nicht verpflichten. Überzeugungsarbeit bleibe zentral – zumal rund 71 Prozent der Wohnungen in Zürich nicht gemeinnützig sind.
Der Wohndelegierte Philippe Koch ergänzte: «Private haben Renditeziele. Entscheidend ist, wo sich Spielräume öffnen lassen.» Es gehe nicht darum, den Kapitalismus zu überwinden, sondern eine neue Normalität im Umgang mit dem Bestand zu etablieren. Dafür brauche es letztlich auch kantonale Unterstützung, etwa durch eine Wohnschutzinitiative.
Wirkung messen und steuern
Ob ihre Wohnmassnahmen funktionieren, will die Stadt Zürich künftig besser prüfen. Alle vier Jahre soll dazu ein grosser Bericht erscheinen. Die Marke von 1500 zusätzlichen städtischen Wohnungen bis 2040 diene als messbarer Referenzpunkt.
Die Stadtpräsidentin Corine Mauch sagte: «Es ist kein Wundermittel, aber es zeigt transparent, was die Stadt macht und warum.»
Leupi verweist auf Kanton
Die Stadt übernehme Verantwortung, sagte Leupi. Etwa im Dialog mit privaten Eigentümer:innen oder bei Wiedereinzugsangeboten nach Sanierungen, wie im Fall der Helvetia an der Frohburgstrasse. Doch der Kanton bleibe passiv. «Als Hochschulstandort macht er schlicht nichts», sagt Leupi. Für eine Region mit Tausenden Studierenden sei das «beschämend».
Hoffnung setzt der Stadtrat auf mehrere kantonale Vorlagen, über die im Juni abgestimmt wird. Sie sollen den Gemeinden mehr Kompetenzen im Wohnschutz und im gemeinnützigen Wohnungsbau geben.
Parteien fordern konkretere Strategien
Von der Politik kamen erwartungsgemäss unterschiedliche Reaktionen: SP und Grüne begrüssen die Liegenschaftskäufe, fordern aber ein noch stärkeres Engagement der Stadt. Die EVP setzt auf weniger Bürokratie und verbindlichen Schutz vor Verdrängung. Die GLP lobt, dass private Akteur:innen eingebunden werden und der Fokus auf den Bedürftigen liegt, kritisiert aber fehlende Zielvorgaben und zu geringe Bauzahlen.
Die FDP attackiert die Liegenschaftskäufe als preistreibend und wirkungslos. Sie verlangt stattdessen schnellere Bewilligungen und konsequentere Verdichtung.
Ebenfalls klare Worte findet die AL, die das Programm als «mut- und zahnlos» bezeichnet. Ihr fehlen im «Programm Wohnen» konkrete Strategien, wie private Investor:innen nach Aufzonungen verbindlich in die Pflicht zu nehmen und Massnahmen gegen Luxus-Sanierungen, Leerkündigungen, Business Apartments und Airbnb umzusetzen.
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Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.