Mit Minigolf gegen Spekulationen

Eine Minigolfanlage in Dietikon wird dank dem Einsatz engagierter Bürger:innen und Politiker:innen vor dem Abbruch bewahrt und auf der Hardgutbrache können Zürcher:innen gratis Bälle einlochen. Was der Freizeitsport mit Bodenpolitik zu tun hat? So einiges, wissen unsere Architektur-Kolumnist:innen.

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Alles ist politisch: Auch Minigolf?

Es gibt kaum jemanden, welche:r die rötlichen, leicht polierten Betonbahnen mit Rohrbanden nicht kennt, wie jene auf der Minigolf-Anlage Mühlematt. Pilzförmige Lampenschirme, Nadelbäume und Kirschlorbeerbüsche prägen das Bild der leicht zum Marmori-Weiher hin abfallenden Anlage. Der Genfer Landschaftsarchitekt Paul Bongni hatte 1969 die Minigolfanlage samt Garten entworfen. Sie folgt seinem patentierten System von 1953, das Minigolf nicht zur zum Wettkampfsport erhob, sondern auch seine Verbreitung als Freizeitsport förderte – bis heute. Jede Minigolfanlage nach System Bongni setzt sich aus 18 von 25 genormten Pisten zusammen, wobei die Pisten «Blitz» und «Rechter Winkel» zwingend vorhanden sein müssen.

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War dem Tod geweiht: Die Minigolf-Anlage Mühlematt in Dietikon. (Foto: Dorothee Hahn)

Vor gut einem Monat eröffnete auf der Hardgutbrache die Minigolfanlage Hard. Die Piste «Rechter Winkel» sucht man hier vergebens. Statt Pisten mir durchkalkulierten geometrischen Formen ragt unter anderem ein mit Spiegelscherben beklebter Hügel mit drei Löchern aus dem kargen Boden. Eine andere Piste setzt sich aus einer Küchenabdeckung und einer Duschtasse zusammen, bei noch einem anderen muss der Ball an einer Yann-Sommer-Figur vorbeigebracht werden. Jede der ungewöhnlichen Bahnen wurde von verschiedenen Gruppen, Vereinen und Einzelpersonen gebaut, die sich mit ihrer Idee beim Verein Minigolf Hard bewerben konnten. Die Bongni’sche Maxime, dass jede Piste in einem Schlag («Ass») gelocht werden könnte, erweist sich als kaum machbar. Das Kompetitive steht hier aber eben genau nicht im Vordergrund: Der Ort ist ein unkommerzieller Freiraum.

Die Rettung der Dietiker-Minigolfanlage

«Die Freizeitanlage ist ein wichtiger sozialer Treffpunkt für die Quartierbewohner und die Bevölkerung von Dietikon und der ganzen Umgebung», schrieb die EVP-Politikerin Manuela Ehmann in ihrem Postulat Rettet die Minigolfanlage Mühlematt vom 8. Juni 2020. Mitbegründerin der Interessensgemeinschaft (IG) Minigolf, die SP-Politikerin Kerstin Camenisch, bestärkt: Jede:r Dietikoner:in verbinde eine Kindheitserinnerung mit dieser Minigolfanlage, sei es wegen einem Schulturnier oder einem Familienausflug. Einen solchen etablierten Freiraum könne man nicht einfach herstellen, er müsse über Zeit entstehen.

«In dieser liebenswerten Spiessbürgerlichkeit steckt jedoch auch ein Stück radikale Bodenpolitik.»

ZAS*

«Es ist schade, dass gerade jetzt, wo die Bevölkerung über die Schaffung von Freiräumen diskutiert, ein solch etablierter Freiraum für ein Mehrfamilienhaus, die im Moment mannigfach in Dietikon gebaut werden, aufgegeben wird», führt Ehmann in ihrem Postulat aus. Damit bezieht sie sich auf Zweierlei: Erstens auf das im Oktober 2019 eingereichte Baugesuch der Primobilia AG aus Wallisellen, der das Grundstück gehört.

Laut dem Inhalber Rolf Schuhmacher soll es acht bis zehn Eigentumswohnungen an bester Lage «zu vernünftigen Preisen» geben. Zweitens, auf die Erkenntnisse des Studio Dietikon, das 2018 vom Stadtplanungsamt Dietikon und dem Büro Denkstatt sàrl ins Leben gerufen wurde. Ziel des Studios war, die Bevölkerung an Themen der Stadtentwicklung und des Stadtlebens einzubeziehen. Daraus ging hervor, dass die Bewohnenden sich mehr Freiräume wünschen. Nicht wirklich erstaunlich, aber Schwarz auf Weiss eben doch eine mächtige Grundlage für politische Entscheidungskämpfe.

Bei der Chronologie der Rettung auf der Website der Minigolfanlage Mühlematt liest, fällt auch, wie unwillig sich die Stadt Dietikon lange Zeit zeigte, das Grundstück zu erwerben. Politische Vorstösse der Befürwortenden des Erhalts wurden damit beantwortet, dass es nicht die Kernaufgabe der Stadt sei, eine solche Anlage zu erhalten und dass der Preis schlichtweg über ihren Vorstellungen liege. 

Der Wendepunkt in den Verhandlungen stellte die Inventarisierung der Minigolfanlage dar. Dabei mache die kantonale Denkmalpflege Zürich alle paar Jahre Begehungen der Gemeinden und Gebäude, Freizeitanlagen oder anderen Infrastrukturen, um jene ins Inventar aufzunehmen, die sie als potenziell schützenswert einstufe, so Kerstin Camenisch. Sie würden dabei systematisch nach Jahrgang oder Typologie vorgehen, wobei sich die Kriterien fortwährend verändern. Letzteres erklärt Camenisch damit, dass die Schutzwürdigkeit eines Objekts von der aktuellen gesellschaftlichen Relevanz abhängt. Die Inventarisierung stelle also eine Grundlage dar, um über eben diese Relevanz und den damit verbundenen Wertevorstellungen zu diskutieren. Trotzdem habe sie noch keine bindende Wirkung für die Grundstückseigentümer:innen.

Im Falle der Minigolfanlage Mühlematt galt erst das Baugesuch der Primobilia AG als sogenanntes «Provokationsbegehren». Das heisst, dass die Eigentümerin einen schriftlichen Entscheid über die Schutzwürdigkeit seines Grundstücks verlangt. Die Denkmalpflege stellt am Ende der Schutzwürdigkeitsabklärung ein Gutachten aus, das im Detail bestimmt, welche Elemente aus welchen Gründen schützenswert sind und in welchem Rahmen sie verändert werden dürfen. Während der Abklärung, welche in der Regel ein Jahr dauert, wird ein Baustopp verordnet.

Ein weiteres Kriterium der Stadt Dietikon für den Erwerb der Minigolfanlage war die Zustimmung der Bevölkerung. Dafür hat die IG Minigolf eine Petition lanciert: Dabei kamen 2471 Unterschriften zusammen. Diese hätten zwar per se keine juristische Wirkung, seien aber eine Form von Protest, sagt Camenisch. Sie würden den Druck von «Wir-sind-viele» generieren. 

Nächste Generation darf über Zukunft entscheiden

Die Denkmalpflege stellte Ende 2020 das Gutachten aus, legte fest, dass die Minigolfanlage und der Garten zu erhalten seien und empfahl die Weiternutzung. Für die Primobilia AG glich dieser Entscheid einer Enteignung. Sie sass nun auf einem Stück Land fest, das sie nicht entwickeln konnte. Bei Gesprächen am runden Tisch mit der Eigentümerin, der Stadt und dem Kanton wurde nach Lösungsvorschlägen gesucht. 

Das Grundstück konnte nicht in den Händen des privaten Eigentümers verbleiben, da die «Schutzfähigkeit einer Minigolfanlage nur gegeben sei, wenn die Anlage ihrem ursprünglichen Bestimmungszweck entsprechend betrieben wird», heisst es im Protokoll des Zürcher Regierungsrates. Und eine solche Betreibungspflicht könne einem privaten Eigentümer nicht auferlegt werden. 

Im April 2022 passierte dann das Erstaunliche: Nachdem der Kanton eine durch die Stadt ersuchte Subventionierung zum Kauf der Anlage bewilligte, kaufte die Stadt das Grundstück für rund 3,5 Millionen Franken und übergab den Betrieb an den nicht gewinnorientierten Trägerverein Mühlematt Dietikon. Unter der Bedingung, dass der Schutz nach 20 Jahren wieder verhandelt werden kann, falls sich der Betrieb nicht rentiert. Kerstin Camenisch war anfangs nicht begeistert von dieser Bedingung. Im Nachhinein hält sie aber fest, dass es eine gute Sache gewesen sei, dass die nächste Generation selbst bestimmen darf, was sie für relevant hält.

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Die Minigolf-Bahnen auf der Hardgutbrache entsprechen nicht der Norm. (Foto: Sonja Flury)

Wer nun gleich zum Putter greifen will, sei vorgewarnt: Die Minigolfanlage Mühlematt ist in den Sommermonaten nur während der Öffnungszeiten geöffnet und bei Regen geschlossen. Ausserdem muss ein kleiner Betrag als Eintritt gezahlt werden. Ein Seitenblick zur Minigolfanlage Hard wirft Fragen zur Zugänglichkeit von solchen Freiräumen auf: die Anlage beim Schlachthof ist jederzeit offen, Ball und Schläger können aus einer Kiste entnommen werden. Es gibt keine Aufsicht, jedoch stellen die Gewerberäume in unmittelbarer Nähe eine Art soziale Kontrolle her.

Wäre eine solche Nutzung auf der Minigolfanlage Mühlematt auch denkbar? Könnte sie als  öffentlicher, nichtkommerzieller Freiraum funktionieren? Camenisch verneint die Frage dezidiert: Man habe eine Verpflichtung gegenüber der kantonalen Denkmalpflege, die Anlage vor Schäden zu bewahren, daher brauche es eine Form der Zugangskontrolle. Zudem entspreche die für den Ballsport genormte Anlage nicht den heute geltenden Normen der Hindernisfreiheit. Wer «Baukultur sportlich bespielen» will, muss also Eintritt zahlen und nach den Regeln von Bongni spielen.

In dieser liebenswerten Spiessbürgerlichkeit steckt jedoch auch ein Stück radikale Bodenpolitik und in jedem Schlag etwas politischer Aktivismus: Ohne die Minigolfanlage und begeisterte Bespieler:innen würde auf der Mülimatt jetzt die Primobilia AG eine Immobilie entwickeln.

P.S. Wer noch nicht genug hat von der Vermengung von Minigolf und Politik, kann am 19. Juli um 18.00 Uhr auf der Minigolfanlage Stockmatt mit Stadtrat Daniel Leupi eine Partie spielen.

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

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