Männer sind nicht das Zentrum eures Lebens!
Immer mehr Frauen und genderqueere Personen verzichten freiwillig auf Beziehungen mit cis Männern. Jess Sigerist findet das absolut verständlich: Zu lange wurde das Leben mit Prinz Charming als Nonplusultra verkauft. «Dezentriert Männer», fordert deshalb Sigerist.
Männer sind out.
Spätestens seit dem viral gegangenen Artikel in der «Vogue»wissen wir, dass einen Freund haben peinlich ist und in den Sozialen Medien trenden Hashtags wie #boysober oder #decentermen.
Gemeint ist: Frauen sollen aufhören, Männer ins Zentrum ihres Lebens zu stellen. Eine romantische Liebesbeziehung mit Prinz Charming ist, jahrzehntelanger Sozialisation durch Disney und RomComs zum Trotz, nicht mehr das Hauptlebensziel.
Was zunächst wie ein Lifestyletrend daher kommt, wurzelt in einer gesellschaftlichen Realität.
Die Zahlen geben dem Trend eine gewisse Nüchternheit: Statistiken zeigen, dass Männer in heterosexuellen Beziehungen länger leben, glücklicher und gesünder sind als Single Männer.
Bei Frauen ist es umgekehrt. Beziehungen mit Männern sind für Frauen im besten Fall von einem Ungleichgewicht an Care- und emotionaler Arbeit geprägt. Im schlimmsten Fall enden sie tödlich. In der Schweiz gab es dieses Jahr schon fünf Femizide. Es ist Februar.
Ist das Dezentrieren von Männern also auch eine Überlebensstrategie?
Wenn mir Freund:innen von ihrem Dates mit cis Männern erzählen, weiss ich manchmal nicht, ob ich in einer schlechten Komödie oder in einem Horrorfilm gelandet bin. Unter dem Tisch drücke ich heimlich meinen Karabiner und danke meinen Ahninnen, dass ich queer bin.
Es ist also wenig überraschend, dass immer mehr Frauen und genderqueere Personen auf Beziehungen mit cis Männern verzichten wollen. Bisexuelle Frauen entscheiden sich bewusst dafür, nur noch Frauen, Lesben, inter, non-binäre, trans und agender – kurz FLINTA – Personen zu daten und einige Menschen aus meiner Poly-Bubble gehen sogar so weit, keine Menschen mehr zu daten, die ihrerseits cis Männer daten.
Radikal? Vielleicht. Verständlich? Absolut.
«Männerdezentriert zu leben, endet nicht beim Dating»
Aber auch heterosexuelle Frauen sehen sich nach Alternativen um. Sie entscheiden sich für freundschaftszentrierte Lebensentwürfe, leben kinderlos oder ziehen Kinder gemeinsam mit Freundinnen gross. Andere führen weiterhin Liebesbeziehungen mit cis Männern – vermeiden es aber, sich für die Beziehung aufzuopfern und diese zu ihrem Hauptlebensinhalt zu machen. Sie priorisieren Freund:innen, Hobbies und sich selbst.
«Männer zu dezentrieren bedeutet, sie nicht immer zum Mittelpunkt des Gesprächs zu machen. Es bedeutet, Männern auf dem Trottoir nicht automatisch auszuweichen.»
Jess Sigerist
Männerdezentriert zu leben endet nicht beim Dating. Auch in anderen Lebensbereichen können wir uns männlicher Anerkennung möglichst unabhängig machen.
Darauf zu pfeifen, ob der Chef die langen Fingernägel unprofessionell findet. Auf die eigene Erfahrung zu vertrauen, statt sich von einem random Mann im Fitness erklären zu lassen, wie man die Langhantel richtig hält. Beim Weihnachtsessen die politische Meinung zum besten geben, auch wenn Onkel Reto das vielleicht anders sieht.
Nicht nur in persönlichen Beziehung, auch durch die Medien, die wir konsumieren, können wir Männer aus dem Zentrum nehmen. Indem wir uns überlegen, welche Bücher wir lesen, welche Podcast wir hören und welche Filme wir sehen. Wessen Kunst konsumiere ich und wen bezahle ich dafür? Über wen rede ich und wessen Arbeit empfehle ich weiter? Welche Perspektiven auf die Welt kenne ich und welche fehlen mir?
Männer zu dezentrieren bedeutet, sie nicht immer zum Mittelpunkt des Gesprächs zu machen. Es bedeutet, Männern auf dem Trottoir nicht automatisch auszuweichen. Und hast du schon mal überlegt, auf deinem Wahlzettel alle cis Männer zu streichen und sie durch FLINTA-Personen zu ersetzen? You can do it.
«Weibliche Perspektiven gelten als Spezialinteresse. Männliche als universell.»
Jess Sigerist
Und bevor mir hier jetzt irgendwelche verletze Männer in die Kommentarspalten schlittern und «Diskriminierung!» tippen: Cis Männer machen das mit Frauen imfall schon lange.
Männer sind mit Männern befreundet, sie hören Männer zu, sie applaudieren Männern.
Für viele Männer sind Bücher von weiblichen Autorinnen oder Filme mit hauptsächlich weiblichem Cast «für Frauen» und somit uninteressant. Weibliche Perspektiven gelten als Spezialinteresse. Männliche als universell.
Die Mutter als einziges weiblich gelesenes Vorbild
Als ich noch in der Sozialen Arbeit tätig war, leitete ich eine Weiterbildung zu gendersensiblem Arbeiten mit Jugendlichen. In einer ersten Runde, wurden die Teilnehmenden, alles ausgebildete Sozialarbeiter:innen, dazu aufgefordert, ein Vorbild zu nennen.
Die Frauen nannten etwa zur Hälfte weibliche und zur Hälfte männliche Vorbilder. Die Männer nannten ausschliesslich Männer.
In der zweiten Runde lautete die Aufgabe: Nennt ein Vorbild, das nicht euer eigenes Geschlecht hat. Den Frauen fiel das nicht schwer. Jede konnte sofort einen Mann nennen, den sie bewundert.
Bei der Männergruppe wurde es still. Nur zweien kam schliesslich ein weibliches Vorbild in den Sinn – sie nannten beide ihre Mutter. Nach langem Nachdenken meldet sich noch Dritter: Sein Vorbild sei Pipi Langstrumpf. Obwohl ich auch damals bereits durch jahrelange Patriarchatserfahrung ernüchtert war, hat mich dieses Ergebnis doch geschockt.
Männer kennen ausser ihren eigenen Mütter und einem fiktiven Kind keine bewundernswerten Frauen. Und sie scheinen damit ganz gut zu leben.
Vielleicht ist das das Provokante am Dezentrieren: Dass es nicht Neues ist. Vielmehr eine Umkehr. Eine Verschiebung des Scheinwerferslicht. Wenn wir Männer dezentrieren, gibt es im Zentrum Platz für Neues. Für weibliche Vorbilder, queere Perspektiven, für Freundschaften und Communitys ausserhalb von Kleinfamilien.
Und liebe cis Männer, wenn ihr mal nicht im Zentrum steht, habt ihr vielleicht mal Zeit um nachzudenken.
Worüber? Das werdet ihr bestimmt selbst herausfinden.
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Jess Sigerist (keine Pronomen oder they/them) ist Zürich geboren und aufgewachsen. Jess hat Ethnologie und Soziale Arbeit studiert und ist heute queere:r Sex Educator, nicht-binäre:r Elternteil und polyamouröse:r Aktivist:in. Jess hat den queer-feministischen Sex Shop untamed.love gegründet und macht gerne lustige Videos im Internet.