Das Zürich Nord der Zukunft: Weniger Fussball mehr Fun Palace

Zürich Nord ist geprägt von Veranstaltungsorten und Sportanlagen. Besonders auffällig sind die Bauten an der Wallisellenstrasse. Doch das Gebiet wird sich ab 2030 durch das neue Sportzentrum verändern – wie die dadurch entstandenen Räume künftig genutzt werden könnten, darum dreht sich die aktuelle ZAS*-Kolumne.

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Das Hallenbad Oerlikon an der Wallisellenstrasse. (Foto: ETH-Bildarchiv)

Mit Wasser in den Ohren höre ich nur entfernt das Radio, welches die offen gestalteten, orangefarbenen Umkleidezonen beschallt. Erschöpft von den geschwommenen Bahnen trete ich aus dem Schwimmtempel heraus auf die schnurgerade Wallisellenstrasse, welche den Blick durch eine Allee von Pappeln lenkt.

Entlang dieser befinden sich die grossen Veranstaltungsbauten der Stadt: das Hallenbad, das Theater 11, das Hallenstadion, die Radrennbahn, die Messe, die Eisbahn, und am Ende zeigt sich der alte Kern von Oerlikon. Zwischen den Bauten liegen die Fussballfelder des 1. FC Polizei Oerlikon und weiteren Vereinen. Bis auf die Trainierenden auf den Sportplätzen ist die Gegend eher ruhig, das Stück Stadt erwacht jeweils nur zu den Stosszeiten der einzelnen Veranstaltungsorte und wird mit dem Ausklingen der Events wieder ruhig.

Die angrenzenden Quartiere sind noch stark von ihrer vorstädtischen Lage geprägt. Richtung Oerlikon reihen sich hauptsächlich Einfamilienhäuser und kleinere Mehrfamilienhäuser aneinander, eingebettet in grüne Zonen, Kleingärten, fliessendes Abstandsgrün und vereinzelt geteilte Grünflächen. Es herrscht eine Ruhe und nachbarschaftliche Stimmung, man scheint sich hier zu kennen – gerade auch die vielen Anwohner:innen, die mit ihren Hunden spazieren gehen. Hinter den Gleisen springt der Massstab – die Türme der ehemaligen Credit Suisse sowie das Quartier «Mehr als Wohnen» berichten von einem neuen Zeitalter.

Der Zürcher Norden im Wandel

Um Oerlikon als Subzentrum des Zürcher Nordens ist in den letzten 30 Jahren viel passiert. Die Transformation, welche ihren Anfang in den 1990ern nahm, wird sich in den kommenden Jahren weiterziehen. Dies auch, weil im benachbarten Kreis Schwamendingen starke Veränderungen im Gange sind: die Autobahn-Einhausung und die damit verbundene Aufwertung des Quartiers werden ihre Auswirkungen haben. Genossenschaften und Private entwickeln hier, die Innere Verdichtung und der Überlandpark werden ein neues Stück Stadt entstehen lassen.

Neben dem Bevölkerungswachstum, welches durch die Wohnbautätigkeit angeregt wird, sind es auch die anliegenden städtischen Infrastrukturen, die auf die Veränderung reagieren müssen. Mit der kommenden Abstimmung für die Schule Saatlen wird in unmittelbarer Nachbarschaft das bisher grösste Schulareal der Stadt entstehen. Insbesondere die öffentlichen Einrichtungen für Sport, Freizeit und gemeinschaftliche Aktivitäten rüsten sich zur Stadtwerdung. So auch das neue Sportzentrum Oerlikon Nord, welches sich momentan in Planung befindet. 

Sport und Architektur verbinden

Heute wird entlang der Wallisellenstrasse noch in zwei Bauten geschwommen und eisgelaufen, die beide um 1980 entstanden sind. Das Hallenbad Oerlikon wurde 1978 nach den Plänen von Max Kollbrunner erbaut – dem Architekten, der auch für die stadtbekannten Hardautürme entwarf. Im Innern des Hallenbads erhebt sich in expressiven blau das geschwungene Dach über die durchgestaltete Sportlandschaft, und verleiht dem Schwimmbad einen tempelhaft anmutenden Ausdruck. Architektonisch wurde das Gebäude schon kurz nach Fertigstellung für seine «attraktive Erscheinung» als «eine beispielhafte Anwendung des Baustoffs Stahl im vielversprechenden Gebiet von grossen Sportanlagen» mit dem Europäischen Stahlpreis ausgezeichnet.

Auch heute noch wirkt das Flair der späten 1970er. Auch die 1985 fertiggestellte Eishalle auf der anderen Seite der Wallisellenstrasse, entworfen von unserem ZAS-Vorgänger Fritz Schwarz, ist einen Besuch wert: Auf einer eingeschossigen Betonstruktur steht ein riesiges halbrundes Dach, welches die Kunsteisbahn überspannt und teils mit opaken Faserzement, teils mit transluzentem Polycarbonat überdacht ist, was eine besondere Lichtstimmung im Innern erzeugt. Dort zeigt sich den Besucher:innen auch das für damalige Verhältnisse kühne, weitspannende Dach aus riesigen Brettschichtholzbögen – was heute durchaus als zeitgenössische Struktur verstanden werden könnte.

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Max Kollbrunners Werk im Querschnitt. (Foto: zVg)

Seit etwa zwei Jahren steht fest, welches Neubauprojekt aus dem 2021 durchgeführten Wettbewerb realisiert werden soll: Das Siegerprojekt «Ammonit» kombiniert gestapelte Eishallen mit einer ebenerdigen Bäderlandschaft mit Aussen- und Innenbecken, und auf dem riesigen Dach befindet sich ein Fussballplatz.

Somit werden verschiedene Sportnutzungen im Nordosten des Areals räumlich konzentriert. Dies bringt neben Flächeneinsparungen auch betriebliche und energetische Synergien. Da der Neubau auf drei von heute sechs Fussballfeldern zu stehen kommt, müssen die Sportvereine über die Jahre der Bauphase mit nur drei Feldern auskommen. Bis zur voraussichtlichen Vollendung des riesigen neuen Sportzentrums im Jahr 2030 bleiben das heutige Hallenbad sowie die Kunsteisbahn in Betrieb, sodass ein unterbruchsfreier Schwimm- und Eislaufbetrieb möglich ist. 

«Zwischen Schwamendingen und Oerlikon gibt es heute nur ein relativ begrenztes Angebot an Räumen, die zur Aneignung einladen.»

ZAS*

So weit so gut. Mit der Fertigstellung des neuen Sportzentrums werden die bestehenden Schwimm- und Eislaufbauten jedoch als solche obsolet. Die Stadt Zürich als Eigentümerin sieht vor, die beiden ausgedienten Anlagen nach der Fertigstellung des Neubaus in acht bis zehn Jahren abzureissen – denn im Oerliker Sportpark der Zukunft sollen neu sieben statt heute sechs Fussballfelder entstehen. Die Fussballfeld-Rochade sieht somit wie folgt aus: Drei der heutigen sechs Felder bleiben bestehen und drei Felder werden mit dem Sportzentrum überbaut.

Darauf wird ein viertes Kunstrasenfeld auf dem Dach des Neubaus gewonnen, ein fünftes entsteht durch den Abriss und der Eishalle, und ein sechstes Fussballfeld kommt durch die Verdrängung des Tennisclubs hinzu – welcher bedauerlicherweise keinen Platz im neuen Sportzentrum fand. Ein siebter Rasenplatz samt Garderobengebäude wird durch den Abriss des heutigen Hallenbads möglich. Damit steht am Ende der Rochade ein Fussballplatz mehr zur Verfügung als heute.

Kino und Konzerte im einstigen Schwimmbecken

Dafür muss aber dann die grosse gebaute Masse aus Beton, Stahl und Holz sowie das räumliche Potential der zwei Bauten geopfert werden. Der neue Fussballplatz kann als monofunktionale Fläche nur sehr beschränkt zur Qualität eines verdichteten Oerlikon beitragen. Könnte mit ein wenig Fantasie in den bestehenden Gebäude nicht auch etwas Neuartiges entstehen? Sodass in Zukunft nicht noch mehr gebaut werden muss?

00_BAZ_154394, Blumenplastiken von Charlotte Schmid, 1979
Wäre eine andere Nutzung des Schwimmbads denkbar? (Foto: ETH-Bildarchiv)

Denn zwischen Schwamendingen und Oerlikon, in den beiden stark wachsenden Gebieten, gibt es heute nur ein relativ begrenztes Angebot an Räumen, die zur Aneignung einladen. Das GZ Oerlikon ist klein, das GZ Hirzenbach weit weg. Was braucht der Ort in Bezug auf sein bevorstehendes Wachstum? Wäre das ausgediente Hallenbad nicht die ideale Ausgangslage für einen «Fun Palace» für Zürich Nord? Ein offener Ort wie einst vom englischen Architekten Cedric Price beschrieben:

«Choose what you want to do – or watch someone else doing it. Learn how to handle tools, paint, babies, machinery, or just listen to your favourite tune. Try starting a riot or beginning a painting – or just lie back and stare at the sky.»

Ein erfolgreiches Beispiel einer solchen Umnutzung gibt es in Luzern, auch wenn dieses vorerst noch auf Zeit gedacht ist: Das ehemalige städtische Hallenbad wird dort seit zehn Jahren erfolgreich von einem Verein als Kulturzentrum mit dem Namen Neubad betrieben – mit Café und Restaurant, unzähligen Workshop- und Eventangeboten, Weiterbildungen, Tagungen, und mit Kinos und Konzerten im ehemaligen Schwimmbecken. Wäre das nicht auch für Zürich Nord denkbar und wünschenswert? Vielleicht wie in Luzern auch erstmal nur auf Zeit? Die Stadt könnte in Zukunft ja immer noch Fussballplätze bauen, falls wirklich nötig. 

Sogar das geplante Garderobengebäude könnte im bestehenden Hallenbad Platz finden – in den orangenen, ehemaligen Garderoben, wo heute die Besuchenden vom Radio beschallt werden. Warum sich nicht auf ein solches Experiment an der zukünftigen Sport- und Kulturmeile einlassen? Interessenten dafür fänden sich sicherlich genügend. Immerhin lässt es sich noch einige Jahre davon träumen, denn bis zum geplanten Abriss dauert es noch fast eine Dekade.

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

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