1058 Montagskonzerte: Ein musikalisches Ritual im Exil
Seit über zwanzig Jahren spielt Nik Bärtsch jede Woche mit seiner Band Ronin im Exil. Ein Besuch bei einem Musiker, für den Wiederholung kein Zwang, sondern ein kreatives Prinzip ist.
«Einen Moment, ich bin in zehn Sekunden an der Tür», sagt Nik Bärtsch mit ruhiger Stimme am Telefon. Kurz darauf öffnet er den Hintereingang des Exils, der Stätte seines musikalischen Schaffens, des Mekkas seiner Community, die jeden Montag für einen Abend mit Bärtsch ins Industriequartier Zürichs pilgern.
Bärtsch ist gross, trägt schwarze Kleidung, seine Augen fokussiert, seine Bewegungen zielgerichtet. Auf den ersten Blick erscheint er wie ein Monument seiner selbst. 1971 in Zürich geboren, gründete er 2004 das Exil mit, wo er die Konzertreihe «Montags» und verschiedene Workshops über Rhythmik und Bewegung leitet. Er führt ein eigenes Musiklabel, tourt mit seinen zwei Bands Ronin und Mobile international durch Europa, Asien, Nordamerika, bezeichnet sich selbst als Bandleader, Tourmanager, Veranstalter, Promoter.
Ein Leben, das so aufregend scheint wie das eines Rockstars. Und doch, oder vielleicht gerade deshalb, fühlt sich Bärtsch den japanischen Lebensphilosophien hingezogen, meditiert und trainiert Aikido im Studio seiner Ehefrau Andrea Pfisterer. Zwei Kulturen, die Bärtsch mit seiner Band Ronin zu vereinen scheinen will. Den Musikstil betitelt er entsprechend mit der kulturverbindenden Wortneuschöpfung Zen-Funk.
Montage zwischen Routine und Kreativität
Zurück im Exil läuft Bärtsch mit entschlossenen Schritten durch den Club, vorbei an Bar und Bühne, links in der Ecke steht ein Flügel, rechts ein Schlagzeug. Bärtsch hat die Bühne zuvor selbst hergerichtet und mit der Band einen Soundcheck gemacht, sagt er. Keine Selbstverständlichkeit für einen Musiker, der gerade von einer zweiwöchigen Tournee nach Hause gekommen ist. In dieser Zeit hat er eine andere Band für die Montagskonzerte engagiert. Denn: ausfallen lassen, würde er das wöchentliche Ereignis nie.
Diese Beständigkeit sei mit ein Grund, weshalb ihm der Montag heilig sei, sagt Bärtsch. Schon 1058. Mal spielte er mit der Band Ronin im Exil. Immer montags, immer um 21 Uhr und immer zu viert: Nik Bärtsch, Sha, Jeremias Keller und Kaspar Rast. Vor dem Konzert: Die Bühne vorbereiten, den Raum bestuhlen, den Merchstand aufstellen, das Poster aufhängen. Und am Nachmittag leitet Bärtsch verschiedene Workshops. Zur Vorbereitung gehören auch eine Spinatwähe und ein Cappuccino mit Hafermilch aus dem Café um die Ecke. Dabei möge er Grüntee eigentlich lieber, gesteht er. Am liebsten den frisch importierten aus «La Cucina» an der Europaallee.
«Man kann nicht immer nur Champions League spielen.»
Nik Bärtsch
Was für andere eine öde Routine darstellen würde, ist für Bärtsch willkommener Alltag. «Liebevolle, bewusste Repetition fördert die Kreativität. Inspiration kommt nicht von irgendwoher!» Die Hingabe, mit der Bärtsch die Vorbereitung jeden Montag angehe, sei für ihn der Grundstein seines Erfolges.
Alle Mitglieder von Ronin würden in dieser Routine immer an sich selbst arbeiten, die Nuancen des Zusammenspiels verfeinern, üben, ausprobieren und sich dabei selbst neu kennenlernen, sagt Bärtsch. «Man kann nicht immer nur Champions League spielen.» Wer zu einer solchen Leistungsbereitschaft im Kleinen nicht in der Lage sei, sagt Bärtsch, würde im Grossen nie bestehen. Und der mit dieser Routine einhergehende Verzicht sei als kunstschaffende Person wahrscheinlich die höchste Tugend, fügt er hinzu. Mit tausenden Ideen im Kopf sei es essenziell, sich selbst zu begrenzen, notorisch immer wieder an denselben Stellen zu feilen und sich nicht von der eigenen Kreativität ablenken zu lassen.
Zudem ginge es an diesen Montagen auch um das Schaffen einer Community, sagt Bärtsch. Die Idee dieser regelmässigen Zusammenkünfte stammt aus dem Jahr 2003. Damals öffneten Bärtsch und Andrea Pfisterer ihre privaten Türen jeden Montag von zwölf Uhr mittags bis zwölf Uhr abends und luden zum Verweilen und Zusammensein ein. Ein Jahr später wurden diese Treffen in das Clublokal verlegt, die Grundidee sei jedoch dieselbe geblieben: Einen Raum zu schaffen, in dem man sich wohlfühlen kann.
Die Kunst des Zen-Funks
Es ist Punkt acht Uhr. Bärtsch steht am Eingang des Exils, um in der nächsten Stunde die Besucher:innen persönlich zu begrüssen. Viele von ihnen sind nicht zum ersten Mal hier. Es wird geplaudert und gelacht, Neuigkeiten werden ausgetauscht und wo Bärtsch jemanden noch nicht kennt, wird eine neue Freundschaft geschlossen.
Es ist neun Uhr, kurz vor Konzertbeginn. Der Eingangsbereich ist mittlerweile leer, die Besucher:innen haben sich in den gedimmten Saal gesetzt. Bärtsch bleibt allein zurück. Er ist sichtlich aufgeregt, schüttelt sich, macht voller Konzentration ein paar Atem- und Dehnungsübungen. Für einen Moment ist er ganz in sich gekehrt. Ein letzter tiefer Atemzug, dann ist Bärtsch bereit. Zielstrebig schreitet er auf die Bühne zu.
Im Saal ist es dunkel. Auf dem Bühne flackert ein rotes Licht auf, erst zögerlich, dann bestimmt. Aus der Stille taucht ein Puls auf. Kein lautes Pochen, eher ein tastender Herzschlag. Bärtsch beugt sich über sein Instrument, als wolle er ihm ein Geheimnis anvertrauen. Dann verwandelt er den Flügel für einen Moment in ein Schlaginstrument, greift mit den Händen in den Korpus und streicht gezielt über die Klaviersaiten, als würde er ihren Widerstand abtasten. Es ertönt ein tiefes Grollen – ein Raunen aus dem Inneren des Flügels, das wie ein ferner Donnerschlag das Konzert einläutet.
Während einer Stunde nimmt die Musik den Raum in Beschlag und scheint das Publikum in einen Zustand zu versetzen, der zwischen Konzentration und Trance schwankt. Der Rhythmus dieser Band reisst mit, wie man es von Funkmusik erwartet. Gleichzeitig tragen die sich wiederholenden Muster zu einem meditativen Stil bei, die den Zen-Funk spürbar macht. Eine Mischung, die vor Energie und Konzentration nur so strotzt.
Das Ende naht: Kein Crescendo, das sich aufdrängt, sondern ein kontrolliertes Beben, das von innen heraus pulsiert. Die Energie spannt sich auf wie ein Bogen – und dann: Stille. Abrupt, unversöhnlich. Kein Nachhall. Die Musiker stehen auf, verbeugen sich und verlassen um Punkt Zehn Uhr die Bühne. «Zugaben? Spielen wir nie», sagt Bärtsch später mit einem kaum merklichen Lächeln.
Nach dem Konzert ist vor dem Konzert
Nach dem Konzert steht Bärtsch wieder im Eingangsbereich – oder dieses Mal wohl eher am Ausgang – und plaudert mit den Besucher:innen. Für ihn gehöre dies sowohl zu seiner eigenen Erfahrung als auch für die der Besuchenden dazu. Eine gegenseitige Wertschätzung, ein gemeinsames Gestalten des Montagsraumes. Sie wollten bei der Gründung des Exils vor über 20 Jahren ein neues Zuhause schaffen: «Einen Zufluchtsort in der eigenen Stadt, einen Ort, den es nicht gibt», sagt Bärtsch. «Ein Exil eben.»
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 2500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei! Natürlich jederzeit kündbar!
Das mache ich bei Tsüri.ch: Viel lernen, Neues einbringen und hoffentlich gute Laune verbreiten – und ein Praktikum im Civic Media Team.
Das mache ich ausserhalb von Tsüri.ch: Die Zürcher Fussball-Alternativliga aufmischen, mal mehr oder weniger ernste Musikprojekte angehen, mit meiner Analogkamera durch Stadt und Land wandern und Kaffee trinken.
Das mag ich an Zürich am meisten: Im Sommer das Zusammensein im Freien bis spät, im Winter das Glühweintrinken. Zu allen Jahreszeiten die Kinos und das Letzi.