Zürcher will mit KI verletzten Soldaten in der Ukraine helfen
Der Zürcher Kommandant Fabio Keller hat mit einem KI-Gerät zur medizinischen Versorgung jüngst einen Hackathon in Warschau gewonnen. Mit seinem Einsatz will er auch die Sicherheit der Schweiz verbessern.
Dominik Fischer: Im Dezember sind Sie nach Warschau gereist, um an einem sogenannten Hackathon teilzunehmen. Dort kommen Interessierte und Expert:innen aus Informatik und Industrie zusammen, um neue Produkte zu entwerfen. Haben Sie damit gerechnet, dass Sie gleich gewinnen könnten?
Fabio Keller: Überhaupt nicht, zumal ich alleine an der Idee gearbeitet habe und zum ersten Mal teilgenommen habe. Als mein Sieg verkündet wurde, war ich schon am Gate am Flughafen. «Du hast dein Siegerfoto verpasst», sagte mein Bekannter am Telefon. Ich dachte zuerst, es sei ein Scherz.
An den Hackathons des European Defense Tech Hub werden Prototypen entwickelt, die der Ukraine und Europa bei der Verteidigung helfen sollen. Wie haben Sie den Weg nach Warschau gefunden?
Ich bin seit über zehn Jahren im Schweizer Militär. Inzwischen bin ich Kommandant einer Sanitätskompanie und mit den Problemen der Armee gut vertraut. Im letzten Jahr habe ich eine Idee entwickelt, mit der ich ziemlich spontan an den Hackathon gereist bin. Vor Ort kam aber alles anders. Meine ursprüngliche Idee habe ich verworfen und eine neue entwickelt.
Um was für ein Produkt handelt es sich dabei?
Es ist ein ansteckbarer Pin, der mithilfe von künstlicher Intelligenz bei der medizinischen Versorgung hilft. Bei der Entwicklung haben mir die Mentoren vor Ort geholfen, vor allem ein ukrainischer Soldat, der mir erklären konnte, was die drängendsten Probleme an der Front sind.
Wie sehen diese Probleme aus?
Generell ist für das ukrainische Militär die Logistik die grösste Schwierigkeit. Also die Frage, wie man Material, Soldat:innen und medizinische Güter zu den vordersten Stellungen bringt, und von dort wieder zurück. Das betrifft auch die Evakuation verwundeter Soldat:innen.
Was macht die Evakuation so kompliziert?
Früher wäre eine Ambulanz nach vorne gerast, hätte den oder die verletzte Soldat:in aufgeladen und wäre umgekehrt. Doch inzwischen gibt es kaum noch Ambulanzen an der Front, weil diese besonders oft vom russischen Militär angegriffen werden. So müssen die Soldat:innen für die Evakuation warten, bis es Nebel oder sonst günstige Voraussetzungen gibt. Dann müssen sie die Verwundeten häufig über mehrere Kilometer zurücktragen. Das sind schreckliche Zustände. Hinzu kommt: Aktuell werden sehr wenige Informationen über die Verwundeten registriert, und das oft nur per Kugelschreiber.
Das klingt verheerend. Und hier kommt Ihr Gerät ins Spiel?
Der kleine Pin mit KI-Technologie soll den Soldaten helfen, ihre verwundeten Kolleg:innen besser zu versorgen, bis sie ein Spital erreichen. Das Gerät wird einfach an die Kleidung gesteckt. Dann kann es über Audiosignale die Patientendokumentation verbessern und mit Vitalparametern dabei helfen, den oder die Kamerad:in zu pflegen.
Der Pin soll auch daran erinnern, sogenannte Tourniquets bei Schwerverletzten abzunehmen. Können Sie das ausführen?
Ganz genau. Ein Tourniquet ist ein relativ einfaches, aber essenzielles Gerät, gerade bei Explosionsverletzungen, wie sie in der Ukraine häufig vorkommen. Das Tourniquet klemmt den Blutfluss ab und verhindert so ein Verbluten. Doch oft werden sie auch bei weniger schlimmen Verletzungen angebracht. Leider ist das eine häufige Ursache für unnötige Amputationen. Der KI Pin hilft mit einem Signal, das Tourniquet rechtzeitig zu kontrollieren.
Und das Gerät funktioniert auch ohne Internetverbindung?
Es gibt Situationen, in denen es offline funktionieren muss, weil man keine Verbindung hat. Ausserdem sendet jede Verbindung elektromagnetische Wellen aus. Und das russische Militär ist leider gut darin, diese Signale zu entdecken, was schnell gefährlich werden kann.
Viele der anderen Teilnehmenden des Hackathons stammen aus Polen, Litauen, Deutschland, der Ukraine. Also aus Ländern, die eine reale Bedrohung durch Russland spüren.
Durchaus. Die Litauer sagten manchmal: «Ihr seht den Rauch, wir sehen das Feuer.» Die baltischen Staaten und Polen haben eine andere Einstellung als wir. Dort gibt es viele junge Leute, die jetzt etwas machen wollen, bevor es zu spät ist.
Wie war es für Sie, in die Ukraine zu reisen und «das Feuer» zu sehen?
Ich war nicht in der Nähe der Front, sondern in Kiew und anderen Städten im Westen. Dort ist das Risiko anders. Trotzdem gab es auch einen grösseren russischen Angriff auf Kiew, als ich dort war. Ich bin aufgewacht und habe am Fenster gesehen, wie es am Horizont aufleuchtet. Man hat die Explosionen und das Surren der russischen Drohnen gehört.
Solch bedrohliche Situationen erlebt man als Kommandant einer Schweizer Sanitätskompanie nicht. Hat Sie das mitgenommen?
Ich habe es gut geschafft, ruhig zu bleiben, als ich dort war. Doch zurück in der Schweiz sind immer wieder Dinge hochgekommen. Zumal ich in der Ukraine mit vielen, teils schwer verletzten Soldaten gesprochen habe.
Ihre Geschichte ist ziemlich einzigartig. Was ist Ihre Motivation?
Meine Motivation ist es, Europa und die Schweiz zu verteidigen. Und ich bin überzeugt, dass unsere Sicherheit auch vom Erfolg der Ukraine abhängt. In der heutigen Weltlage ist es besonders wichtig, dass wir uns verteidigen können. So wie ich das heute beurteile, können wir das nicht. Ich erlebe in jedem Wiederholungskurs (WK) haarsträubende Situationen. Das Schweizer Militär ist in einem sehr schlechten Zustand. Dagegen möchte ich etwas unternehmen.
Was müsste sich ändern?
Wer kann, sollte ins Militär gehen. Wir haben viel zu wenige Leute und haben – abgesehen von Malta und Irland – die tiefsten Rüstungsausgaben in ganz Europa. Die Schweiz muss auf ihrem ganzen Territorium Drohnen abschiessen können. Das kann sie heute nicht. Auch ballistische Raketen können wir nicht abwehren und wir haben nicht einmal genügend schusssichere Westen. In der NATO wird die Schweiz inzwischen als potenzielles Sicherheitsrisiko gesehen. Und fast alle Expert:innen sind sich einig, dass sich Russland mit der Ukraine nicht zufriedengeben wird.
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Bachelorstudium in Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich, Master in Kulturanalyse und Deutscher Literatur. Während des Masters Einstieg als Redaktionsmitglied in der Zürcher Studierendenzeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen und kulturkritischen Themen. Nebenbei literaturkritische Schreiberfahrungen beim Schweizer Buchjahr. Nach dem Master Redaktor am Newsdesk von 20Minuten. Nach zweijährigem Ausflug nun als Redaktor zurück bei Tsüri.ch