Wahlen 2026

Warum sich die Smartvote-Profile der Parteien ähneln

Smartvote soll politische Unterschiede von Politiker:innen sichtbar machen. Doch vor den Zürcher Wahlen erhalten viele Kandidierende Antwortvorschläge von ihren Parteien.

Spidernetze der SP-Kandidierenden
Auf den sozialen Medien fällt auf: Die SP-Smartspiders, die grafischen Darstellungen der Antworten, sehen sich auffallend ähnlich. (Bild: Tsüri.ch)

Parteien, Kandidierende, dutzende Positionen: Wählen kann überfordern. Hier setzt Smartvote an. Die Online-Wahlhilfe vergleicht Kandidierende anhand ihrer Antworten auf politische Fragen und zeigt, mit wem die eigenen Positionen am stärksten übereinstimmen.

Die Antworten sollen dabei in erster Linie persönliche Haltungen widerspiegeln und weniger die Parteizugehörigkeit. Gleichzeitig aber greifen Parteien lenkend ein.

Kurz bevor das Smartvote-Portal für die Zürcher Gemeinderatswahlen 2026 öffnet, erhielten die SP-Kandidierenden für den Gemeinderat eine interne E-Mail, die Tsüri.ch vorliegt. Darin enthalten: Antwortvorschläge für den Smartvote-Fragebogen.

Im Unterschied zu den Wahlen 2022 listet die SP bei einzelnen Fragen mehrere Musterantworten oder lässt sie bewusst offen. So sollen die Profile der Kandidierenden breiter ausfallen und mehr Wähler:innen erreichen, heisst es. 

Eine SP-Kandidatin, die das Schreiben erhalten hat, sagt: «Ich habe zum grössten Teil mit den Positionen der SP übereingestimmt. Für mich zeigt das, wie kohärent die Partei inhaltlich aufgestellt ist.»

Screenshot Antwortempfehlung SP
Die Politiker:innen können seit Freitag den Smartvote-Fragebogen ausfüllen. Dazu hat ihnen die SP Stadt Zürich Antwortvorschläge bereitgestellt. (Bild: Tsüri.ch)

Die SP bezeichnet die Antwortvorschläge im Schreiben als «Inspiration», damit die Kandidierenden nicht bei jedem Thema nachlesen müssten, worum es geht. Gleichzeitig kritisiert die Partei den Smartvote-Fragebogen als «in Teilen recht unfair» und einzelne Formulierungen als «sehr tendenziös». 

Kritik am Fragebogen

Auf Anfrage schreibt die SP, sie verschicke solche Antwortvorschläge «seit vielen Jahren» – auf ausdrücklichen Wunsch der Kandidierenden. Vielen fehle häufig die Zeit, sich in jedes Thema im Detail einzulesen.

Besonders kritisch sieht die SP einzelne Fragestellungen, zum Beispiel zur Gesundheitspolitik. So wird etwa gefragt, ob die Stadt Zürich Massnahmen ergreifen sollte, die Gesundheitskosten zu reduzieren, etwa durch Bettenabbau in Spitälern und Altersinstitutionen. Die SP befürworte zwar Kostensenkungen, heisst es, etwa durch tiefere Medikamentenpreise oder weniger Doppelbehandlungen. Einen Abbau in Altersinstitutionen lehne sie jedoch klar ab. Solche Fragen liessen sich kaum sinnvoll mit Ja oder Nein beantworten und erschwerten aus Sicht der Partei die Meinungsbildung der Wähler:innen.

Zudem bemängelt die SP, dass zentrale Themen wie die Kaufkraft im Fragebogen kaum vorkämen. Dabei würden sich gerade hier die politischen Lager klar unterscheiden, etwa bei Gebühren in Alterszentren oder bei Entlastungen für den Mittelstand.

Auch andere Parteien geben Antwortvorschläge ab

Mit dieser Praxis steht die SP nicht allein. Auch andere Parteien unterstützen ihre Kandidierenden, wie Përparim Avdili, Präsident der FDP Stadt Zürich, bestätigt. Auch er spricht von einer praktischen Hilfe, da die Fragen teilweise missverstanden werden könnten. Die Hinweise würden intern abgegeben, nicht öffentlich kommuniziert.

Ähnlich äussert sich Nicolas Cavalli, Co-Präsident der GLP Stadt Zürich. Seine Partei verschicke jeweils eine Ausfüllhilfe, sobald Smartvote starte. «Das war auch ein Wunsch der Kandidierenden», sagt Cavalli. Die Antworthinweise dienten vor allem dazu, die Fragen einzuordnen – insbesondere für Personen mit weniger politischer Erfahrung.

Wie die SP und GLP kommuniziert auch die GLP diese Empfehlungen vor allem intern. «Es ist kein Geheimnis, aber wir kommunizieren es nicht proaktiv an die Öffentlichkeit», sagt Cavalli. Empfehlungen seien in der Politik übliche Praxis, sagt Cavalli, die Antworten würden die Parteiposition widerspiegeln. «Parolen fassen wir ja auch.» Kontrolliert würden die Antworten nicht. «Jede Person entscheidet selbst.»

Laut Politologin ein gängiges Vorgehen

Sarah Bütikofer ist Politologin, Herausgeberin der Online-Plattform DeFacto und Projektpartnerin bei Sotomo. Sie beobachte, dass Parteien ihren Kandidierenden heute oft Musterantworten für Smartvote-Fragebögen anbieten würden. «Als Smartvote neu war, beantworteten die meisten Kandidierenden die Fragen noch selbst und spontan. Heute geben offenbar viele Parteien Empfehlungen ab – vor allem solche, denen interne Geschlossenheit wichtig ist.» 

Sie wollten verhindern, dass vor den Wahlen zu grosse Abweichungen innerhalb der Partei sichtbar werden, vor allem bei den Kernthemen. Bütikofer sieht darin kein grundsätzliches Problem. Smartvote zu nutzen, sei freiwillig, und die Parteipositionen ohnehin bekannt, wenn auch eher politisch Interessierten, wie Politiker:innen, Medienschaffenden, Lobbyist:innen, oder Personen aus der Verwaltung. «Smartvote erlaubt allen Interessierten, sich ein genaues Bild zu machen, und das dient der Transparenz. Es gibt auch keine Verbindlichkeit: Eine Partei oder ein Parlamentsmitglied kann später auch anders stimmen.»

Gleichzeitig sagt sie: «Für Wähler:innen wird es langweilig, wenn alle Kandidierenden gleich antworten.» Die interne Vielfalt der Parteien werde unsichtbar. Um Vertrauen zu wahren, sollten Parteien offenlegen, dass sie Musterlösungen anbieten. «Dann wissen die Wähler:innen: Smartvote zeigt nicht primär individuelle Positionen, sondern das Parteienprofil.» Das helfe ihnen wenigstens, die Positionen der Parteien besser kennenzulernen und zu vergleichen.

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jenny

Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.

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