Zürcher Gemeinderat streitet über veganes Essen in Tagesschulen
Aktuell gibt es in Zürcher Tagesschulen kein Angebot für Kinder, die sich vegan ernähren. Die Mehrheit des Gemeinderats will das ändern – jedoch nicht ohne Grundsatzdebatte zum Veganismus.
Da die Gemeinderatssitzung an diesem Mittwochabend auf fünf Stunden angesagt war, gab es Essen für die Parlamentarier:innen.
Die Wahl zwischen Roastbeef-Sandwich und Hummus-Brötchen offenbarte dabei nicht nur kulinarische Vorlieben, sondern auch oft die politische Haltung.
Entsprechend emotional fiel die Debatte im Saal aus – denn auch inhaltlich ging es ums Essen.
In den städtischen Tagesschulen gibt es Ernährungsrichtlinien für verschiedene Bedürfnisse: etwa bei Laktoseintoleranz, Nussallergien oder beim Verzicht auf Schweinefleisch aus religiösen Gründen. Für pflanzliche Ernährung fehlt jedoch ein Angebot.
Das bemängeln die Grünen und die Grünliberalen. Viele Kinder und Jugendliche ernährten sich vegetarisch oder vegan, sagte Selina Walgis (Grüne). Diese würden ungleich behandelt, weil sie in der Schule oft auf mitgebrachtes Essen angewiesen seien.
Die Fraktionen verlangten, dass der Stadtrat prüfe, wie in der schulischen Betreuung sichergestellt werden kann, dass sich pflanzlich ernährende Kinder und Jugendliche ausgewogen und angemessen verpflegen können.
«Wir fordern keine Veganpflicht», sagte Walgis und versuchte damit, eine Grundsatzdebatte über Veganismus zu verhindern.
«Das ist ein urliberales Anliegen.»
Jonas Keller, SP-Gemeinderat
Vergeblich: Yasmine Bourgeois (FDP) konterte, eine vegane Ernährung könne nicht ausgewogen sein. «Vegan ist keine harmlose Lifestyle-Entscheidung», Kinder würden dadurch unterversorgt. Ähnlich argumentierte Karin Weyermann (Mitte): Gemäss Wissenschaft sei vegane Ernährung für Kinder nicht gesund.
SP-Gemeinderat Jonas Keller, der sich selbst als Veganer zu erkennen gab, sprach von einem «urliberalen Anliegen». Der Staat solle dort nicht eingreifen, wo er nichts zu sagen habe, etwa bei der Ernährung: Wenn ein Kind etwas nicht essen wolle, dürfe es nicht dazu gezwungen werden.
Sophie Blaser (AL) hielt fest, es sei eine Realität, dass Eltern ihre Kinder vegan ernährten. «Für diese gibt es heute faktisch kein Angebot.»
Der Gemeinderat folgte mehrheitlich dieser Argumentation und überwies das Postulat mit 72 zu 41 Stimmen an den Stadtrat.
«Jugendliche wollen nur Pommes mit Ketchup.»
Johann Widmer, SVP-Gemeinderat
Damit war die Debatte über vegane Ernährung jedoch nicht beendet. In einem weiteren Postulat verlangten die Grünen, dass der Stadtrat prüft, wie das Menüangebot in den städtischen Lagerhäusern gesund und klimafreundlich ausgestaltet werden kann.
SVP-Gemeinderat Stefan Urech sprach von Indoktrination. Sein Parteikollege Johann Widmer sagte, Jugendliche wollten nur eines: «Pommes mit Ketchup», daran ändere auch eine vegane Ideologie nichts. Vertreterinnen der Gegenseite hielten fest, dass Pommes mit Ketchup durchaus vegan seien.
Karin Weyermann appellierte an die Eigenverantwortung der Verantwortlichen in den Lagerhäusern und zeigte sich überzeugt, dass dort bereits heute ausgewogen gekocht werde. Der Rat folgte dem nicht: Auch dieses Postulat wurde mit 72 zu 41 Stimmen an den Stadtrat überwiesen.
Kritik an Stadtrat wegen Fangewalt
Rund um das Zürcher Derby zwischen dem Grasshopper Club und dem FC Zürich vom Oktober 2024 kam es zu mehreren Gewaltvorfällen und Polizeieinsätzen. Am Bahnhof Hardbrücke stürmten rund 50 vermummte Personen einen Zug, beim FCZ-Fanmarsch wurde ein Verkehrspolizist durch einen Knallkörper verletzt. Bereits zuvor hatten FCZ-Anhänger:innen GC-Fans in Rickenbach angegriffen.
Die GLP-Fraktion reagierte mit einer Interpellation und verlangte vom Stadtrat Auskunft zu den Mietkonditionen des Stadions Letzigrund, zu möglichen Sanktions- und Ausschlussmechanismen gegenüber den Clubs, zu Alternativnutzungen des Stadions sowie zum Auftrag der neu eingesetzten Taskforce Sport.
Gestern wurde die Antwort des Stadtrats besprochen. Dieser hält fest, dass die Stadt das Stadion seit 2015 an beide Clubs privatrechtlich vermietet. Die Mietverträge ermöglichten es der Stadt nicht, Clubs wegen Fangewalt generell vom Stadion auszuschliessen.
«Das Schweigen der linken Ratsseite bei diesem Thema ist ohrenbetäubend.»
Karin Weyermann, Mitte-Gemeinderätin
GLP-Gemeinderat und Fussballfan Markus Merki zeigte sich «konsterniert» und sagte, der Stadtrat habe die «Steilvorlage» verpasst, sich ernsthaft mit der «erschreckenden und ausufernden Fangewalt» auseinanderzusetzen. Als oberster Eigentümer des Letzigrunds sollte der Stadtrat ein eigenes Interesse daran haben, dass die negativen Schlagzeilen die sportlichen Ereignisse nicht überwiegen.
Auch Karin Weyermann (Mitte) zeigte sich enttäuscht. Die Fangewalt beeinträchtigte das Sicherheitsgefühl von Familien und friedlichen Fans. Schliesslich kritisierte sie die linke Ratsseite, deren Schweigen bei diesem Thema «ohrenbetäubend» sei.
Das Geschäft ist damit abgeschlossen.
Weitere Themen aus dem Rat
Dreifachkindergarten fürs Koch-Areal genehmigt
Im ehemals besetzten Koch-Areal entsteht noch in diesem Jahr ein neues Quartier für rund 900 Personen. Um den erwarteten Betreuungsbedarf zu decken, will die Stadt Zürich im Neubau einen Dreifachkindergarten mieten und ausbauen. Der Stadtrat beantragte dafür einmalige Ausgaben von 3,6 Millionen Franken sowie jährlich 222’000 Franken für die Miete. Der Gemeinderat genehmigte die Vorlage einstimmig mit 111 Ja-Stimmen.
SVP-Vorstoss für Alterswohnungen findet Mehrheit
SVP-Gemeinderat Reto Brüesch forderte mit einer Motion die Realisierung einer Alterssiedlung mit preisgünstigen Wohnungen an der Traktorenstrasse in Seebach. 3565 Quadratmeter sind seit längerem ungenutzt, obwohl die Stadt mit einer angespannten Wohnsituation konfrontiert ist.
Finanzvorsteher Daniel Leupi begründete die Ablehnung der Motion damit, dass das Areal stark durch Denkmal-, Natur- und Umgebungsschutz eingeschränkt sei. Frühere Bauprojekte seien an Rekursen gescheitert. Geplant sei nun eine Baurechtsabgabe an die Stiftung Einfach Wohnen (SEW) für preisgünstige Wohnungen mit breitem Wohnungsmix.
Eine Umsetzung innert der Frist einer Motion sei unrealistisch. Der Stadtrat war aber bereit, den Vorstoss als Postulat entgegenzunehmen. Damit war Reto Brüesch einverstanden. Der Gemeinderat überwies das Anliegen mit 94 zu 12 Stimmen als Postulat.
Veloabstellplätze sorgen für Grundsatzdebatte
Ein Postulat von SP und Grünen fordert, bei städtischen Liegenschaften das Defizit an Veloabstellplätzen zu reduzieren. Bereits vor zwei Wochen verlangte der Rat einen Überblick über sämtliche Veloabstellplätze bei städtischen Liegenschaften (wir berichteten). Auf Grundlage dieses Berichts sollten Veloplätzen dort erweitert werden, wo es zu wenig hat.
Die Debatte verlagerte sich einmal mehr auf eine grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen Auto- und Veloverkehr. SP-Gemeinderat Sandro Gähler betonte, es gehe um eine einfache Priorisierung bestehender Mittel: «Die Forderung kostet niemandem Geld.» SVP und FDP warnten hingegen vor einem schleichenden Abbau von Parkplätzen und einer einseitigen Verkehrspolitik. Das Postulat wurde mit 58 zu 41 Stimmen angenommen.
Nachhaltiges Bauen fürs MFO-Areal gefordert
SP und Grüne wollen prüfen lassen, wie auf dem MFO-Areal in Zürich Oerlikon Bauprojekte mit Vorbildcharakter im nachhaltigen und zirkulären Bauen umgesetzt werden können. Die Stadt erwarb das Areal MFO-West mit 25’500 Quadratmetern im vergangenen Jahr für 106 Millionen Franken von der ABB. Geplant sind rund 220 gemeinnützige Wohnungen, ein Quartierpark sowie kulturelle und gewerbliche Nutzungen.
Ein breites Mitte-Links-Bündnis unterstützte das Postulat mit 81 Ja- zu 34 Nein-Stimmen. Ein Baustart ist frühestens ab 2031 möglich, bis dahin sind Zwischennutzungen vorgesehen.
Ausbau von Sportplätzen für Frauenfussball
SP und FDP verlangen vom Stadtrat den Ausbau einer bestehenden Rasensportanlage auf rund 4000 Publikumsplätze, insbesondere zugunsten des Frauenfussballs. Als Beispiele wurden die Sportanlagen Utogrund oder Heerenschürli genannt. SP-Gemeinderätin Lisa Diggelmann verwies auf die erfolgreiche Frauen-EM: «Der Frauenfussball hätte den Letzigrund gefüllt.»
Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) unterstützte den Vorschlag zwar grundsätzlich, bezeichnete einen Ausbau auf den vorgeschlagenen Anlagen aber als räumlich und zeitlich kaum realisierbar und beantragte die Umwandlung der Motion in ein Postulat.
Stefan Urech (SVP) argumentierte, dass sich die Publikumszahlen beim Frauenfussball durchschnittlich lediglich im mittleren dreistelligen Bereich bewegten. Tanja Maag (AL) entgegnete, dass eine Verbesserung der Infrastruktur auch zu höheren Besucherzahlen führen werde. Der Gemeinderat überwies die Motion mit 76 zu 31 Stimmen an den Stadtrat.
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.