«Wir sind eine wohltätige Stiftung, nicht eine Immobilienfirma»

Eine Stiftung, die sich für gebrechliche und bedürftige Menschen einsetzt, verkauft ihre älteren Liegenschaften in Zürich-Hirslanden an die Meistbietenden: Günstige Mieten seien nicht der Stiftungszweck.

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Am 2. Februar erhielten die Mieter:innen der Wohnungen an der Forchstrasse 114 bis 120 in Zürich-Hirslanden ein Schreiben von ihrer Verwaltung, dem Hauseigentümerverband (HEV). Darin stand, dass die Besitzerin, die Huber-Graf und Billeter-Graf Stiftung, die Liegenschaften verkaufen wolle und die Haupt Immobilien AG in Zollikon damit beauftragt wurde. Dies geht aus einem Brief hervor, mit dem die Mieter:innen die Stiftung um Auskunft bitten und der P.S. vorliegt. Im Schreiben sei ausgeführt, «dass unsere Mietverträge durch den Kauf durch eine neue Eigentümerschaft ‹nicht tangiert› würden und ‹ganz normal weiterlaufen›», halten sie fest. Dennoch erfülle der Verkauf sie «mit grosser Sorge», denn: «Eine neue Eigentümerschaft könnte die bestehenden Mietverhältnisse im Hinblick auf eine Sanierung der Häuser jederzeit aufkündigen oder je nach Natur und Ausmass der Sanierungspläne massgeblich verändern.» Entsprechend bitten sie die Stiftung um eine Stellungnahme bis 24. Februar.

Dass ihre Sorge kaum unbegründet ist, betont auch Mischa Schiwow, der für die AL den Kreis 7/8 im Gemeinderat vertritt. Er weist darauf hin, dass die Häuser unter dem Titel «Einmalige Gelegenheit für Investoren» letzte Woche auf der Webseite der Haupt Immobilien AG ausgeschrieben waren, und zwar so: «Mehrfamilienhaus mit erheblichem Potenzial/Neubau in Zürich.» Vermerkt sind weiter das Baujahr 1914 und die Grundstücksfläche von 1003 m2. Der ausgeschriebene Mindestverkaufpreis beträgt 20 Millionen Franken.

Erst kürzlich noch saniert

Zurück zu den langjährigen Mieter:innen: Sie möchten gern wissen, weshalb die Stiftung die Häuser überhaupt verkaufen will, wie einer der Mieter, René Schoenenberger, vergangenen Dienstag auf Anfrage erklärte. Am Telefon habe er zwar eine Antwort erhalten, diese sei jedoch unbefriedigend ausgefallen: Die Stiftung stelle sich auf den Standpunkt, damit, was mit den Mieter:innen passiere, habe sie nichts zu tun. Auf eine schriftliche Antwort der Stiftung auf den Brief der Mieter:innen warte man jedoch bislang vergeblich. Darauf angesprochen legt Dieter Gessler, Stiftungsrat der Huber-Graf- und Billeter-Graf-Stiftung, P.S. einen entsprechenden Brief vor, datiert vom 28. Februar.

René Schoenenberger führt weiter aus, erst vor wenigen Jahren seien im Haus, in dem er seit 33 Jahren wohnt, die obersten Wohnungen ausgebaut worden. Die Fenster und die Treppenhäuser seien neu gemacht worden, und eine neue, gemeinsame Heizung für alle vier Häuser habe man ebenfalls eingebaut. Und ganz grundsätzlich sieht René Schoenenberger nicht ein, weshalb sich die seit bald hundert Jahren bestehende Huber-Graf- und Billeter-Graf-Stiftung zwar laut Stiftungszweck der «Fürsorge für blinde, taubstumme, krüppelhafte und gebrechliche Personen sowie sonst bedürftige Personen, usw.» verpflichtet, aber sich nicht um das Schicksal ihrer langjährigen Mieter:innen kümmert: «Für die armen und kranken Leute ist doch die Stadt da, aber an bezahlbarem Wohnraum mangelt es, und den kann uns auch die Stadt nicht liefern!»

«Keine Stiftung für günstige Mieten»

Dieter Gessler, Stiftungsrat der Huber-Graf- und Billeter-Graf-Stiftung

Dieter Gessler hält dazu fest: «Die Liegenschaft ist in die Jahre gekommen, es wird Zeit für eine Sanierung, soweit sich eine solche bei über 100 Jahre alten Wohnungen noch lohnt. Das ist aber nicht unsere Aufgabe, und damit würden unsere Gelder nicht sinnvoll gemäss unserem Zweck eingesetzt. Wir sind eine wohltätige Stiftung, nicht eine Immobilienfirma. Wir wollen möglichst viel Geld generieren, um möglichst viele arme und behinderte Menschen unterstützen zu können.»

Dies habe er den Mieter:innen im oben erwähnten Brief mitgeteilt. Man sei sich «bewusst, dass es zu Härtefällen kommen kann», führt er weiter aus: «Aber wir sind keine Stiftung für günstige Mieten. Es ist zwar schon gut, dass unsere Mieter profitieren konnten. Aber das ist nicht der Stiftungszweck. Dieser besteht darin, Gelder zu erwirtschaften, um sie für Bedürftige direkt einzusetzen. Die Stiftungsaufsicht hat uns denn auch die Auflage gemacht sicherzustellen, dass für die Liegenschaft ein möglichst hoher Verkaufspreis erzielt werden kann.» Auf die vor wenigen Jahren erfolgte Sanierung angesprochen, erklärt Dieter Gessler: «Eine Totalsanierung hätte viel gekostet, aber nur einen geringen Mehrwert generiert und damit den Stiftungszweck missachtet. Ich verweise dazu auf meine vorstehenden Ausführungen.»

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