Plötzlich teurer und befristet

«Hochgradig unprofessionell»: Experten zu Wincasas Mieterhöhung kurz vor Einzug

Für eine Mieterin platzt der Traum einer neuen Wohnung, auf Instagram hagelt es Kritik an der Verwaltung. Nun äussert sich Wincasa selbst zu den Vorwürfen, Experten ordnen das Vorgehen ein.

Gebäude Zürich
Die Mieterin hatte ihre Umzugskisten wohl schon gepackt, doch dann stieg der Mietpreis plötzlich drastisch an. (Symbolbild) (Bild: Sophie Wagner)

Der Immobiliendienstleister Wincasa steht aktuell schwer in der Kritik. Der Auslöser: Die Geschichte einer Mieterin, welche die Autorin Lisa Christ mit ihren 18’000 Instagram-Follower:innen teilte. Ihre Bekannte habe die Zusage für eine zentrale 2.5-Zimmer-Wohnung erhalten, Kostenpunkt 2113 Franken. In der nächsten E-Mail von Wincasa lag die Miete plötzlich 50 Franken höher und der Vertrag war auf fünf Jahre befristet. Gerade einmal vier Tage vor dem Einzugstermin landete der endgültige Vertrag im Briefkasten und verlangte plötzlich 2500 Franken im Monat – zu viel für das Budget der Sozialarbeiterin, die ablehnen musste, und sich nun weiterhin auf Wohnungssuche befindet. 

Zahlreiche Personen berichten in der Kommentarspalte des Beitrags von ähnlichen Erlebnissen mit Wincasa: Mieten, die kurz vor Einzug erhöht werden und Verträge, die auf einmal befristet sind. «Lieber keine Wohnung als eine von Wincasa» schreibt eine andere Userin. «Die schlechteste Verwaltung, die ich je hatte», schreibt ein anderer. 

Auch die Kommunikation mit Wincasa über deren Callcenter wird angeprangert. User:innen berichten, wie ihre Anrufe, Mails und selbst eingeschriebene Briefe die unbeantwortet blieben. 

Wincasa «bedauert den Fall sehr»  

Wincasa – das im Jahr 2023 von dem Zürcher Unternehmen Implenia übernommen wurde – «bedauert den geschilderten Fall sehr», heisst es auf Anfrage. In Sachen Transparenz, Verlässlichkeit und Kommunikation habe das Vorgehen «nicht unseren eigenen Qualitätsansprüchen» entsprochen. Wincasa habe der Frau angeboten, gemeinsam nach einer alternativen und preisgünstigen Wohnung zu suchen. Viele User:innen in den Kommentaren berichteten von ähnlichen Erlebnissen. Wincasa spricht jedoch von einem «unglücklichen und unüblichen Vorfall» und einem «systembedingten Fehler im Vermietungsprozess». So habe das System irrtümlicherweise «die Anpassung auf die orts- und quartierübliche Miete» ausgelassen. Ob diese Anpassung überhaupt rechtens gewesen wäre, ist jedoch unklar: Denn ohne eine Sanierung darf die Miete beim Mieter:innenwechsel maximal um zehn Prozent erhöht werden. 

«Niemals künden, bevor der neue Vertrag unterschrieben ist»  

Für Walter Angst, Co-Geschäftsleiter des Mieter:innenverbands Zürich und Vorstandsmitglied der Alternativen Liste, ist das Vorgehen der Wincasa «hochgradig unprofessionell». Die wichtigste Lehre aus dem Fall betreffe jedoch die Mieter:innen: «Niemals eine Wohnung künden, bevor nicht der neue Vertrag unterschrieben ist.» Denn solange die Konditionen nicht schwarz auf weiss stehen und unterschrieben sind, sind diese rechtlich nicht gültig. 

«Auch wenn es mehrere Fälle gibt, in denen die ausgeschriebene Miete tiefer ist, als das, was später im Vertrag stand», handle es sich wohl eher um Fehler als ein kalkuliertes System, sagt Angst. Mieten und Vermieten sei ein Massengeschäft. Die Eigentümer:innen hätten kein Interesse, wegen solch unprofessionellem Vorgehen Leerstände zu provozieren. 

Anders steht es jedoch um das Modell der befristeten Mietverträge: Diese würden von Verwaltungen eingesetzt, damit sie nach Vertragsende neue Mieten bestimmen können – die mit Blick auf die «Quartierüblichkeit» natürlich immer weiter ansteigen.  

Albert Leiser, Direktor des Hauseigentümerverbands Zürich und FDP-Gemeinderat, widerspricht. Gemäss Leiser lässt sich «kein Trend zu kürzeren Mieten feststellen». Stattdessen könnte im vorliegenden Fall eine allfällige Sanierung Grund für die Vertragsfrist sein. Auch Leiser geht davon aus, dass es sich im Fall der Wincasa nicht um Kalkül, sondern um einen ehrlichen Fehler gehandelt hat. 

Angebotsmieten sind doppelt so hoch wie die bestehenden 

Bleibt der Umstand, dass es für eine Sozialarbeiterin äusserst schwierig ist, in Zürich eine bezahlbare 2.5-Zimmer-Wohnung zu finden. In der Stadt liegen die ausgeschriebenen Mieten inzwischen doppelt so hoch, wie die bestehenden. Als Auftragnehmerin der Eigentümer:innen sei die Wincasa «weisungsgebunden» und müsse sich an das ungeschriebene Gesetz auf dem Zürcher Wohnungsmarkt halten: die Mieten von einer Mietpartei zur nächsten anziehen und dabei auf Quartierüblichkeit – also die Preise der anderen kommerziellen Anbieter – verweisen. 

Wincasa will den Fall zum Anlass nehmen, die internen Prozesse zu überprüfen. Und vielleicht lässt sich in ihrem Portfolio auch noch eine günstige Wohnung für die Sozialarbeiterin finden. Die Autorin Lisa Christ gab jüngst auf Instagram bekannt, Wincasa habe sich bei ihrer Bekannten entschuldigt und ihr ein vielversprechendes Wohnungsangebot gemacht.

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