Winterrede Hannan Salamat: «Zukunft wächst dort, wo wir Perspektiven öffnen»
Das Debattierhaus Karl der Grosse lädt zum 12. Mal zu den «Winterreden» ein. Verstummt der Glockenschlag des Grossmünsters um 18 Uhr, beginnt vom 12. bis 23. Januar 2026 eine Winterrede. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!
Hier geht's zum weiteren Programm.
Rede: Hannan Salamat
«Zukunft wächst dort, wo wir Perspektiven öffnen und Pluralität mutig als demokratische Kraft entfalten.»
Wenn man mich fragt: «Wie geht es dir?», sage ich meistens: Gut. Und das stimmt auch.
Ich lebe in einer der schönsten Städte der Welt. Ich arbeite mit einem klugen, solidarischen Frauenteam. Ich habe eine bezahlbare Wohnung – was in Zürich keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe Freund*innenschaften, die mich tragen, die mich wachsen lassen und die mich auffangen, wenn ich falle.
Ich habe Reisefreiheit. Und wenn ich nach Hause komme, freue ich mich auf das beste Hahnenwasser der Welt. Ich habe Zugang zu Bildung, Kultur, Debatten.
Wenn ich ehrlich bin: Mir geht es sehr gut.
Krise ist zum Hintergrundgeräusch unseres Alltags geworden. Kein Ausnahmezustand mehr, sondern Normalität.
Die letzten Jahre waren Jahre der Trauer und des Schmerzes.
Trauer ist mehr als ein Gefühl. Trauer ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Sie zeigt, wo wir stehen und wie wir mit dem Schmerz und den Rissen umgehen, die uns durchziehen.
All das hat uns vor schwerwiegende Fragen gestellt:
Fragen nach der Zukunft.
Fragen nach dem Wert des Lebens.
Fragen nach dem Recht auf Trauer.
Und Fragen danach, was es bedeutet, an einer Gegenwart teilzunehmen, die gerade schmerzhaft geschieht.
Denn:
Wir stumpfen ab.
Wir werden zynisch.
Wir sind erschöpft.
Wir ziehen uns zurück.
Wir vereinsamen.
Wir trauern.
Wir haben Angst.
Wie weiter, wenn diese Trauer so tief sitzt und die Ängste immer grösser werden?
Wie weiter, wenn wir uns angesichts der Krisen hilflos und verloren fühlen?
Und vor allem: Wie weiter, wenn Polarisierung und Spaltung so stark sind, dass Dialog kaum noch möglich scheint?
Viele fragen sich nicht mehr: Wie gestalten wir unsere Gesellschaft?
Sondern nur noch: Wie komme ich irgendwie durch?
Dass wir heute hier stehen, im Winter, ist kein Zufall. Der Winter ist die Zeit, in der scheinbar nichts wächst. In der sich alles zurückzieht. In der Energie gespart wird. In der alles einfriert. Zum Stillstand kommt. In der alle Kraft darauf verwendet wird, die Wurzeln zu schützen und durch die Kälte zu bringen.
Als Gesellschaft stehen wir genau dort.
Wir greifen nach etwas, das sich wie Halt anfühlt: Wir vereinfachen. Wir machen aus Menschen Gegner. Und aus Unterschieden Fronten. Freund oder Feind. Richtig oder falsch. Wir oder sie. Die sogenannten guten alten Zeiten.
Wenn Menschen keine Zukunftsperspektive haben, klammern sie sich an die Vergangenheit. Sie romantisieren das, was war, weil das Morgen zu ungewiss erscheint. Das ist kein moralisches Versagen, sondern ein psychologisches Phänomen: Angst sucht Halt. Und dieser Halt liegt selten im Fortschritt.
Das entlastet.
Aber es löst nichts.
Wir dürfen uns nicht in der Trauer vergraben. Und nicht in der Angst verharren. Denn wer in Krisen erstarrt, kann nicht gestalten. Wer sich in seine eigene Bubble zurückzieht, bleibt allein. Wer sich aus Angst vor neuen Wunden dem Konflikt entzieht, verliert die Chance, neue Verbindungen zu schaffen.
Wir können mehr als nur Widerstand leisten. Jetzt ist die Zeit, unsere Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Wir können nicht warten, bis die Krisen vorbei sind, um die Zukunft zu denken.
Vielleicht spüren viele von uns: Etwas fehlt.
Nicht Analyse. Davon haben wir genug.
Nicht Kritik. Davon auch.
Was fehlt, sind Bilder. Vorstellungen. Versuche. Davon, wie es anders gehen könnte.
Nicht irgendwann.
Nicht perfekt.
Sondern hier. Jetzt. Unvollständig.
Was fehlt, sind reale Utopien.
Reale Utopien sind keine Luftschlösser. Sie sind Provisorien. Experimente. Fragmente einer anderen Zukunft.
Sie fragen nicht: Wie sieht die perfekte Gesellschaft aus? Sondern: Was ist unter diesen Bedingungen möglich – wenn wir uns zusammenschliessen?
Reale Utopien entstehen nicht in Masterplänen. Sie entstehen in Nachbarschaften. In Schulen. In Vereinen. In Dialogräumen. In solidarischen Arbeitsstrukturen.
Sie entstehen dort, wo Menschen aufeinandertreffen und sagen: So wie es jetzt ist, reicht es nicht. Ich muss Arbeit hineinstecken. Es wird anstrengend. Aber ich ziehe mich nicht zurück.
Pluralität ist anstrengend. Jede*r von uns sass schon einmal an einem Familienfest – sei es an Weihnachten oder an Bayram. Mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die die Welt aus einer anderen Perspektive sehen, ist kräftezehrend. Es braucht Zeit. Wir kommen nicht sofort zu einem Ergebnis, manchmal auch zu gar keinem. Es ist widersprüchlich – weil wir Menschen selbst widersprüchlich sind.
Aber sie ist ehrlicher.
Ich kenne das aus meiner eigenen Arbeit im jüdisch-muslimischen Dialog. Pluralität heisst: bleiben. Auch wenn es unbequem wird. Aushandeln statt ausweichen. Widersprechen, ohne zu gehen.
Wenn ich sage: Wir müssen zusammenrücken und im Gespräch bleiben,
dann meine ich nicht: gleicher werden, leiser werden, uns anpassen.
Ich meine auch nicht alles auszuhalten.
Nicht jede Position ist legitim.
Denn Dialog braucht eine Grundlage.
Und diese Grundlage ist die unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen.
Niemand muss im Gespräch bleiben mit Menschen,
die anderen ihre Existenz, ihre Rechte oder ihre Menschlichkeit absprechen.
Das ist kein Dialog –
das ist Gewalt in Worten.
Pluralität heisst nicht, keine Grenzen zu haben, sondern sie zu kennen.
Und dafür braucht es uns ALLE:
Wir sprechen nicht aus den gleichen Positionen,
wir haben unterschiedliche Rollen,
unterschiedliche Möglichkeiten und Reichweiten.
Nicht alle tragen das Gleiche,
und nicht alle können das Gleiche tragen.
Füreinander da zu sein, wenn es für manche gerade mehr ist als für andere.
DAS ist die Grundlage einer pluralen Demokratie.
Und Demokratie – das vergessen wir manchmal – ist kein Zustand.
Sie ist Arbeit.
Beziehungsarbeit.
Und jede von euch, die gerade in dieser Kälte verharrt und mir liebevoll zuhört, kann etwas tun.
Du kannst Räume öffnen. In deinem Wohnzimmer. In deinem Klassenzimmer. In deinem Team.
Räume, die nicht konfliktfrei sind – aber lebendig.
Du kannst in Verbindung treten.
Zum Beispiel, indem du jemanden an deinen Tisch bittest, der sonst allein isst.
Indem du ein Gespräch beginnst, das nicht sofort ein Ziel hat.
Indem du sagst: Erzähl mir, wie du das siehst.
Du kannst sagen: Ich sehe das anders – und trotzdem bleiben.
Du kannst Nein sagen – und trotzdem Beziehung halten.
Vielleicht kannst du dir heute eine Frage stellen:
Wann habe ich mich zuletzt für etwas eingesetzt, das nicht meine eigene Lebensrealität, nicht meine Identität, nicht mein unmittelbares Interesse betraf – aber die Welt für andere ein bisschen besser gemacht hat?
Zukunft gestalten heisst nicht, auf bessere Umstände zu warten.
Es heisst, zu handeln, wenn die Mittel knapper werden. Wenn Räume verschwinden. Wenn Sicherheiten bröckeln.
Wie können Kulturräume aussehen, wenn an Kultur gespart wird?
Vielleicht kleiner. Vielleicht improvisierter. Vielleicht in Wohnzimmern, Schulzimmern, Hinterhöfen, leerstehenden Läden.
Vielleicht weniger perfekt. Aber näher an den Menschen. Weniger Hochglanz. Mehr Begegnung.
Wie kann politische Bildungsarbeit aussehen, wenn Fördergelder wegfallen?
Vielleicht nicht als Projekt, sondern als Praxis.
Als Gespräch am Küchentisch. Als Lesekreis. Als offenes Mikrofon. Als Nachbarschaftstreffen. Als geteiltes Wissen.
Nicht als Belehrung, sondern als gemeinsames Lernen.
Und wie können Minderheitenrechte gestärkt werden, wenn Regierungen meinen, nicht jedes Leben sei gleich schützenswert?
Indem wir nicht warten, bis Gesetze alles regeln.
Indem wir Schutzräume schaffen, wo der Staat sie abbaut.
Indem wir laut werden, wo andere unsichtbar gemacht werden.
Indem wir füreinander einstehen, bevor wir gefragt werden.
Zukunft entsteht nicht nur in Parlamenten.
Sie entsteht in Beziehungen.
In der Art, wie wir einander behandeln, wenn niemand zuschaut.
Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft heute Abend:
Zukunft ist kein Ort, an dem wir irgendwann ankommen.
Sie ist kein neutraler Raum. Und sie ist nicht für alle gleich.
Zukunft ist eine Praxis.
Eine Haltung.
Eine Beziehung zur Gegenwart.
Etwas, das wir täglich einüben.
Denn wer Zukunft nicht mitgestaltet, wird von ihr gestaltet.
Und dann werden wir zu Figuren in den Vorstellungen anderer. In Zukünften, die uns vielleicht gar nicht mehr vorsehen.
Ich glaube nicht an naive Hoffnung. Nicht an Optimismus um jeden Preis.
Aber ich glaube an begründete Zuversicht.
Über die Jahre durfte ich von Berlin über München bis Wien und Zürich viele Räume der Verbundenheit mitgestalten. Ich durfte die Erfahrung machen, dass Menschen fähig sind, über sich hinauszuwachsen – wenn sie einander ernst nehmen.
Ich glaube daran, dass Demokratie nicht stirbt, weil es Konflikte gibt.
Sie stirbt dann, wenn wir aufhören, sie gemeinsam zu gestalten.
Vielleicht ist dieser Winter nicht nur eine Zeit des Aushaltens.
Ich sehe, wie ihr friert – und möchte euch zum Abschluss einladen:
Ich lade euch ein, euch nicht weiter auseinander treiben zu lassen.
Ich lade euch ein, Pluralität nicht als Problem, sondern als demokratische Kraft zu begreifen.
Ich lade euch ein, mit mir reale Utopien zu wagen – klein, unperfekt, aber gemeinsam.
Denn Zukunft wächst nicht dort, wo wir uns einig sind.
Sie wächst dort, wo wir Perspektiven öffnen.
Wo wir bleiben.
Im Gespräch.
Im Konflikt.
Und im gemeinsamen Entwerfen dessen, was noch nicht ist – aber werden könnte.
Und damit lade ich euch ein, mit mir reinzukommen und im Bistro etwas Warmes zu trinken.
Alle Winterreden 2026 findest du fortlaufend hier zum Nachlesen
- Christian Huser: ««Erhaltung und Förderung des dualen Bildungssystems.», Montag, 12. Januar 2026
- Saphir Ben Dakon: «Wir haben nicht ewig Zeit, für Behinderungen zu sensibilisieren; Zeit, dass wir mit Behinderungen konfrontieren.», Dienstag, 13. Januar 2026
- Philippe Koch: «Die Wohnungskrise ist real, aber nicht alternativlos.», Mittwoch, 14. Januar 2026
- Franz Hohler: «‹Wie geht’s?› fragte die Trauer die Hoffnung. ‹Ich bin etwas traurig›, sagte die Hoffnung. ‹Hoffentlich›, sagte die Trauer.», Donnerstag, 15. Januar 2026
- Anja Derungs: «Wir dürfen uns nicht an die (alltägliche) Gewalt gewöhnen.», Freitag, 16. Januar 2026
- Emma Hodcroft: «Viruses move fast – science should, too. Sharing data openly means one lab’s insight becomes everyone’s defense.», Montag, 19. Januar 2026
- Dr. phil. Yuvviki Dioh: «Theater und Kunst können uns Perspektiven eröffnen, die die Frage nach sozialer Gerechtigkeit nicht vereinfachen, sondern erfahrbar vertiefen.», Dienstag, 20. Januar 2026
- Anita Borer: «Es war einmal eine selbstbestimmte Schweiz…», Mittwoch, 21. Januar 2026
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