Winterreden 2026

Winterrede Anita Borer: «Es war einmal eine selbstbestimmte Schweiz»

Das Debattierhaus Karl der Grosse lädt zum 12. Mal zu den «Winterreden» ein. Verstummt der Glockenschlag des Grossmünsters um 18 Uhr, beginnt vom 12. bis 23. Januar 2026 eine Winterrede. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!

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Anita Borer mit ihrem Gedicht zur Politik. (Bild: David Taddeo)

Hier geht's zum weiteren Programm.

Rede: Anita Borer

«Es war einmal…» – man kennt den Klang,

genau so fangen Märchen an.

Auf diese Weis' will ich reden,

die Debatte heut' beleben.

Wie ein Märchen uns lehren soll,

was wichtig ist und leiten soll,

so will die Geschicht' heut’ zeigen,

was es wert ist zu verteid’gen.

Die Geschichte beginnt…

Es war einmal ein Land im Schnee,

klein an Fläche, gross an Idee.

Es galt Recht, das Volk bestimmte,

weil man Pflicht über Chaos stellte.

Die Schweiz war dieses kleine Land,

das klar zu seinen Idealen stand.

Ein Land – souverän und stolz,

frei von der EU oder Scholz.

Das Volk entschied, die Kantone zählten,

nicht fremde Richter, die keiner wählte.

Man stimmte ab, trug den Entscheid,

und wusste um die Verantwortlichkeit.

Es machte Recht, es setzte Grenzen,

um Politik gescheit zu lenken.

Die Politiker handelten mit Verstand,

die Bevölkerung verband ein starkes Band.

Verträge mit Rückgrat

Man schloss Verträge – ja, fürwahr,

doch nur, wenn Nutzen messbar war.

Man brauchte dafür kein fremdes Gericht,

und nicht zu stehen in gutem Licht.

So verhandelte man klug und klar,

und sagte Nein, wenn’s besser war.

Nicht trotzig, nicht aus Eitelkeit –

sondern aus Selbstverständlichkeit.

Der Winter der Ordnung

Im Winter zeigte sich im Land,

dass es klappte, mit Verstand.

Die Strassen frei, die Schulen top,

sogar Silvia Steiner fand das Lob.

Kein Skandal in der Justiz,

Politiker amteten in Miliz.

Langweilig war's dem Mario Fehr,

zu viel Kriminalität gab's nicht mehr.

Martin Neukom las den Zürcher Bote,

setzte auf Innovationen statt Verbote.

Carmen Walker Späh war gelassen,

galt Tempo 50 auf Hauptstrassen.

Die Spitäler wirtschafteten gut,

Nathalie Rickli machte das Mut.

Sparen wollte sogar Jacqueline Fehr,

Ernst Stocker lobte sie dafür sehr.

Die Firmen frei von Fernseh-Gebühren,

lassen sich Boni-exzessfrei führen.

Auch Zuwanderung war im Mass,

– die SVP die Parolen vergass.

Der leise Wandel

Doch wie’s in Märchen oft passiert –

kam der Wandel, kalt serviert.

Man sprach von Nähe, von System,

von Anschluss, Fortschritt, kein Problem.

Man sagte nicht mehr: «Wir entscheiden»,

man liess die Demokratie beschneiden.

Alles nur für des Politikers Stolz,

der beim Machtgedanken schmolz.

Und dann kam's geschniegelt und schwer,

das Paket aus Brüssel, daher.

Man nannte es modern und fair –

doch der Inhalt wog deutlich mehr.

Plötzlich war das Recht «dynamisch».

Die Bürokratie stieg dramatisch.

Der Bürger hatte nichts zu sagen,

die Wirtschaft, ja die lag im Argen.

Die Zuwanderung war enorm,

brachte die Schweiz aus ihrer Form.

Beton, Strassen, Infrastruktur,

wo blieb da noch Platz für Natur?

Der Sozialstaat wuchs unermesslich,

der Schweizer zahlte ja verlässlich.

Doch der Wohlstand, der sank drastisch,

nur der Leitzins blieb elastisch.

Recht änderte nicht demokratisch,

sondern von nun weg automatisch.

Nur Politiker schien's zu freuen,

konnten plaudern mit von der Leyen.

Und wenn das Volk sagte: «So nicht!»

Dann entschied ein fremdes Gericht.

Nicht in Lausanne, nicht hier im Land –

dort, wo Richter sind unbekannt.

In Hinterzimmern, nicht in Gassen,

sagte man: «Das wird schon passen.»

Man versprach sich Ordnung und Ruh,

sah nicht, was man verlor im Nu.

Demokratie ist Luxusgut,

dafür braucht es Verstand und Mut.

Sie ist das Fundament der Freiheit –

Grundpfeiler auch für Sicherheit.

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«Demokratie wird hier gelebt, darum habt ihr mich heut' erlebt.» (Bild: David Taddeo)

Das Ende ist offen

Und heute erzählen wir – fast schon leise –

von dieser Schweiz auf Art und Weise.

Als gäbe es sonst kein Zurück,

als diese Geschichte ohne Glück.

Doch: So enden gute Märchen nicht.

Dieses hat noch kein Schlussgedicht.

Noch können wir ohne Frage,

Nein sagen zu diesem Vertrage.

Noch sind wir hier die Entscheider,

und nicht bloss die Weg-Begleiter.

Wir haben es nun in der Hand,

sorgen wir gut für unser Land.

Der Schluss

Ein Märchen lebt von der letzten Tat,

von Mut, nicht von bequemem Rat.

Die selbstbestimmte Schweiz ist echt,

werden wir ihr nun gerecht.

Begrenzen wir die Zuwanderung,

streben nicht nach Bewunderung.

Sagen wir Nein zum EU-Vertrag,

und schützen die Schweiz jeden Tag.

Wie die Schweiz nicht kommt von ungefähr,

ist dieses Lokal hier legendär.

Demokratie wird hier gelebt,

darum habt ihr mich heut' erlebt.

Danke für die Gelegenheit.

Der Apéro steht schon bereit.

Ich freue mich nun sehr darauf,

und nehme eure Kritik in Kauf.

Zum Wohl!

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Anita Borer, Kantonsrätin der Stadt Zürich. (Bild: David Taddeo)

Alle Winterreden 2026 findest du fortlaufend hier zum Nachlesen

  • Christian Huser: ««Erhaltung und Förderung des dualen Bildungssystems.», Montag, 12. Januar 2026
  • Saphir Ben Dakon: «Wir haben nicht ewig Zeit, für Behinderungen zu sensibilisieren; Zeit, dass wir mit Behinderungen konfrontieren.», Dienstag, 13. Januar 2026
  • Philippe Koch: «Die Wohnungskrise ist real, aber nicht alternativlos.», Mittwoch, 14. Januar 2026
  • Franz Hohler: «‹Wie geht’s?› fragte die Trauer die Hoffnung. ‹Ich bin etwas traurig›, sagte die Hoffnung. ‹Hoffentlich›, sagte die Trauer.», Donnerstag, 15. Januar 2026
  • Anja Derungs: «Wir dürfen uns nicht an die (alltägliche) Gewalt gewöhnen.», Freitag, 16. Januar 2026
  • Emma Hodcroft: «Viruses move fast – science should, too. Sharing data openly means one lab’s insight becomes everyone’s defense.», Montag, 19. Januar 2026
  • Dr. phil. Yuvviki Dioh: «Theater und Kunst können uns Perspektiven eröffnen, die die Frage nach sozialer Gerechtigkeit nicht vereinfachen, sondern erfahrbar vertiefen.», Dienstag, 20. Januar 2026
  • Maya Tharian: «Was heisst schon Heimat?», Donnerstag, 22. Januar 2026
  • Hannan Salamat: «Zukunft wächst dort, wo wir Perspektiven öffnen und Pluralität mutig als demokratische Kraft entfalten.», Freitag, 23. Januar 2026
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