Winterrede Franz Hohler: «‹Wie geht’s?› fragte die Trauer die Hoffnung»
Das Debattierhaus Karl der Grosse lädt zum 12. Mal zu den «Winterreden» ein. Verstummt der Glockenschlag des Grossmünsters um 18 Uhr, beginnt vom 12. bis 23. Januar 2026 eine Winterrede. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!
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Rede: Franz Hohler
«Wie geht's?» fragte die Trauer die Hoffnung.
«Ich bin etwas traurig», sagte die Hoffnung.
«Hoffentlich», sagte die Trauer.
Gueten Oobe mitnand,
Als ich Ende November sagen sollte, was das Thema meiner Rede sein werde, kam mir nichts anderes in den Sinn, als dieses kleine Gedicht, das ich schon vor Jahren geschrieben hatte.
Und nun hat uns gleich zu Beginn des Jahres eine grosse Trauer heimgesucht, über so viel Lebensfreude junger Menschen, die sich innert Minuten in Tod und Verletzung verwandelte.
Und auch im vergangenen Jahr hat sie uns nicht verschont, die Trauer, angesichts der fortdauernden Kriege in der Ukraine, in Gaza und im Sudan, deren Zerstörungen von Menschenleben und allem, was zu einem normalen Leben gehört, uns ratlos machte und immer noch macht, ratlos, wütend auch, nicht zuletzt über unsere Ohnmacht.
Wir wurden von Trauer regelrecht überschwemmt.
Wir suchen Halt, und wir suchen Hoffnung, die sich irgendwo versteckt.
Wo?
Lassen Sie mich mit einem Gedicht antworten.
Neujahrskarte
Wenn du das alte Jahr verlässt
nimm einen Traum mit.
Schreib ihn dir auf
und steck ihn ein.
Und falls du einen Ausweis brauchst
zum Eintritt in das neue Jahr
dann zögere nicht
und zeig ihn her.
Ich selbst bin ein starker Träumer, und nicht umsonst ist der kleine Held meiner Kinderromane, Tschipo, ein Bub, der so fest träumt, dass manchmal am Morgen noch ein Stück seines Traumes im wirklichen Leben übrig bleibt. Während des vergangenen Jahres habe ich jede Woche einen Traum aufgeschrieben, der mich besonders beeindruckt hat. Mit diesem federleichten Gepäck, dachte ich mir, müsste ich den Übertritt ins neue Jahr ohne Weiteres schaffen.
Doch dann stellte ich mir einen Grenzbeamten vor, der am Schlagbaum zum neuen Jahr steht.
«Haben Sie etwas zu verzollen?» würde er vielleicht fragen.
«Nein», würde ich antworten.
«Was haben Sie im Gepäck?»
«52 Träume.»
«Kann ich mal einen sehen?»
Und was soll er sich nun denken, wenn ich ihm meinen Lieblingstraum vom letzten Jahr erzähle und diesen auch noch als meinen Ausweis deklariere?
Dieser Traum ging folgendermassen:
«Ich habe ein kleines Nashorn auf dem Küchenbalkon und frage mich, wie es mit ihm weitergehen soll und was ich ihm zu fressen geben muss. Es beisst mich fordernd, aber freundschaftlich in die Hand.»
Soweit der Traum. Bevor mir der Grenzbeamte des neuen Jahres den Traum als Signalement abnimmt, hätte er vielleicht noch die eine oder andere Frage.
«Sie sind also Zoowärter?»
«Nein, gar nicht.»
«Haben Sie beruflich mit Nashörnern zu tun?»
«Nein», würde ich sagen, «nein, überhaupt nicht.»
«Was hat denn der Traum mit Ihnen zu tun?»
«Das weiss ich auch nicht.»
«Aber Sie nehmen ihn statt eines Personalausweises mit, dann muss er doch etwas über Ihre Person aussagen.»
«Mir hat er einfach gefallen.»
«Obwohl Sie nicht wissen, was Sie tun sollen?»
«Vielleicht gerade deshalb. Ich stehe vor einer mir völlig unbekannten Aufgabe. Ist es nicht das, was uns jedes neue Jahr wieder bewusst macht? Vielleicht ist das kleine Nashorn das neue Jahr, und ich muss mir überlegen, was ich ihm füttern soll, damit es wachsen kann.»
«Damit kann ich Sie nicht hereinlassen. Haben Sie keinen anderen Ausweis? Pass, ID, Krankenkassenkarte, Führerschein oder wenigstens eine Bankkarte?»
«Nein», würde ich sagen, «nein, ich bin unbewaffnet.»
Aber ich hätte noch einen zweiten Traum.
Hören Sie mal zu:
«Ich komme an einen Ort für Freizeitaktivitäten. Man kann sich abseilen oder jassen.
Von einer ungeheuren Felswand baumeln Seile herunter. Ein Bergführer sagt: 'Also, gehen wir nach oben?`
Ich will aber lieber unten bleiben und jassen.»
Der Zöllner schüttelt den Kopf:
«Und was sagt das über Sie? Ausser, dass Sie nicht besonders mutig sind?»
«Das weiss ich auch nicht. Ich schreibe mir ja Träume nicht auf, um sie als Erkennungsmerkmale für meine Person zu benutzen.»
«Wieso schreiben Sie sie denn auf?»
«Weil sie mir gefallen. Und weil sie mich interessieren. Sie sind Nachrichten von den Randgebieten meines eigenen Reiches, den Gebieten, die ich kaum oder überhaupt nicht kenne. Sie sind mein absurdes Theater, in das ich mich jede Nacht setzen kann. Sie sind Boten der Phantasie.»
«Sie flüchten sich also in die Phantasie, um den Problemen von 2026 auszuweichen.»
«Wieso flüchten? Wissen Sie, was Franz Kafka über den 1. Weltkrieg gesagt hat? 'Dieser Krieg ist aus einem unheimlichen Mangel an Phantasie entstanden.' Und ich füge hinzu: Die Phantasie ist ein lebenswichtiges Organ, wie das Herz, die Lungen und das Hirn. Und die Phantasie ist die Schwester des Traums.
Wenn Sie von Flüchten sprechen: Ich habe eher das Gefühl, wir flüchten in die digitale Welt, in die wir eintreten, wenn wir auf unsere Handys, Smartphones und Bildschirme starren. Aber die Nachrichten, die wir von dort erhalten, haben weniger mit uns zu tun als die Botschaften, die uns aus unserem eigenen Landesinnern überbracht werden.
Von irgendwoher müssen wir ja die Kraft nehmen, mit dem fertig zu werden, was die Welt für uns an Üblem bereit hält, von den Kriegen über die Klimaerwärmung bis zur Wohnungsnot. Und wenn wir etwas dazu brauchen, ist es Phantasie.»
«Und da soll Ihnen ein Nashorn auf ihrem Küchenbalkon helfen?»
«Warum nicht? Es bewegt sich in einer anderen Realität. In der Surrealität. Und die Surrealität ist offenbar ein Teil von mir selbst.»
«Ich bin leider für die Realität zuständig», sagt mir der Zöllner.
«Was ist real? Ist das, was wir im Kopf haben, weniger real als das, was der Kopf sieht, wenn er durch die Welt geht?»
«Ein Kopf kann ja wohl nicht durch die Welt gehen.»
«Im Traum schon. Der Traum kann alles, das ist ja das Schöne an ihm.»
«Und die Seile, die von der Felswand baumeln?»
«Ich traue ihnen nicht. An denen könnten schon morgen Menschen hängen.»
«Sie wollen also nicht mit dem Bergführer hochgehen, um sich abseilen zu lassen. Sie wollen lieber jassen. Warum?»
«Vielleicht weil ich Schweizer bin.»
«Das ist mindestens schon ein Merkmal. Es genügt mir aber noch nicht. Sie haben noch einen Versuch.»
Also, ein dritter Traum:
«Ich will in Olten zum Säli Schlössli hinauf, einem kitschigen Aussichtsschlösslein vom Ende des 19. Jahrhunderts. Aber der Fussweg, den ich aus meiner Jugend kenne, wird oben in einen Tunnel umgeleitet. Ich gehe durch einen langen Tunnel, auf den ein zweiter folgt, und als ich endlich aus ihm herauskomme, bin ich immer noch nicht oben, sondern schaue einfach von der Rückseite zum Berg hinauf, es führt kein Weg weiter, und ich weiss, dass ich das Schloss nicht erreichen werde.»
Darauf der Grenzbeamte: «Und?»
Ich: «Und was?»
«Haben Sie das Schloss doch noch erreicht?»
«Nein, natürlich nicht.»
«Wieso natürlich? Das ist doch unnatürlich!»
«Im Traum nicht. Viele Träume erzählen uns von dem, was nicht gelingt. Je sicherer wir durchs Leben gehen, desto unsicherer sind wir in den Träumen. Je gewisser wir im Leben sind, auf dem richtigen Weg zu sein, desto ungewisser werden die Wege im Traum. Die Redensart, etwas sei traumhaft schön, ist eigentlich ein Irrtum, denn die wenigsten Träume sind schön, in den meisten bewegen wir uns auf Irrwegen.»
Der Grenzbeamte: «Um auf Sie zurückzukommen: Sie sind also auf einem Weg, auf dem Sie nicht ins Ziel gelangen?»
«Nicht unbedingt, aber der Traum fordert mich auf, über meinen Weg nachzudenken.»
«Und wohin soll der Weg führen?»
«Wie gesagt, ins neue Jahr.»
«Das ist ja deprimierend, was Sie da erzählen. Diese Stimmung können wir 2026 nicht brauchen, mit allem, was auf uns zukommt. Damit kann ich Sie kaum hereinlassen. Haben Sie nicht noch einen Traum, in dem Ihnen etwas gelingt? Einen schönen Traum?»
«Doch, das hab ich. Mein letzter Traum im letzten Jahr ging so:
Ich schwimme allein über den Vierwaldstättersee, bekomme es mit der Angst zu tun, beginne zu singen und bin überraschend schnell in der Nähe des anderen Ufers. Dort taucht eine Frau nach Fischen, sogenannten «defenders». Sie erklärt mir auf Englisch, was defenders sind, «those small fishes with sharp teeth», kleine Fische mit scharfen Zähnen, eine Art Piranhas also, und das Besondere an diesen Fischen sei, dass sie einen gegen Haifische verteidigen.
Nun bereite ich mich auf einen längeren Schwimmausflug vor, bekomme dafür ein Gestell um mich herum wie ein Ozeanschwimmer, mit lauter Behältern, in welchen die kleinen «defenders» mitschwimmen, die mich gegen Haifische verteidigen werden.»
Das ist nun fast zuviel für den Grenzbeamten.
«Sie meinen also, im Vierwaldstättersee gebe es Haifische?»
«Ich nicht, aber der Traum.»
«Und der gefällt ihnen?»
«Ja.»
«Und was gefällt Ihnen daran?»
«Dass mir das Singen gegen die Angst geholfen hat.»
«Und wohin wollten Sie schwimmen?»
«Das weiss ich nicht, aber aus dem Traum erfahre ich: Wohin auch immer ich aufbreche, ich werde beschützt. Und wissen Sie, was? Ich glaube, das könnte auch für Sie gelten.»
Das Gesicht des Grenzbeamten hellte sich auf.
«Das gilt auch für mich? Dass ich beschützt werde?»
Ich nickte. «Ich hoffe es.»
«Also gut», sagte er und lächelte beinahe, «dann dürfen Sie hinein ins neue Jahr.»
Er öffnete den Schlagbaum, auf dem die Zahl 2026 stand, und ich betrat einen Pfad, der in dichtem Nebel lag.
«Viel Glück!» rief er mir noch nach, «und passen Sie auf die Haifische auf!»
Das rufe ich auch Ihnen allen hier unten zu, denn wir sind auf demselben Weg, und damit wir uns im Nebel nicht verirren, müssen wir uns an den Händen halten.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören.
Dies ist eine Medienpartnerschaft mit Karl der Grosse. Es fliesst kein Geld.
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