Winterrede Christian Huser: «Erhaltung und Förderung des dualen Bildungssystems».
Das Debattierhaus Karl der Grosse lädt zum 12. Mal zu den «Winterreden» ein. Verstummt der Glockenschlag des Grossmünsters um 18 Uhr, beginnt vom 12. bis 23. Januar 2026 eine Winterrede. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!
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Rede: Christian Huser
Ich freue mich sehr, dass sie heute Abend hier sind. Es ist für mich eine besondere Ehre, eine Rede an diesem geschichtsträchtigen Ort halten zu können. Mein Thema ist «Erhaltung und Förderung des dualen Bildungssystems». Das ist eines meiner Lieblingsthemen. Ich bin ein starker Verfechter dieses Systems. Das duale Bildungssystem der Schweiz ist einmalig in der Welt. Es ist eines meiner grossen Anliegen, dieses zu erhalten und zu unterstützen. Ich selber habe eine Berufslehre als Buch- und Offsetdrucker gemacht. Und habe mich danach weitergebildet. Heute bin ich Inhaber einer Druckerei, ein Familienunternehmen. Ich bilde auch Lernende aus. Ich bin überzeugt und der Alltag zeigt es, es gibt zahlreiche Möglichkeiten, beruflich Karriere zu machen. Es muss nicht immer ein Studium sein.
«Bildung ist das höchste Gut». Dieses weitverbreitete Zitat kennen Sie sicher alle. Bildung ist eine Investition in die Zukunft. Sie ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben, Talententfaltung, bessere Einkommen und ist der Schlüssel zu sozialer Mobilität und Fortschritt. Bildung spielt auch eine zentrale Rolle für die gesellschaftliche Teilhabe. «Bildung ist die mächtigste Waffe, die du verwenden kannst, um die Welt zu verändern.» Dies sagte Nelson Mandela. Bildung ist aber auch ein Grundpfeiler für den Wohlstand einer Nation. So hielt Bundesrat Guy Parmelin fest: «Bildung ist die lebensnotwendige Grundlage für unser Land. Jeder einzelne gutgebildete Bürger ist dabei Trumpf.» Gute Bildung ist aber nicht allein Aufgabe des Staates. Alle müssen Verantwortung übernehmen und unserem Bildungssystem Sorge tragen.
In der Schweiz verfügen wir über ein breites und gut ausgebautes Bildungsangebot auf allen Stufen. Zwei Drittel aller Schulabgänger und -abgängerinnen in unserem Land entscheiden sich für eine Lehre – sie schlagen also den dualen Berufsbildungsweg ein. Dieser ist bekannt für ein weltweit einzigartiges, sehr durchlässiges System, das auch akademische Wege ermöglicht.
Es wird als dual bezeichnet, weil die Ausbildung an zwei Lernorten stattfindet: Im Betrieb und in der Berufsschule. Das duale Bildungssystem ist für mich die optimale Kombination von Grundausbildung, das heisst Praxis, und einer wissenschaftlichen Vertiefung, das heisst Theorie. Ich schätze die Praxisorientierung. Der grösste Teil der Ausbildung findet praktisch im Unternehmen statt, wo direkt am Arbeitsplatz gelernt wird. Durch die enge Kooperation zwischen Betrieben und Schulen erfolgt die Ausbildung auf höchstem Niveau. Es hat mir persönlich einen optimalen Einstieg in mein Berufsleben ermöglicht und meinen bisherigen Karriereweg aktiv unterstützt. Diese Ausbildung ist ein Erfolgsfaktor der Schweizer Wirtschaft, denn sie garantiert eine sehr niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Zusätzlich fördert und unterstützt diese Ausbildung die kontinuierliche Weiterbildung auf allen Ebenen. Die duale Ausbildung gilt auch als innovationsfördernd. Sie fördert die Kreativität und die Entwicklung neuer Ideen durch die Verbindung von Theorie und Praxis.
Eine Lehre dauert je nach Beruf zwischen zwei und vier Jahren. Welche Berufe kann man im dualen System erlernen? Die Palette ist breit. Sie reicht von handwerklichen Tätigkeiten bis zu kaufmännischen Berufen. Nach erfolgreichem Abschluss der dualen Ausbildung wird das eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ), ein anerkannter Abschluss, verliehen.
Früher mussten Jugendliche nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit definitiv über ihre berufliche Zukunft entscheiden. Vergessen Sie die Dichotomie «entweder studieren oder arbeiten». Heute ist das anders. Egal, welche Wahl sie mit 15 Jahren treffen, sie können später während der Schul- und Berufskarriere immer noch die Richtung ändern. Dies dank des dualen Bildungssystems.
Wer den Weg der Berufsbildung wählt, kann mit Ausbildungen sukzessive auf höhere Bildungsstufen gelangen. Die Karrierewege sind vielfältig und allen Personen in Ausbildung zugänglich. Mit der Berufsmaturität besteht die Möglichkeit, einen Bachelor-Abschluss zu machen. Diese neuen Studierenden befinden sich auf gleicher Stufe wie jene, die an einer Universität oder einer Eidgenössischen Technischen Hochschule studiert haben.
Wer eine Berufslehre abschliesst, muss aber nicht zwingend studieren, sondern kann sich auch auf den erlernten Beruf konzentrieren. Es gibt entsprechende eidgenössische Diplome und höhere Fachschulen. Damit steigt das Ausbildungsniveau der Fachkraft ebenso wie die Karriereaussichten. Und nicht zuletzt der Lohn.
Alle Berufsleute haben jederzeit Zugang zu Weiterbildung. Und damit auch Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen. Nichts ist grundsätzlich ausgeschlossen.
Kurz zusammengefasst: Die duale Ausbildung bietet immense Vorteile durch die Kombination von Theorie und Praxis. Diese führt zu schneller Berufserfahrung, finanzieller Unabhängigkeit durch eigenes Gehalt und sehr gute Übernahme- sowie Aufstiegschancen, da Fachkräfte dringend gesucht werden. Auch stehen Karrierewege vom Meister bis zum Studium offen. Die Ausbildung ermöglicht eine top vorbereitete, praxisorientierte Qualifikation mit individuellen Gestaltungsmöglichkeiten und direkter Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt.
Und nicht zuletzt zeigt eine Analyse, dass die duale Berufsausbildung effektiver ist als ein Studium, wenn es darum geht, eine erste Beschäftigung zu finden.
Trotzdem wünschen viele Eltern, dass ihre Kinder die Universität besuchen. Sie unternehmen alles, damit sie es schaffen. Ein Studium gilt bei vielen nach wie vor als Jobgarantie. Der Besuch der Hochschule und ein entsprechender Abschluss sind aber keine Garantie für ein höheres Einkommen und eine erfolgreiche Zukunft, wie Studien zeigen.
Sie haben sicher auch die Auswertung gelesen im Tages-Anzeiger vom vergangenen November, wo festgehalten wurde, dass viele Absolventen der Universität arbeitslos sind. Die Zahlen zeigen, dass Hochschulabsolventen zunehmend von Unsicherheit betroffen sind.
Die Arbeitslosenquote in der Schweiz stieg von 1,9 Prozent im September 2023 auf 2,8 Prozent zwei Jahre später – darunter zunehmend mehr mit Hochschulabschluss. Lag ihr Anteil gemäss Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) jahrelang bei etwa 27 Prozent, kletterte er seit 2022 auf aktuell über 34 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Hochschulabsolventen an der erwerbstätigen Bevölkerung laut Bundesamt für Statistik aber nur um etwa ein Prozent. Akademiker und Akademikerinnen scheinen also besonders von steigender Arbeitslosigkeit betroffen zu sein.
Ich wehre mich deshalb gegen die Meinung, eine Hochschule zu besuchen sei besser als eine Lehre zu machen. Beide Wege – Hochschule oder Lehre – sind wertvoll. Sie unterscheiden sich aber stark in Theorie- und Praxis-Fokus, Dauer und finanziellen Aspekten. Welchen Weg Sie oder ihre Kinder auch wählen, wichtig sind auf jeden Fall weitere Aspekte wie lebenslanges Lernen, Fokussierung auf Stärken und die Bedeutung von Netzwerken. Fokussierung auf Stärken heisst Aufgaben übernehmen, die persönliche Stärken wie zum Beispiel Organisation nutzen. Wer sich seine Stärken im Berufsleben bewusst macht, bewältigt Herausforderungen souverän und kann leichter wichtige Entscheidungen treffen. Netzwerken wird häufig unterschätzt. Es bedeutet, persönliche und berufliche Kontakte aufzubauen und zu pflegen, um gegenseitigen Nutzen zu erzielen, sei es durch Wissensaustausch, neue Karrierechancen, Geschäftsideen oder Unterstützung. Netzwerken kann entscheidend für die berufliche Entwicklung sein.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre berufliche Zukunft.
Dies ist eine Medienpartnerschaft mit Karl der Grosse. Es fliesst kein Geld.
Alle Winterreden 2026 findest du fortlaufend hier zum Nachlesen
- Saphir Ben Dakon: «Wir haben nicht ewig Zeit, für Behinderungen zu sensibilisieren; Zeit, dass wir mit Behinderungen konfrontieren.», Dienstag, 13. Januar 2026
- Philippe Koch: «Die Wohnungskrise ist real, aber nicht alternativlos.», Mittwoch, 14. Januar 2026
- Franz Hohler: «‹Wie geht’s?› fragte die Trauer die Hoffnung. ‹Ich bin etwas traurig›, sagte die Hoffnung. ‹Hoffentlich›, sagte die Trauer.», Donnerstag, 15. Januar 2026
- Anja Derungs: «Wir dürfen uns nicht an die (alltägliche) Gewalt gewöhnen.», Freitag, 16. Januar 2026
- Emma Hodcroft: «Viruses move fast – science should, too. Sharing data openly means one lab’s insight becomes everyone’s defense.», Montag, 19. Januar 2026
- Dr. phil. Yuvviki Dioh: «Theater und Kunst können uns Perspektiven eröffnen, die die Frage nach sozialer Gerechtigkeit nicht vereinfachen, sondern erfahrbar vertiefen.», Dienstag, 20. Januar 2026
- Anita Borer: «Es war einmal eine selbstbestimmte Schweiz…», Mittwoch, 21. Januar 2026
- Maya Tharian: «Was heisst schon Heimat?», Donnerstag, 22. Januar 2026
- Hannan Salamat: «Zukunft wächst dort, wo wir Perspektiven öffnen und Pluralität mutig als demokratische Kraft entfalten.», Freitag, 23. Januar 2026
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