«Movu macht den Markt kaputt» – Zürcher Umzugsfirmen unter Druck

Die Vermittlungsplattform Movu vereinfacht den Umzug, wird aber wegen Preisdruck von Umzugsfirmen kritisiert. Die Plattform widerspricht: Sie liefere Qualität und Kund:innenservice – doch manche Firmen kehren ihr den Rücken.

Umzug in Zürich
Laut der Stadt Zürich finden in der Stadt täglich rund 120 Umzüge statt. (Bild: Michal Balog/unsplash)

Zürcher:innen, die den Umzugsstress minimieren möchten, greifen zu Umzugsunternehmen. Immer häufiger buchen sie diese über eine Vermittlungsplattform, wie beispielsweise Movu.

Das Prinzip der Plattform ist einfach: Die betroffene Person füllt einen Fragebogen aus und lädt ein paar Fotos und Videos der alten Wohnung hoch. Im Raum Zürich bietet Movu Hausbesuche an, um ein Inventar zu erstellen. Auf dieser Basis geben angeschlossene Umzugsfirmen Offerten ab, ohne die Wohnung je selbst gesehen zu haben. Die Kundschaft kann anschliessend zwischen verschiedenen Angeboten auswählen, basierend auf Preis und Bewertungen.

Für Simon Stalder (Name geändert) war das praktisch, er habe bereits zweimal über Movu gebucht. Beim letzten Umzug entschied er sich für eine Offerte einer Berner Firma. Beim Umzug sagte ihm dann ein Mitarbeiter, dass sich der Auftrag für die Firma kaum lohne, da die Provision an Movu gestiegen sei. Die besagte Firma selbst wollte auf wiederholte Nachfrage keine Fragen zu Movu beantworten.

Wer steckt hinter Movu?

Für diese Recherche hat Tsüri.ch zahlreiche Umzugsfirmen kontaktiert, die ihre Dienste auf Movu anbieten. Zur Zusammenarbeit mit der Plattform wollte sich niemand äussern, bis auf zwei Firmen. Diese bestätigen die gestiegenen Abgaben an Movu: früher hätten sie sie rund 10 Prozent der Einnahmen eines Auftrags an die Plattform abgeben müssen, heute seien es bis zu 30 Prozent. 

In der Schweiz gibt es verschiedene Vermittlungsplattformen für Umzüge und Umzugsreinigungen. Die Movu AG mit Geschäftsadresse in Zürich ist gemäss eigenen Angaben mit rund 60 Partnerunternehmen die grösste. «Wir sind stolz darauf, dass über 75 Prozent unserer Partnerfirmen seit mehr als drei Jahren mit Movu zusammenarbeiten, viele davon schon seit unserer Gründung», sagt Jonathan Landau, Geschäftführer von Movu.

2014 übernahmen Laurent Decrue, Nenad Nikolic und Nicolas Bürger die Plattform «Umzug easy» und formten daraus Movu. 2016 wurde das Angebot auf die Romandie ausgeweitet. Ein Jahr später kaufte die Baloise Versicherungen AG das Unternehmen, doch Movu operiert weiterhin unabhängig.

«Das führt zwangsläufig zu Preisdumping» 

Christian Räss ist Administrationsleiter von Limmat Umzug in Zürich. Früher hätten sie auf Movu mitgeboten, wegen der gestiegenen Abgaben seien sie aber ausgestiegen: «Das lohnt sich für uns nicht mehr.» 

Ein Zürcher Umzugsunternehmen, das anonym bleiben möchte, hat sich deshalb bewusst gegen eine Zusammenarbeit entschieden. «Movu macht den Markt kaputt», sagt Mitarbeiterin Mirjam Weiss (Name geändert). «Wenn 30 Prozent nur für die Vermittlung draufgehen, bleiben noch 70 Prozent für Löhne, Fahrten und Staatsabgaben. Das führt zwangsläufig zu Preisdumping und unfairen Arbeitsbedingungen.»

Früher habe ihre Firma auch kleinere Umzüge übernommen. Heute dominiere Movu diesen Bereich von ein bis 3,5-Zimmer-Wohnungen, weil viele Anbieter mit den Preisen nicht mithalten könnten. «Für eine 3,5-Zimmer-Wohnung ist ein Preis von 3000 bis 4000 Franken fair. Über die Plattform geht das nicht.» Weiss kritisiert zudem ausserkantonale Firmen, die für Zürcher Umzüge billige Angebote abgeben: «Wenn jemand aus Bern hierherfährt und trotzdem günstiger ist, stimmt etwas nicht – meist beim Lohn der Mitarbeitenden.»

Laut Landau werde die Provision dynamisch berechnet. Weiter gibt er zu bedenken, dass diese weitaus mehr abdecke, als nur die Vermittlung: «Wir akquirieren Kund:innen, erfassen deren Bedürfnisse, begleiten sie telefonisch von der Anfrage bis zur Durchführung und organisieren im Ausnahmefall Ersatz. Zusätzlich haben Movu-Partner exklusiv Zugriff auf ein digitales Backoffice-Tool, das wir speziell für Umzugsfirmen entwickelt haben.»

Mit welchen Unternehmen Movu zusammen arbeitet, sei, laut Landau, ebenfalls klar geregelt: «Wir nehmen nur Umzugsfirmen auf, die bereits länger im Markt sind, eine Betriebs- und Transporthaftpflicht haben und unsere Qualitätsansprüche erfüllen. Wir verfolgen Nulltoleranz gegenüber Schwarzarbeit. Unsere Partner werden geschult, regelmässig überprüft und bei Verstössen konsequent von Movu ausgeschlossen.»

Für Räss von Limmat Umzug bleibt der direkte Kontakt zwischen Kundschaft und Umzugsfirma dennoch entscheidend. «Nur wer die Wohnung selbst sieht, weiss, ob der Auftrag realistisch ist.» Bei Movu sei es keine Seltenheit, dass am Umzugstag plötzlich zusätzliche Möbel auftauchen oder der Zustand der Wohnung für die Reinigung anders ist als angegeben. «Dann passt das Volumen der Transporter nicht oder es handelt sich um Spezialobjekte wie Kunstwerke, für die unsere Mitarbeiter:innen nicht ausgebildet sind», so Räss.

Wie günstig darf ein Umzug sein?

In der Schweiz gibt es keine gesetzliche Preisuntergrenze und kein Verbot, besonders günstige Dienstleistungen anzubieten. Unter Preisdumping versteht man, dass Preise so tief angesetzt werden, dass sie unter den eigenen Kosten liegen, oft mit dem Ziel, Konkurrenten vom Markt zu verdrängen.

Überwacht wird dies von der Wettbewerbskommission (WEKO). Die rechtliche Grundlage bildet das Kartellgesetz (KG). Plattformen wie Movu, die selbst keine Umzugsdienste anbieten, sondern nur vermitteln, fallen nicht unter das Kartellrecht, da sie gemäss WEKO keine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Dumping-Vorwürfe könnten jedoch gegen einzelne Umzugsfirmen erhoben werden, die über die Plattform vermitteln. Dennoch stellt sich die Frage, welchen Anteil Movu an diesem Preisdruck hat.

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sophie

Ausbildung als Polygrafin EFZ an der Schule für Gestaltung in Bern und aktuelle Studentin Kommunikation mit Vertiefung in Journalismus an der ZHAW Winterthur. Einstieg in den Journalismus als Abenddienstmitarbeiterin am Newsdesk vom Tages-Anzeiger, als Praktikantin bei Monopol in Berlin und als freie Autorin beim Winterthurer Kulturmagazin Coucou. Seit März 2025 als Praktikantin bei Tsüri.ch

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