Anteilnahme auf dem Münsterhof

Zürich schweigt für die Opfer von Crans-Montana

Der Bundesrat hat den 9. Januar zum nationalen Trauertag für die Brandopfer von Crans-Montana ernannt. Hunderte Zürcher:innen sind der Einladung des Stadtrats gefolgt und versammelten sich um 14 Uhr zum Gedenken auf dem Münsterhof.

Gedenktag Crans-Montana Münsterhof
Stille Anteilnahme: Hunderte Zürcher:innen kamen auf dem Münsterhof zusammen und nahmen an dem Gedenkanlass im Fraumünster teil. (Bild: Dominik Fischer)

Trotz des Andrangs bleibt es still. Immer mehr Menschen strömen auf den Münsterhof, doch die Stimmung ist gedrückt. Nasse Augen, Flüstern, Schweigen. Einige Besucher:innen haben Kerzen mitgebracht oder legen Blumen bei dem Christbaum ab, der noch immer auf dem Platz steht.

Hunderte, wenn nicht gegen Tausend Personen haben sich am Freitag kurz vor 14 Uhr auf dem Münsterhof versammelt, um der Opfer des Brandunglücks in Crans-Montana zu gedenken. Damit sind sie dem Aufruf des Bundesrats und des Stadtrats gefolgt. 

Der Bundesrat hat den 9. Januar zum nationalen Trauertag ausgerufen. Wie in Bundesbern, hängen die Flaggen auch in der Stadt Zürich auf Halbmast. Der Trauertag solle der Erinnerung an die Todesopfer, der Solidarität mit den Verletzten und der Verbundenheit mit den Betroffenen dienen, heisst es in der Medienmitteilung.

Zürcher Sicherheitskräfte trauern mit

Auch zahlreiche Sicherheitskräfte und die Feuerwehr sind mit Einsatzwägen vor Ort – weniger, um für Sicherheit zu sorgen, als um ebenfalls Anteil zu nehmen. Einige von ihnen waren im Wallis im Einsatz, um das Brandunglück aufzuarbeiten und die Verletzten zu pflegen. Und mit Sicherheit kann sich jede:r Mitarbeiter:in der Feuerwehr in die albtraumhaften Szenen hineinversetzen, die sich in der Bar «Le Constellation» abgespielt haben. 

Punkt 14 Uhr. Mehrere Minuten läuten die Glocken und schweigt der ganze Münsterhof. 

Als die Glocken verstummen und sich die Menschenmenge zum Fraumünster begibt, kommt es zu einem kurzen Zwischenfall. Ein Mann ruft laut wirre Sätze in die Stille hinein, bis er von einigen Anwesenden und drei Polizisten gestoppt wird. In der Kirche sind die Bänke bis auf den letzten Platz gefüllt, dann beginnt der 20-minütige Gedenkanlass mit den Klängen einer Violine.

Verschiedenste Religionsvertreter:innen kommen zusammen 

Nach den einleitenden Worten des Fraumünsterpfarrers Johannes Block, sprechen auch Vertreter:innen der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaft zu den Anwesenden, auch Vertreter:innen anderer Glaubensrichtungen waren zugegen. Zum Abschluss werden alle Anwesenden aufgerufen, sich an den Händen zu nehmen – als Zeichen, dass in dieser Zeit niemand alleine trauern muss. 

Ein mächtiges Symbol für die Verbundenheit und Solidarität eines offenen und vielfältigen Zürichs. 

Stadtpräsidentin Corine Mauch und ihre Stadtratskolleg:innen, die zum stillen Gedenken geladen haben, zeigen sich an diesem Tag zurückhaltend. Sie halten keine Reden, sondern reihen sich still in die Trauergemeinde ein.

  • Fraumünster Gedenktag Crans-Montana
    Die religiösen Vertreter:innen Zürichs präsentierten sich am Freitag geeint und solidarisch. (Bild: Dominik Fischer)
  • Fraumünster Gedenktag Crans-Montana
    Grosse Anteilnahme: Vor dem Fraumünster legen viele Teilnehmende Blumen ab... (Bild: Dominik Fischer)
  • Grabkerzen Münsterhof
    ...Oder platzierten Grabkerzen neben dem Weihnachtsbaum. (Bild: Dominik Fischer)

«Die Solidarität ist riesig»  

Wie gross die Anteilnahme für die Betroffenen und Hinterbliebenen der Brandkatastrophe aus der Silvesternacht ist, spürt auch Jessica Mor-Camenzind. Mit einem Aufruf auf Instagram organisierte sie in Eigeninitiative Zimmer und Wohnungen für Angehörige. Denn zahlreiche der Verletzten werden aktuell in Zürcher Spitälern behandelt. 

«Die Solidarität ist riesig. Über 200 Angebote habe ich schon bekommen», sagt Mor-Camenzind, die auch sonst in einer Hilfsorganisation tätig ist. Für drei Familien konnte sie auf diesem Weg eine Wohnung organisieren. Das Kinderspital und das Unispital bieten zudem selber Räumlichkeiten für die Angehörigen an, so Mor-Camenzind. Aktuell stehe für alle betroffenen Angehörige Wohnraum in der Stadt Zürich zur Verfügung. In den Spitälern arbeiten die Ärzt:innen und das Pflegepersonal derzeit weiter mit Hochdruck, um das Überleben der vielen Schwerverletzten zu sichern.  

Es gilt die Hoffnung, dass die schweizweite Anteilnahme und Solidarität einen Teil zur Verarbeitung des kollektiven Traumas von Crans-Montana beiträgt. Auf dem Münsterhof war eine Stille zu spüren, die wichtig war, um nach diesem schlimmstmöglichen Einstieg in das neue Jahr für einen Moment innezuhalten, kollektiv zu trauern und Anteil zu nehmen. 

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