Tabula rasa am Hallwylplatz: Stadt entschuldigt sich nach Aufräumaktion
Der Hallwylplatz im Kreis 3 wirkt plötzlich kahl. Anfang Woche räumte die Stadt Stühle, Rutsche und Grill ab - aus Versehen, wie sich herausstellt.
Seit Montagmorgen ist es kahl auf dem sonst so lebendigen Hallwylplatz – seltsam aufgeräumt. Nur ein einsames Bobbycar rollt über den Asphalt. An sonnigen Tagen planschen hier zahlreiche Kinder im Brunnen und rutschen auf der kleinen Plastikrutsche hinunter. Die Eltern essen Piadinas aus der Nachbarschaft, während sich junge Hipster:innen an der Tischtennisplatte messen.
Doch Anfang Woche rückte ein Team von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) mit einem Lastwagen an, sammelte alles ein, was nicht niet- und nagelfest war, und warf es in die Müllpresse. Lange wurden Stühle, Grills und Rutschen von der Stadt geduldet. War das das Ende der guten Nachbarschaft? Ein Angriff auf das Quartiergefühl?
Stadt «bedauert die Umstände»
Anscheinend nicht, wie eine Nachfrage bei der Stadt ergibt. «Wir bedauern die Umstände und entschuldigen uns bei den Anwohnenden am Hallwylplatz», erklärt Sabina Mächler vom Tiefbauamt der Stadt Zürich.
Im August seien jedoch mehrere Meldungen auf der Plattform «Züri wie neu» eingegangen, die den deponierten Abfall auf dem Platz im Kreis 3 kritisierten. In einer Meldung hiess es: «Man kommt sich vor wie an der Mülldeponie» und «Es ist als Anwohner langsam nicht mehr zu ertragen». Neben Tischen und Stühlen hätten sich auch «Heim-Sportgeräte, Sofas, Staubsauger und aussortierte Grills» angesammelt, bemängelte der Anwohner.
Wie lange der Hallwylplatz wohl so aufgeräumt bleibt? (Bild: Dominik Fischer)
Dieses Bobbycar durfte bleiben, die bunte Rutsche landete in der Müllpresse. (Bild: Dominik Fischer)
Auch solche Bilder zeigten sich zuletzt vermehrt: Sperrmüll, der nicht zur Gemütlichkeit beitrug. (Bild: Züri wie neu)
Die Stadt reagierte umgehend und versprach, den Abfall abzuholen. «Besten Dank für Ihren Beitrag für ein sauberes Zürich», antwortete sie auf die Meldung.
Das Team von Energie und Recycling Zürich rückte aus und sammelte alles ein.
Mächler erklärt: «ERZ hatte keine Kenntnis davon, dass mit Quartiervertretenden und dem Tiefbauamt an einer Begehung vereinbart worden war, dass private Pflanztöpfe sowie private Sitz- und Spielinfrastruktur auf dem Hallwylplatz bis zu einer Platzneugestaltung geduldet würden, sofern die öffentliche Sicherheit nicht beeinträchtigt wird.»
Nach der übereifrigen Aufräumaktion habe sich die Stadt bei ihren Kontaktpersonen am Hallwylplatz gemeldet. Um es wiedergutzumachen, gebe es seitens der Stadt «Überlegungen für eine neue Möblierung und Aufwertung».
Erste Aufwertungsmassnahmen fanden bereits statt: So wurde die selbstgebastelte Tischtennisplatte durch eine städtische ersetzt und Betonpoller errichtet, die verhindern sollen, dass Velos in hohem Tempo über den Platz flitzen.
«Es wäre gut gewesen, hätte die Stadt das Gespräch gesucht»
Stadtplanerin Laura Bruns hat sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit dem Quartierleben auf dem Hallwylplatz auseinandergesetzt und die Möblierung durch die Anwohnenden auf ihrer Webseite «Stadtmacherarchiv» dokumentiert.
Dass am Hallwylplatz kurzerhand tabula rasa gemacht wurde, bedauert sie. Gleichzeitig räumt sie ein: «Nach den vielen Jahren sahen die Möbel etwas mitgenommen aus; nicht alles, was dort platziert wurde, war brauchbar. Aber natürlich wäre es gut gewesen, hätte die Stadt das Gespräch mit dem Quartier gesucht, bevor sie alles entfernte.» Nun sei es ein guter Zeitpunkt für die Anwohnenden, sich wieder stärker um die Gestaltung und Pflege des Platzes zu kümmern, findet sie.
Vergangenes Jahr hat die Stadt Poller installiert, um den Veloverkehr abzubremsen. (Bild: Dominik Fischer)
Lange Jahre hat diese Tischtennisplatte dem Hallwylplatz gute Dienste erwiesen... (Bild: Laura Bruns/Stadtmacher Archiv)
...aber diese städtische Platte ist schon ein deutliches Upgrade. Ob es bald auch einen neuen Grill gibt? (Bild: Dominik Fischer)
So könnte die ERZ-Aktion noch ein versöhnliches Ende nehmen – oder gar den Startschuss für ein neues Engagement für den heimeligen Platz bilden. Wer weiss: Nachdem die Tischtennisplatte bereits aufgewertet wurde, liegt vielleicht auch noch ein neuer Grill oder eine neue Rutsche im Budget.
Sicher ist: Ruhe wird am Hallwylplatz erstmal nicht einkehren – denn am Samstag steigt dort das Hallwylplatzfest.
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Bachelorstudium in Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich, Master in Kulturanalyse und Deutscher Literatur. Während des Masters Einstieg als Redaktionsmitglied in der Zürcher Studierendenzeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen und kulturkritischen Themen. Nebenbei literaturkritische Schreiberfahrungen beim Schweizer Buchjahr. Nach dem Master Redaktor am Newsdesk von 20Minuten. Nach zweijährigem Ausflug nun als Redaktor zurück bei Tsüri.ch