Sanija Ameti nach Gerichtsurteil:

«Der einzige Ausweg ist der Tod der öffentlichen Figur»

Sanija Ameti wurde am Mittwoch vom Zürcher Bezirksgericht schuldig gesprochen. In einer Rede auf dem Zürcher Heimplatz wendet sie sich an die Schweizer Bevölkerung und verkündet ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit. Die Rede im Wortlaut.

Sanija Ameti
«An den heutigen Prozess sind alle freiwillig gekommen – ausser mir.» (Bild: Sanija Ameti)

Heimplatzrede

Liebe Öffentlichkeit

An den heutigen Prozess sind alle freiwillig gekommen – ausser mir. Aus diesem Umstand darf ich schliessen, dass Sie wahrscheinlich meinetwegen gekommen sind und ich Sie enttäuschen würde, wenn ich nichts sagte. Das möchte ich natürlich nicht. Und ich frage mich, was Sie – liebe Öffentlichkeit – denn von mir wissen wollen? Und zwar wirklich wissen wollen.

Den Sachverhalt zum heutigen Prozessgegenstand habe ich bereits mehrfach geschildert und mein Rechtsvertreter hat ihn nochmals dargelegt. Dazu ist also alles gesagt. Konsultiert man aber Google, die mit Abstand führende Suchmaschine, so lauten die meisteingegebenen Abfragen zu meiner Person in dieser Reihenfolge:

  1. Sanija Ameti Freund

  2. Sanija Ameti Religion

  3. Sanija Ameti Herkunft

Keuschheitsstatus, Religion, Herkunft – das ist es offenbar, was die interessierte Öffentlichkeit wirklich von mir wissen will. Deshalb gebe ich Ihnen die Antworten auch in dieser Reihenfolge.

sanijaameti
«Würste für die Freiheit», die Rede von Ameti auf einem leeren Stuhl mitten auf dem Heimplatz. (Bild: zvg)

Zu 1) Ich habe einen sehr netten Freund, dessen Stammbaum im Ämmital beginnt. Ich durfte ihn mir – entgegen der von einer Zeitung kolportierten Behauptung – auch selber auswählen und bin mit meiner Wahl zufrieden.

Zu 2) Ich habe, wie in den letzten fünf Jahren wiederholt öffentlich erklärt, keine Religion und bleibe wohl Atheistin. Dennoch wird meine Person in den Medien häufig als «Sanija Ameti, Politikerin und Muslimin» präsentiert, als wären es Berufsbezeichnungen. Dabei weiss jeder, dass Politikerin im Milizsystem kein Beruf ist.

Zu 3) Ich gehe davon aus, dass sich die Frage nach meiner Herkunft auf meine Vergangenheit in der alten Heimat bezieht. Als Geburtsort steht in der Anklageschrift Prizren, Kosovo. Das ist der Heimatort meines Vaters, aber nicht mein Geburtsort. Nachdem in meinem Ausländerausweis während zehn Jahren willkürlich Montenegro als mein Herkunftsland definiert war, spielt es keine Rolle mehr, was auf dem Papier steht. Meine Muttersprache ist Bosnisch und ich war, bevor ich in die Schweiz geflüchtet bin, Binnenflüchtling auf ex-Jugoslawischem Territorium, weil man uns bereits in der alten Heimat zu Türken und Muslimen erklärte, um so unsere Deportation – auf neu-identitär Remigration – zu rechtfertigen.

Wer die Heimat nicht verlassen hatte, riskierte, getötet zu werden. Darunter viele Kinder. Die Absicht dahinter ist, dass wenn man ein Kind tötet, auch gleichzeitig das Leben der Mutter zerstört. Deshalb mussten die Sniper-Safari-Touristen für Kinder auch mehr Geld bezahlen. In dieser Unfreiheit liegt meine Herkunft.

«Es gab für sie keinen treffenderen Tod, als von Biedermann gelyncht zu werden, während die Brandstifter applaudieren und Babette zusieht.»

Sanija Ameti

Auch wenn solche Angaben zur Person wie Keuschheitsstatus, Religion und Herkunft als öffentliche Interessen für die rechtliche Beurteilung eines Sachverhalts irrelevant sind: Selbstzweck sind sie nicht. Sie dienen der Öffentlichkeit als Bestimmungsfaktoren, wer aufgrund von was und mit welcher Strenge beschämt wird. Wer dazugehört, und wer nicht. Formal gilt Freiheit für alle gleich. Es ist aber die ungleiche öffentliche Beschämung, die dafür sorgt, dass Freiheit materiell nicht für alle gleich gilt.

Aus diesem Grund richtet sich dieses Wort an die Öffentlichkeit. Persönlich habe ich in den fünf Jahren meiner Präsenz in der Öffentlichkeit zahlreiche Erfahrungen mit öffentlichen Beschämungen gemacht. Ihre Auswirkung war aber nie auf meine Person beschränkt: Mit jeder öffentlichen Beschämung kamen nicht nur Morddrohungen, sondern es wurde auch ein Exempel statuiert, um Menschen, die meine zugeschriebenen Attribute teilen, von der Teilhabe an der Öffentlichkeit abzuschrecken und auszuschliessen. 

Es ist schliesslich diese Teilhabe an der Öffentlichkeit, die Hannah Arendt die «Freiheit, frei zu sein» nannte. Wem die Freiheit, frei zu sein, zusteht, und wem nicht, entscheiden seit jeher nicht Urteile der Gerichte, sondern Geschichten der Öffentlichkeit. Es sind Geschichten des Paria, wie sie der Bundesplatz in Bern über Elisabeth Kopp, der Richtplatz in Ygruben über Anna Göldin oder der Schweizerplatz in Frankfurt über die Schweiz in Europa erzählen und dem Paria so einen Platz in der Geschichte der europäischen Menschlichkeit geben.

«Was uns frei macht, das sind die Dinge, von denen wir erzählen können.» Meine Geschichte erzählt der Heimplatz in Zürich. Hier hat sich im Schauspielhaus in den 30ern der Widerstand formiert, hier erzählt das Höllentor die göttliche Komödie und hier ist es, wo ich lebe und hoffnungsvoll sein kann. Es ist nicht die Geschichte eines Comebacks. Ich werde nicht zurückkehren in eine Ordnung, in der jeder so tut, als wären alle Schweizer:nnen gleich, aber genau weiss, dass die Öffentlichkeit je nach Geschlecht und Identität mit unterschiedlicher Strenge urteilt. Ich werde nicht mehr die Lüge mittragen und vorgeben, durch Teilhabe an der Öffentlichkeit gleich frei zu sein, solange die Beschämung durch dieselbe Öffentlichkeit der Ursprung meiner eigenen Unterordnung ist. Und schon gar nicht werde ich vorgeben, als wäre ich dankbar, Teil dieser Ordnung der Selbstlüge zu sein. Wer aber diesen Gesellschaftsvertrag ablehnt, wird als undankbar gebrandmarkt.

Der einzige Ausweg ist der Tod der öffentlichen Figur. Und solange es den Tod gibt, gibt es Hoffnung. Sanija Ameti, die Schweizer Politikerin, die sich selbst verleugnet hat, musste deshalb sterben. Es gab für sie keinen treffenderen Tod, als von Biedermann gelyncht zu werden, während die Brandstifter applaudieren und Babette zusieht. Nur sollte der Spiegel diesmal so gross sein, dass ihn selbst der letzte Dorftrottel sieht. Dieser Tod war die Folge der Weigerung, in einer Ordnung zu leben, an deren Tisch nie ein Platz für mich vorgesehen war. Die Veröffentlichung meiner mit der Herkunft verbundenen Scham war die Befreiung aus der Selbstlüge. 

Befreit von der Maske, die mir die Öffentlichkeit aufgezwungen und befreit von der Maske, die ich mir selbst in meiner Abweisung gegen sie auferlegt habe, kann jetzt eine neue Ordnung ohne Janusköpfe entstehen. Und in dieser Ordnung ist die Freiheit eingeladen, sich zu uns zu setzen, wenn ich und die Öffentlichkeit gemeinsam eine Wurst essen. Der Stuhl bleibt frei, aber der Platz ist für alle gedeckt.

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Kommentare

Antonella Martegani
28. Januar 2026 um 17:12

gut gewählt - der Heimplatz

starke rede, 360°-antwort und erst noch humor! ich wünsche Sanija guten start, von herzen Antonella