Samuel Herzog hat sich über Jahre eine Insel erschaffen
Mitten im Atlantik, 33 Grad Nord, 44 Grad West, liegt eine kleine Insel namens Lemusa. Zumindest in der Welt von Samuel Herzog. Er hat die Insel vor 25 Jahren erfunden. Heute gibt es eine 3200-seitige Enzyklopädie darüber.
Mehrmals täglich fliegt Samuel Herzog auf die Insel Lemusa. Es sei die ökologischste Art zu reisen, sagt er. Denn Lemusa existiert nicht.
Und trotzdem: Wer es nicht besser weiss, könnte glauben, die Insel liege irgendwo draussen im Atlantik.
Kreiiert wird Lemusa in einem kleinen Zimmer einer hellen Dachwohnung in Zürich Tiefenbrunnen. Der Raum ist spärlich möbliert: ein Tisch, zwei Stühle, ein Hocker. In den Regalen stapeln sich Boxen, an den Wänden hängen Zeichnungen, Rezepte, Scherenschnitte, Notizzettel, Malereien, eine Urkunde, Plakate der Fluggesellschaft Lemusa Air, die Anatomie eines unbekannten Tieres, und eine Weltkarte.
Darauf prangt ein roter Punkt. Mitten im Atlantik, 33 Grad Nord, 44 Grad West. Dort befindet sich Lemusa.
Seit 25 Jahren arbeitet Samuel Herzog an dieser Insel. Sie ist 133 Kilometer lang, 84 Kilometer breit, zählt rund 500’000 Einwohner:innen. Die meisten sprechen Französisch, einige Lemusisch. Eine Sprache, die in der realen Welt nur von Herzog gesprochen wird. «Nicht besonders gut», sagt er. «Dabei ist Lemusisch eine einfache Sprache. Mit Wörtern aus dem Keltischen, Lateinischen, Indoeuropäischen.»
Er zeigt auf ein lemusisches Grammatikbuch. Es ist das bisher einzige Exemplar.
Wer Lemusisch lernen will, könne sich an der Universität der Insel einschreiben, sagt Herzog. Natürlich gibt es dort eine Universität. Es gibt auch Bars und Restaurants, Seen und Kinos, Strände und Tempel. Die Einwohner:innen kochen lemusische Gerichte, lesen lemusische Medien und Bücher, diskutieren über das politische System und die Geschichte der Insel.
All das hat Herzog zusammen mit der Edition Frida in sieben Bänden festgehalten – geordnet nach den sieben Regionen der Insel, jede mit einem eigenen Wappentier. Rund 3200 Seiten umfasst dieses Werk, das 2025 als «Reiseführer» erschienen ist.
Ein grosses Kind mit grossem Projekt
Samuel Herzog ist schmal, knapp 1,80 Meter gross, hat blaue, wache Augen und ein lausbübisches Lachen. «Wenn Sie mich fragen, bin ich ein grosses Kind», sagt er.
Herzog kam im Sommer 1966 in Basel zur Welt, wuchs dort mit seinen Eltern und zwei Brüdern auf. Er studierte Kunstgeschichte in Bern, leitete danach einen Kunstraum und arbeitete als freier Journalist. Ab 2002 schrieb Herzog als Redaktor für Bildende Kunst bei der «Neuen Zürcher Zeitung». Über Schwarzbären auf Vancouver Island, über Teegärten in Sri Lanka, über das Unterwegssein. Und immer wieder über Essen und Rezepte – eine Leidenschaft, die später ihren Weg nach Lemusa fand.
2017 folgte der Abschied von der Zeitung. Für Herzog war das ein Bruch und Chance, sagt er. «Eine Art Freiheit» und mehr Zeit, um sich mit Lemusa auseinander zu setzen.
Das sei ein Versuch, die kindliche Fantasie ins Erwachsenenleben hinüberzuretten. «Der erwachsene Zustand ist im besten Fall die Blüte der Kindheit», sagt Herzog und blickt von seinem Arbeitszimmer hinaus auf den Zürichsee. «Man bringt zum Blühen, was früh angelegt war.»
Geschichte, Diktatur und Widerstand
Wenn Herzog spricht, steht er immer wieder auf, greift nach einer Schachtel, holt etwas hervor. Alles scheint seinen Platz zu haben. Muss es auch, schliesslich befindet sich hier das Archiv von Lemusa. Die Geschichte reicht bis 2000 vor Christus zurück. Sie erzählt von Mythen und Umbrüchen. Heute sei Lemusa, «ein gut dokumentiertes Land, besser als manche echte Länder», sagt Herzog.
Seit 2016 regiert die Diktatorin Odette Sissay die Insel. Gleichzeitig formiert sich politischer Widerstand: die Befreiungsbewegung Lemusa Libre. «Es war mir wahnsinnig langweilig, alle vier Jahre Wahlen zu veranstalten», sagt Herzog. «Eine Diktatorin ist eine grossartige Partnerin für mich als Erzähler.»
Er sagt das nicht provokativ, vielmehr analytisch. Denn Geschichten bräuchten Reibung, Ordnung brauche Brüche. Lemusa sei kein utopischer Sehnsuchtsort, sondern ein Modell, an dem sich die Welt erzählen lasse.
Weg vom Journalismus, hin zur Insel
Finanziell trägt die Insel ihn allerdings nicht. «Die Bücher bringen überhaupt nichts ein», sagt er. Geld verdient er durch Lehraufträge an einer Hochschule, durch Vorträge, Ausstellungen und gelegentliche Buchprojekte. Dafür arbeitet er oft in Cafés oder auf dem Stairwalk, dem endlosen Treppensteiger.
«Der grösste Horror ist für mich, am leeren Schreibtisch zu sitzen», sagt er. Lemusa schützt davor. Es gibt immer etwas zu tun. Ein Gesetz schärfen, ein Tier zeichnen, ein Rezept erfinden. «Ich kann mich stunden-, tagelang mit diesen Dingen beschäftigen und arbeiten.» Er sei schon immer fleissig gewesen.
Auf das siebenbändige Werk sollen weitere Bücher folgen. Eines entsteht gerade: über die Insel selbst, gestützt auf 120 Texten, die von lemusischen Autor:innen verfasst sein sollen. Dazu kommt die Mission Kaki, die Geschichte eines lemusischen Geheimagenten. Die Texte, Bilder, Karten und 540 Video-Clips dieser Mission realisierte Herzog zusammen mit der Hochschule Basel.
Irgendetwas zu arbeiten finde er immer, sagt Herzog, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. «Ich habe Glück, ich bin naiv.» Er klingt dabei nicht weltfremd, eher unbeirrt.
Was man damit macht, verantwortet jede Person selbst
Privat spreche er weniger über Lemusa, als man vermuten könnte. Weder mit seiner Partnerin, noch mit Freund:innen. Höchstens, wenn es sich ergebe.
Was andere mit dieser Fiktion machen, verantworte jede Person selbst. Lemusa versteht Herzog als Angebot, nicht als geschlossenes System. «Man baut sich ein Instrumentarium auf. Wie ein Maler mit einem grossen Atelier.»
Eine Flucht vor der realen Welt? «Eher ein Rückzug», sagt Herzog. «Ein Ort, wo man sich zurückziehen kann, wo die eigenen Gesetze herrschen.» Diesen Ort habe er gebraucht – auch als Gegenstück zum journalistischen Betrieb, zur dauernden Aktualität. Einsam sei dieser Rückzug nicht. «Das Schöne ist, dass die Leute ihre eigene Fantasie entwickeln können, ihre eigene Geschichte. Ohne mich.» Er liefere nur die Basis. Bilder, Texte, Reportagen und Rezepte sollen helfen, einzutauchen.
Die lemusischen Speisen kocht er mit Gewürzen, die angeblich von der Insel stammen. Lebensmittel erzeugen Geschichten, sagt Herzog. «Wie Olivenöl. Da kauft man ja nicht einfach ein Öl, man kauft sich ein Lebensgefühl.» Er lacht. «Ich finde das grossartig. Ein kleiner Trigger, der das Leben kurz verändert.»
Lemusa funktioniere genauso.
Bleibt die Frage: Wird Lemusa je fertig? «Im Grunde ist es abgeschlossen», sagt Herzog. Nun kann er sich anderen Projekte zuwenden, wie Beispiel Reisen in der echten Welt. «Die Philippinen, Vietnam, Japan oder China – das interessiert mich alles», sagt er. «Nur schade, muss man sich heute so schämen fürs Fliegen.»
Vielleicht liegt genau hier der Kern von Lemusa: eine Welt zu bauen, die nicht unter Druck gerät. Nicht, um sich darin zu verlieren, sondern um der Realität etwas entgegenzusetzen.
Wenn das nötig ist, steigt Samuel Herzog in ein Flugzeug von Lemusa Air und reist auf die Insel. Aber bitte nur mit gültigem Visum.
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Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.