Regisseur Nölle im Interview: «Der Schweizer Film ist schon sehr risikoscheu.»
<!--more--><br><br> Der Film ALOYS des Zürcher Regisseurs Tobias Nölle begeisterte an den diesjährigen Berliner Filmfestspielen, und wurde mit dem renommierten Filmkritikerpreis ausgezeichnet. Jetzt kommt er ins Kino. Warum ihn verschrobene Aussenseiter faszinieren, was er sich von der «Generation Heimatland» erhofft und warum das Kino Visionen braucht, erläutert er im Interview mit Valerie Thurner<br><br> <strong>Der einsame Privatermittler Aloys Adorn nimmt am gesellschaftlichen Leben nur als Beobachter teil. Er befolgt dabei den Kodex der alten Samurai, ein Leben in völliger Unsichtbarkeit zu führen.</strong> <strong>Tobias Nölle:</strong> Aloys verfolgt die zehn Schritte zur Unsichtbarkeit. Als Detektiv ist dies für ihn fast wie eine Religion und er murmelt die zehn Schritte ja auch wie ein Gebet. An Samurais habe ich dabei nicht gedacht.<br><br> <strong>Was faszinierte dich an dieser verschrobenen Figur?</strong> Ich suche immer nach Figuren, die in mir Bilder evozieren, und so bin ich auf den Privatdetektiven gestossen, der die Welt ausschliesslich durch seine Kamera wahrnimmt. Ursprünglich baute er sich zu Hause sogar ein Paralleluniversum auf, indem er die gefilmte Realität neu zusammenschnitt. Dies war mir dann aber zu verkopft und ich gab der Liebesgeschichte mehr Raum. Die Realitätsfrage wird so in der Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren verhandelt, das ist emotionaler.<br><br> <strong>Die Liebesgeschichte zwischen Aloys und Vera ist, obwohl oder vielleicht weil sie beide sehr unbeholfen sind, auch sehr romantisch. Beide wollen den andern ja irgendwie retten. Will Aloys sich selbst retten, indem er versucht sie zu retten? </strong>Nicht bewusst, zumindest nicht am Anfang, aber jede Rettung hat auch etwas egoistisches. Er durfte bis anhin ja nicht mit anderen Menschen interagieren. Sich von Emotionen leiten zu lassen ist der grösste Fehler, den ein Privatdetektiv begehen kann, Aloys «Deformation professionelle» ist so extrem, dass der «Mensch» in ihm beinahe abgestorben ist bis Vera in sein Leben dringt. Lediglich mit seinem verstorbenen Vater, hatte er zuvor eine emotionale Beziehung.<br><br> [caption id="attachment_6511" align="aligncenter" width="274"]<img class="wp-image-6511 size-medium" src="https://tsri.ch/media/uploads/2016/03/portrait-274x300.jpg" alt="portrait" width="274" height="300" /> Nölle über seinen neuen Film Aloys[/caption]<br><br> <strong>Aloys ist ein sehr altmodischer Mensch, von der Wohnungseinrichtung über seine Kleidung bis zu seiner Sprache. Und auch seine Arbeitsgeräte sind keine Smartphones, sondern Kabeltelefone und DVCamcorder. Bist du Nostalgiker? </strong>Ja schon, bisschen. Aber mich interessierte vor allem die Idee, dass die Figur nicht nur räumlich und sozial isoliert ist, sondern auch zeitlich. So lebt Aloys wie in einer Zeitkapsel, er ist in der Vergangenheit stecken geblieben und muss den Sprung in die Gegenwart schaffen. Vom toten zum lebendigen. Eine Art Auferstehung.<br><br> <strong>Die Figur gibt die Ästhetik vor? </strong>Unbedingt. Ich versuche jeweils, eine eigene, stringente Welt aus der Figur heraus zu kreieren. Jeder Mensch ist anders und so auch die Welt in der er lebt. Dieses figurenspezifische Universum zu gestalten macht mir grossen Spass, das Eintauchen in die imaginäre Welt der Filmfiguren. Ehrlichkeit zur Figur ist dabei immer oberstes Gebot. Das galt auch für die Musik. Uns war schnell klar, dass es keine zu moderne oder gar hippe Musik sein kann, die hätte nicht zu Aloys gepasst.<br><br> <strong>Dein Filmuniversum wird auch von Tieren bevölkert, wie der Katze, aber auch von Schafen, einem exotischen Vogel oder einem Leguan. Manchmal sind sie Teil der Handlung, aber manchmal auch surrealistische Zwischenbilder. Was war die Idee hinter den Tieren? </strong>Tiere gaben mir die Möglichkeit im Subtext etwas zu erzählen. Die Katze schleicht etwa so unbemerkt rum wie auch Aloys es zu tun pflegt. Der Leguan ist in seinem Glaskasten so gefangen wie Aloys in seinem Leben, und guckt aber manchmal so als wolle er Aloys ermahnen: Junge, du musst hier ausbrechen! Die Tiere im Film sind sehr geheimnisvoll, sie geben einem das Gefühl, sie wüssten mehr als wir. Als Georg (Georg Friedrich, der Hauptdarsteller, Anm. d. R.) und ich zum ersten Mal vor diesem Schuhschnabel Vogel standen im Zürcher Zoo, konnten wirs nicht fassen, der Blick dieses Vogels war so bohrend, fast tödlich, der schaute drein als wisse er alles über uns. Er wurde natürlich zum dritten Hauptdarsteller.<br><br> <img class="aligncenter size-full wp-image-6504" src="https://tsri.ch/media/uploads/2016/03/schafe.jpg" alt="schafe" width="1000" height="422" /><br><br> <strong>An der Berlinale im Februar wurde der Film mit dem Preis der Internationalen Filmkritiker ausgezeichnet. Was bedeutet Dir diese Auszeichnung? </strong>Es ist ein wichtiger Preis und ich hab mich sehr gefreut. Man sagt aber, dass Filme, die Kritiker begeistern, beim Publikum durchfallen. Der Publikumspreis am Las Palmas Film Festival hat dieses Vorurteil aber glücklicherweise widerlegt. Aber das Kino ist dann noch eine ganz andere Geschichte, das wird sehr schwierig.<br><br> <strong>Mich erinnert Aloys auch an René, den Protagonisten deines ebenfalls prämierten Kurzspielfilms von 2007. Was fasziniert dich an solchen einsamen Aussenseitern? </strong>Mich faszinieren eben Menschen, die nicht wirklich gesellschaftlich integriert sind und in einem Paralleluniversum zu Hause sind, während sich unsere Welt mehr und mehr nivelliert indem wir alle den selben Pseudo-Idealen nachhängen. Da hat es immer weniger Platz für kantige Menschen, die nicht in unsere sozialen Raster passen. Vor Jahren gab es doch hier in Zürich diesen Typen, der zu jeder Jahreszeit mit seinen Rollerblades und kurzen Speedos durch die Stadt düste und auf seinem Rücken stand «Kill them all».<br><br> <iframe src="https://player.vimeo.com/video/159115340" width="500" height="281" frameborder="0" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen></iframe> <p><a href="https://vimeo.com/159115340">ALOYS - Trailer OV</a> from <a href="https://vimeo.com/hugofilm">Hugofilm</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p><br><br> <strong>Ja, den habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen...</strong> Der interessierte mich extrem und ich fragte mich, wie es bei dem wohl zuhause aussieht, in seinem Badezimmer, wenn er sich die Zähne putzt, was er zum Abendbrot isst, alles. Diese Frage stelle ich mir bei angepassten Leuten nie. Ich hätte den gleichen Film auch über zwei junge Hipster machen können, die über den Laptop eine Fernbeziehung führen, aber das interessierte mich einfach nicht.<br><br> <hr /><br><br> <strong><a href="http://outside-thebox.ch/aloys-vorpremieren/" target="_blank">HIER VERLOST TSÜRI.CH 5X2 EINTRITTE FÜR DIE VORPREMIERE IM RIFFRAFF AM 29. MÄRZ.</a></strong><br><br> <hr /><br><br> <strong>Momentan ist von einem Aufbruch im Schweizer Film die Rede. Du bist ja Teil des Films mit der Wolke Heimatland, der den Zürcher Filmpreis gewonnen hat. Swissfilms rief dann in Berlin die «Generation Heimatland» aus. Was hältst du von diesem Label? </strong>Ein Filmprojekt, wofür sich zehn Filmschaffende zusammentun, ist historisch, mal ganz abgesehen von der Qualität des Films. «Generation Heimatland» ist zwar ein Marketing-Slogan, ob gelungen oder nicht, dahinter steckt aber in der Tat eine neue Energie im Schweizer Film. Und keine Sekte! Mit Generation Heimatland sind nicht nur wir zehn Regisseure und Regisseurinnen gemeint sondern einfach alle die momentan Filme machen, je mutiger desto besser.<br><br> <strong>Fühlst Du dich in der Schweiz betreffend verrückter Ideen etwas eingeschränkt?</strong> Für die bildende Kunst gilt das gar nicht, aber der Schweizer Film ist schon sehr risikoscheu. Ein Film muss hierzulande oft in erster Linie eine gute Geschichte erzählen, und die Vision ist oft Nebensache. Es fehlt eh an Visionären, mit Ausnahmen wie etwa dem verstorbenen Peter Liechti. Man hat Angst zu scheitern. Leider wirds oft erst da spannend. Ich bin nicht sicher, ob es Angst ist, oder die Leute einfach so ticken hier. Ich mag scheitern ja auch nicht.<br><br> <hr /><br><br> <strong>Tsüri-Mail: Willst du gratis in den Ausgang? Im Newsletter verlosen wir wöchentlich 2x2 Gästelistenplätze. Einmal abonnieren bitte. #Partyhard</strong>
__html
<br><br> <hr /><br><br> <strong>Inwiefern engagierst du dich für die Verbesserung der Filmförderung? Es gibt ja aktuell einige politische Initiativen wie das Swiss Fiction Movement oder die kantonale Initiative für ein neues Film- und Mediengesetz hier in Zürich? </strong>Ich muss gestehen, ich bin nicht sehr involviert. Ich hatte bisher das Glück, dass meine Projekte finanziert wurden, sodass ich nie persönlich auf die Barrikaden musste. Ich will mich aber mehr engagieren, also in erster Linie will ich, dass es mehr gute und persönliche Filme gibt in der Schweiz. Das Hauptproblem liegt bei uns Autoren. Man kann den Mangel an Ideen und künstlerischer Handschrift nicht nur auf die Förderstrukturen abschieben. In Rumänien haben sie viel weniger Geld, machen aber die besseren Filme. Wichtig ist wie gefördert wird und dass kompetente Leute in den Juries sitzen. Ein guter Film, sei es im radikalen Arthouse Bereich oder Unterhaltungsfilm, beide müssen von ein- und der selben Jury erkannt werden. Ich glaube das können vor allem Regisseure, Autoren, Dramaturgen. Leute die sich täglich mit Schreiben, Ideenfindung und Ästhetik rumschlagen.<br><br> <strong>Du hast in New York studiert, nicht in der Schweiz. Inwiefern hat dich das geprägt? </strong>Schwierige Frage... Amerika ist nicht so streng, man hat keinen Druck, man kann mehr rumspielen, sich selber sein und ausprobieren, es gibt keine Dogmas. Vielleicht interessiere ich mich seit damals mehr für die Überhöhung und den magischen Realismus als für den harten Sozialrealismus. Oder zumindest eine Kombination von beiden. Wobei, ich war ja eh immer schon ein Träumer. Die Magie, die das Kino ermöglicht, hat mich schon immer fasziniert. Mein Ziel bei jedem Film ist es, wenigstens in einem Bild einen Moment von Magie einzufangen.<br><br> <hr /><br><br> <script src="//cdn.playbuzz.com/widget/feed.js" type="text/javascript"></script> <div class="pb_feed" data-embed-by="751d03db-a741-4c03-aa51-ab8d29e87a43" data-game="/simonj16/warum-magst-du-ts-ri-ch" data-recommend="false" data-game-info="false" data-comments="false" data-shares="false"></div><br><br> <hr /><br><br> <h3><strong>Zum Film Aloys</strong></h3> Nach dem Tod seines Vaters führt Aloys Adorn (Georg Friedrich) das gemeinsame Detektivbüro alleine weiter. Mit seiner Videokamera filmt er alles aus der Distanz, statt wirklich am Leben teilzunehmen. Jede Party ist sowieso einmal zu Ende und dann ist man wieder einsam und allein, so sein Credo. Freunde hat er keine bis auf die namenlose Katze. Als er eines Morgens nach einer durchzechten Nacht auf der Rückbank eines Busses erwacht, stellt er schockiert fest, dass seine Kamera, die Aufnahmen seiner Observierung sowie sein Handy gestohlen wurden. Als anschliessend eine geheimnisvolle junge Frauenstimme ihn von seinem gestohlenen Handy anruft, wird er vom Beobachter zum Beobachteten. Aloys ist fasziniert von dieser Stimme (Tilde von Overbeck), die ihn auf fortab auf Trab hält. Er wagt sich aus seiner Isolation und es entspinnt sich ein Paartanz zwischen Realität und surrealistischen Wachträumen, in denen die Natur in Aloys Wohnung dringt, Schafe in Hochhaus-Aufzügen blöken, Telefonkabel sich in Bäumen verheddern und er vielleicht noch die Liebe entdeckt.<br><br> <strong>Aloys läuft in den Kinos ab 31. In den Kinos</strong><br><br> <hr /><br><br> <em><strong>Titelbild</strong>: hugofilm, Simon Fässler</em>
__html
Dieser Artikel wurde automatisch in das neue CMS von Tsri.ch migriert. Wenn du Fehler bemerkst, darfst du diese sehr gerne unserem Computerflüsterer melden.