Interview zu Suizid

«Depression ist eine tödliche Krankheit»

Während die Suizidrate in der Schweiz sinkt, steigt die Anzahl der Personen, die sich mit Sterbehilfe das Leben nehmen. Sebastian Olbrich von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich beobachtet diese Entwicklung mit Sorge, obwohl er eine Liberalisierung grundsätzlich befürwortet.

Sebastian Olbrich in seinem Büro.
Es gebe durchaus legitime Gründe, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, sagt der Psychiater Sebastian Olbrich, «aber der Grat ist sehr schmal». (Bild: Psychiatrische Universitätsklinik Zürich)

Dieser Beitrag behandelt das Thema Suizid. Die Inhalte können emotional belastend sein. Hilfe findest du unter 143.ch oder reden-kann-retten.ch – kostenlos und rund um die Uhr.

Isabel Brun: Gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsmonitoring Obsan sterben in der Schweiz jeden Tag zwei bis drei Menschen durch Suizid. Dabei begehen Männer öfter Suizid als Frauen. Warum?

Sebastian Olbrich: Dieses ungleiche Geschlechterverhältnis ist weltweit zu beobachten und könnte damit zu tun haben, dass Männer gar nicht oder zu spät Hilfe suchen. Sie haben in der Regel weniger gut funktionierende Netzwerke als Frauen und sprechen seltener über psychische Krankheiten – auch aus Angst, stigmatisiert zu werden. Ein weiterer Grund sind ihre «härteren» Suizidmethoden.

Wie meinen Sie das?

Schaut man sich die Zahlen der versuchten Suizide an, ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichener. Weil Männer aber in der Regel auf tödlichere Methoden zurückgreifen, sterben sie öfter daran als Frauen. Glücklicherweise können viele Menschen beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, gerettet werden.

Trotzdem sterben jährlich in der Schweiz über 1000 Personen an Suizid. Besonders erschreckend: Bei Jugendlichen ist es die häufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen.

Ja, das ist tragisch. Leider hinken wir da, was die Aufklärung betrifft, noch immer hinterher: Das Thema Suizid wird stark tabuisiert. Während an Schulen schon seit vielen Jahren über Drogenkonsum, Kriminalität oder Verkehrssicherheit informiert wird, liegt es oft an den einzelnen Lehrpersonen, die Jugendlichen für psychische Erkrankungen und Suizidalität zu sensibilisieren.

Und das, obwohl Depressionen und Angststörungen bei jungen Menschen stark zugenommen haben. Es ist wichtig zu verstehen, dass Suizide nicht aus dem Nichts passieren. In der Regel geht ein langer Leidensweg voraus. 

Wie können wir dieses Leid besser erkennen?

Indem wir Betroffenen zuhören, sie ernst nehmen, hinschauen und Veränderungen beobachten. Zum Beispiel isolieren sich Menschen mit Suizidgedanken oft. Aber es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Die Forschung beschäftigt sich seit vielen Jahren damit. Aber das Thema Suizid ist sehr komplex und wir verstehen die menschliche Psyche noch immer zu wenig, um im richtigen Zeitpunkt die richtige Behandlung zu gewährleisten. 

«Die meisten Menschen sind während suizidaler Krisen stark eingeschränkt in der freien Entscheidungsfindung.»

Sebastian Olbrich, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Anders als erwartet, begehen mehr Menschen in ländlichen Kantonen wie Appenzell Innerrhoden oder dem Jura Suizid als in städtisch geprägten Regionen. Warum ist das so?

Das könnte damit zusammenhängen, dass in ländlichen, konservativen Regionen das gesellschaftliche Tabu noch grösser ist. Zudem gibt es häufig weniger psychiatrische oder psychologische Angebote, was es Menschen erschwert, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein weiterer entscheidender Punkt ist, dass Suizidversuche öfter tödlich enden, weil Notfallmediziner:innen auf dem Land weitere Strecken zurücklegen müssen.

Soll es denn überhaupt unsere Aufgabe sein, Menschen zu retten, die sich dafür entscheiden, auf diese Weise aus dem Leben zu gehen?

Das ist auch eine philosophische Frage: Wie selbstbestimmt sollen wir sterben können? Und ja, es ist wichtig, dass es eine solche Debatte gibt. Gleichzeitig verfolge ich als Mediziner das Ziel, den Tod – wenn möglich – zu verhindern.

Wir dürfen nicht vergessen: Depression ist eine tödliche Krankheit und ein pathologisches Phänomen. Deshalb sehen wir auch davon ab, den Begriff «Freitod» in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen zu verwenden. 

Weil Suizid keine freie Entscheidung ist?

Es wirkt vielleicht im ersten Moment so. Aber die meisten Menschen, mit denen ich als Psychiater zu tun habe, sind während suizidaler Krisen stark eingeschränkt in der freien Entscheidungsfindung – haben es aber dank der richtigen Therapie geschafft und sind froh, diese überlebt zu haben. 

Aber es gibt doch auch Menschen, die sich das gut überlegen und beispielsweise Sterbehilfe in Anspruch nehmen. 

Ja, das ist so – und ich bin auch dafür, dass es diese Möglichkeit gibt. Es gibt durchaus auch legitime Gründe, sein Leben selbstbestimmt zu beenden. Zum Beispiel, wenn es keine Chancen auf Linderung oder Heilung bei somatischen Erkrankungen gibt. Aber der Grat ist sehr schmal und es ist wichtig, dass diese Menschen und ihre Angehörigen intensiv bei dieser Entscheidung begleitet werden, damit sie nicht leichtfertig getroffen wird.

Trotzdem steigt die Anzahl assistierter Suizide in den letzten Jahren stark an. Und auch politisch wird das Thema diskutiert: Erst vor wenigen Wochen entschied der Zürcher Kantonsrat, dass Sterbehilfe in Spitälern und Altersheimen ermöglicht werden muss. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?

Es ist grundsätzlich gut, dass darüber gesprochen wird und ich bin auch nicht dagegen, dass wir in der Schweiz Sterbehilfe anbieten können. Das ist richtig und wichtig. Doch ich nehme auch einen Trend wahr, dass das Thema insbesondere im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen zu oft auf die leichte Schulter genommen wird.

«Es braucht einen offeneren Umgang mit dem Thema Suizid – nicht nur auf einer theoretischen Ebene.» 

Sebastian Olbrich, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Wie meinen Sie das?

Wir können nicht die Sterbehilfe ausbauen, ohne die Ursachen für einen Sterbewunsch anzugehen und präventive Arbeit zu leisten. Es ist deshalb wichtig, dass niemand mit einer psychischen Erkrankung durch das System «durchrutscht» und sich mit Sterbehilfe das Leben nimmt, obwohl es eine adäquate Therapie geben würde. Deshalb ist es so wichtig, die Gründe für einen Suizidwunsch nachzuvollziehen.

Welchen Unterschied macht es Ihrer Erfahrung nach für die Angehörigen von Suizidopfern, ob jemand mit oder ohne Sterbehilfe aus dem Leben geht?

Für Hinterbliebene von Menschen, die sich ohne Sterbehilfe suizidieren, ist der Tod eines Nahestehenden in der Regel ein Schock. Viele erleben dadurch ein Trauma, kämpfen mit Vorwürfen, dass sie nichts dagegen unternommen oder keine Anzeichen gespürt haben. Der Weg der Sterbehilfe ist deshalb auch für Angehörige die vielleicht schonendere Variante – aber auch da sollten sie in den Prozess einbezogen werden, damit ein Abschied stattfinden kann. 

Auch Menschen mit einem Suizidwunsch sollen also mehr darüber sprechen? 

Ja, es ist immer besser, über etwas zu sprechen als nicht darüber zu sprechen. Nur so können wir eine Grundlage dafür schaffen, adäquat zu reagieren. Sei es in Form von Mitgefühl zeigen, Hilfsangebote darlegen, Verständnis entgegenbringen oder Hoffnung schenken. Es braucht einen offeneren Umgang mit dem Thema Suizid – nicht nur auf einer theoretischen Ebene. 

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isabel

Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.  

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