«Boden ist nicht vermehrbar, aber wir handeln damit wie mit einem Pullover»

Wie kann Zürich verdichtet werden, ohne Verdrängung, unnötigen Abriss und Identitätsverlust? Diese Frage diskutierte ein spannendes Podium im Rahmen des Fokus Wohnen von Tsüri.ch.

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v. l. n. r. Samantha Zaugg, Katrin Gügler, Andreas Haug, Sabrina Stallone, Armin Isler (Quelle: Noëmi Laux)

Der Kulturpark war bis auf den letzten Platz belegt für das Podium zur Verdichtung in Zürich. Das Szenario zum Anfang lautete wie folgt: In 30 Jahren werden 80’000 Menschen zusätzlich in Zürich leben. Das zumindest sagt das Amt für Statistik der Stadt Zürich. Doch was heisst diese Zahl und worauf basiert sie?

Sabrina Stallone, Sozialanthropologin an der Universität Bern ordnete die Zahl zuallererst ein. Diese basiere auf einer Annahme und sei keine Prognose. Es ist ein menschengemachtes Szenario, das linear ist und anhand früherer Bevölkerungsentwicklung aufgestellt wurde. Stallone stellte in Frage, inwiefern eine solche Annahme realistisch ist. Die Bevölkerung entwickle sich selten linear. Viel wichtiger als die Zahl sei die Frage, wer diese Menschen sind und welche Bedürfnisse sie haben. 

Wie plant man Zukunft? 

Wie geht das Amt für Städtebau mit solchen Zahlen um? Katrin Gügler, Direktorin des Amts für Städtebau, erklärte, dass Planung eine träge Angelegenheit sei. Die Prozesse sind demokratisch legitimiert, was viel Zeit braucht. Für die Planung ist die Stadt Zürich zudem eingebunden in Szenarien des Kantons und des Bundes. Man müsse bedenken, wie komplex eine solche Planung ist. Die Leute kommen, weil Zürich attraktiv ist. Es sei schwer zu antizipieren, wie sich alles entwickle. 

Geht das auch nachhaltig?

Warnende Worte äusserte Andreas Haug. Der Architekt ist Mitglied von Countdown 2030, ein Zusammenschluss von Architekt:innen, welche die Branche auf den Klimawandel sensibilisieren möchte. Im Hinblick auf die Klimakrise gelte es eigentlich zu sagen: Die Schweiz ist gebaut, so Haug. Vom CO₂ Budget her kann sich die Schweiz nicht leisten weiter zu bauen. 

Für Verdichtung müsse man Lösungen im Bestand zu finden. Beton, Glas und andere Baumaterialien binden so viel graue Energie, dass Neubauten eigentlich nicht in Frage kommen. Selbst der gut gemeinte Ersatz von schlecht isolierenden Fenstern ist aus ökologischer Sicht meist Unsinn. 

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Sabrina Stallone findet, wichtiger als die Zahl der Menschen sei die Frage, wer diese sind und welche Bedürfnisse sie haben. (Quelle: Noëmi Laux)

Trotzdem neu bauen?

Warum baut man denn eigentlich neu – statt zu sanieren? Die Frage ging an Armin Isler, den Geschäftsführer der Dr. Stephan à Porta-Stiftung. Die Stiftung besitzt in der ganzen Stadt rund 1’300 Wohnungen, die sie zu preisgünstigen Konditionen vermietet. An der Eglistrasse hat die Stiftung kürzlich 16 Gebäude aus den 30er Jahren mit Neubauten ersetzt. Sie hätten es sich nicht leicht gemacht, so Isler, aber im Hinblick auf Faktoren wie Lärmemissionen von der Hohlstrasse, Behindertengerechtigkeit und Energieeffizienz sei der Entscheid schlussendlich auf einen Neubau gefallen. 

Schwierig findet Isler allerdings, dass sie im Rahmen des Neubaus nicht mehr Volumen erstellen konnten. Katrin Gügler entgegnet, darauf, dass es mit einem Gestaltungsplan sehr wohl möglich gewesen wäre, höher zu bauen. Dafür wäre allerdings der Weg durch den Gemeinderat nötig gewesen. 

Das eigentliche Problem mit Ersatzneubauten sei vor allem, dass im Kanton Zürich nur sechs Prozent der Menschen nach einer Sanierung oder einem Ersatzneubau wieder einziehen können, so Sabrina Stallone. Nochmal exponentiell kleiner sei der Anteil bei Leuten mit Migrationsgeschichte. Wenn man guckt, wo aktuell mittels Ersatzneubauten verdichtet wird, dann sehe man ein Muster. In Zürich Nord wohnen viele Menschen ohne Pass, die damit auch kein demokratisches Mitspracherecht haben. Diese können sich nicht wehren.

Breiter, Länger, Höher

Muss man denn höher bauen, um zu verdichten? Nein, das ist keine allgemeingültige Lösung, sagt Katrin Gügler. Volumen sei Länge mal Breite mal Höhe. Gegen oben hat man einfach aktuell einfach noch Platz. 

Viel wichtiger als Volumen, das erstellt wird, sei der eigentliche Flächenverbrauch, entgegnet Sabrina Stallone. Die aktuelle Stadtplanung berücksichtigt Grundrisse von geplanten Gebäuden und macht daraus eine Kalkulation der potenziellen Belegung. Wie viele Leute da tatsächlich leben können und wie die Mieten sind, berücksichtigt niemand. Wenn man also höher und breiter baut, weiss man nicht, ob tatsächlich mehr Menschen da wohnen. 

Das ganze Podium gibts hier zum nachschauen!

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