Pfefferspray-Video: Als russische Medien über Tsüri.ch berichteten

Unser Video eines Pfeffersprayeinsatzes gegen eine friedliche Frau sorgte bis nach Russland für Schlagzeilen und beschäftigte Politik und Staatsanwaltschaft. Die Geschichte hinter der Geschichte.

Plötzlich stand ich zwischen der Polizei und dem Kopf der Demonstration. In Kampfmontur versuchten die Einsatzkräfte mit aller Kraft zu verhindern, dass der Umzug in die Langstrasse einbog. Rasch suchte ich Schutz in einem Hauseingang, zückte das Handy und begann zu filmen. 

Die Szene, die sich im September 2015 abspielte, löste Entsetzen aus, dominierte danach die Schlagzeilen und beschäftigte kurz darauf auch Politik und Staatsanwaltschaft. Tsüri.ch war damals erst ein paar Monate alt und dank dieses Videos bekamen wir richtig viel Aufmerksamkeit. 

Als Journalist:in freut man sich manchmal über die vielen Klicks auf einen Beitrag, obwohl man sich wünschte, es müsste diese (schlimme) Geschichte gar nicht geben. Es ist paradox und ein Wechselbad der Gefühle. So ist es mir damals ergangen.

Zurück an die Langstrasse. Um die Demonstration zu stoppen, schoss die Polizei mit Gummischrot in die bis dahin friedliche Menge. Um nicht getroffen zu werden, legte sich eine Frau vor der Polizei flach auf die Strasse und erhob sich danach langsam wieder mit in die Höhe gestreckten Armen. Daraufhin löste sich ein Polizist aus seiner Reihe, schritt zur  Frau hin und sprühte ihr eine ordentliche Portion Pfefferspray in die Augen. 

Was haben unsere Artikel ausgelöst?

Wir befinden uns im Jubiläumsjahr unseres 10. Geburtstags! Deshalb werfen wir immer mal wieder einen Blick in das Archiv von Tsüri.ch: Erzählen die Geschichten hinter den Artikeln, schauen zurück in unsere Anfangszeit und finden heraus, was unsere Recherchen für das Leben in Zürich bedeutet haben. Ab jetzt gibts jeden Monat einen solchen Jubiläumsartikel.

Über 1,3 Millionen Mal wurde das Video angeschaut, selbst in Russland und Israel berichteten Medien über diese Attacke. Auch in der Schweiz berichteten diverse Medien:

  • Jetzt spricht das Pfefferspray-Opfer, Blick

  • Hass-Anrufe und -Briefe gegen Zürcher Pfefferspray-Opfer, Watson

  • Ältere Demonstrantin mit Pfefferspray attackiert, 20 Minuten

  • Von Polizei attackierte Mutter: «Es brannte unerträglich», Aargauer Zeitung

  • Stapo-Medienchef Marco Cortesi: «Die Szene war schlecht und scheint nicht korrekt», 20 Minuten

Lustigerweise wurde das Pfefferspray-Opfer von verschiedenen Medien als «ältere Dame» oder sogar «Seniorin» bezeichnet, dabei war sie damals gerade mal 44 Jahre alt…

Die Kritik am polizeilichen Vorgehen war gross, der damalige Polizeivorsteher Richard Wolff musste sich im Gemeinderat erklären. Nun wollte auch ich vom zuständigen Stadtrat wissen, wie er diese Situation einschätzt. Doch als junger Journalist ohne Bekanntheit war es gar nicht so einfach, einen Interviewtermin zu bekommen. Zuerst wurde ich für ein Gespräch mit dem Kommunikationschef und einem Juristen des Stadtrates vorgeladen – dort wurde ich und meine Motivation abgecheckt. 

Erst danach – vier Monate später! – durfte ich Richard Wolff dazu befragen. Seine Einschätzung zum Pfefferspray-Video: «Es hat wirklich schlecht ausgesehen.» Ich erinnere mich noch an eine Szene nach dem Interview: Der Kommunikationschef hat mich nach Draussen begleitet und mich für die guten Fragen gelobt. Da wusste ich: Mein erstes Interview mit einem Stadtrat war zu wenig kritisch.

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