Papikolumne: Herumhängen ist verpönt
Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In dieser Kolumne soll es um Kindern gehen, welche bereits in jungen Jahren an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht werden und auch daran kaputt gehen können.
Vor kurzem konnte man im Tagi ein Interview mit dem Pädagogenpapst Remo Largo lesen. Remo Largo ist in der Schweiz der unumstrittene Experte in Erziehungsfragen und auf diesem Gebiet schon etwas wie eine graue Eminenz. Kaum ein junges Elternpaar in der Schweiz kriegt vor der Geburt von anderen Eltern oder sonst jemandem nicht das Standardwerk von Remo Largo „Babyjahre“ geschenkt. Beim Buch handelt es sich um eine Anleitung für Kinder. Ich hasse Anleitungen und baue Möbel immer ohne zusammen. So halte ich es auch mit meinem Sohn L. Bis jetzt ist er noch nicht auseinandergefallen.
Herumhängen geht nicht mehr
Im Interview geht es darum, dass Eltern ihre Kinder dermassen unter Druck bringen, grossartige Dinge zu vollbringen, dass Kinder das Gefühl haben, den Ansprüchen der Eltern nicht zu genügen und daran kaputtgehen. Vielmehr noch, Kinder würden heute auch in ihren Freizeitaktivitäten immer ein Ziel erreichen müssen (z.B. In Sportclubs) oder einen Auftrag erfüllen. Der Autor vertritt die These, das Herumhängen heutzutage verpönt sei.
Könnte ich eine Filmfigur sein, wäre ich gerne Jeffrey Lebowsky. Herumhängen ist für nicht nur ein Phänomen, sondern ein Way of Life. Gibt es etwas schöneres als an einem regnerischem Tag unter einer dicken Decke auf dem Sofa zu hängen? Dazu ein einen White Russian trinken und einfach nichts tun. Diesen Way of Life gibt es seit drei Jahren (L. Ist schon drei! Das ist die 25te Kolumne! Krass!) eigentlich nur noch in meiner Phantasie. Um es kurz zu fassen: Wenn Remo Largo sagt, dass Herumhängen verpönt sei, bin ich beunruhigt.
Den Ansprüchen der Gesellschaft genügen
Eltern bringen ihre Kinder heute ins Frühchinesisch, ins Fechten und vermutlich auch zu Management Seminaren. Es gibt Uni-Vorlesungen für Kinder, an der diese tolle Sachen hören können. Aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass bei all diesen Angeboten nicht immer das Erleben im Vordergrund steht, sondern das Aneignen von Skills für das spätere Leben. Eltern haben das Gefühl, dass sie ihren Kindern einen Rucksack mitgeben müssen, damit diese in unserer Gesellschaft überleben können.
Wir stellen Ansprüche an uns selber, die wir vielleicht gar nicht erreichen können. Und die Grundhaltung projizieren wir auf unsere Kinder. Als ich vor kurzem mit L. im Hallenbad war beobachteten wir einen anderen Vater, Typ braungebräunter Surferboy mit seiner vielleicht fünfjährigen Tochter. Während L. und ich darüber philosophierten wohin das Wasser im Abfluss-Gulli hinfliesst, wollte Surferdad unbedingt, dass seine Tochter auf einem Bodyboard durch das Wasser gleitet. Surfergirl wollte aber lieber mit ihrer kleinen Giesskanne spielen und wurde den Ansprüchen ihres Papas nicht gerecht, der jedoch nicht lockerliess, bis es Tränen gab und die beiden gefrustet das Hallenbad verliessen. Mich irritierte das ganze etwas und ich fragte mich, warum die beiden überhaupt ins Hallenbad gegangen sind.
Man fällt selber schnell in bestimmte Muster
Meine Partnerin und L. machen dieses Jahr ohne mich Skiferien. Ich habe soeben einen neuen Job angefangen und konnte es schlecht mit meinem Gewissen vereinbaren, in der ersten Woche Ferien zu nehmen. Liebend gerne würde ich in den Walliser Sonnenterassen rumhängen und in T-Shirt und Sonnenbrille Weisswein trinken (was man halt so im Skiurlaub macht), ich verbringe aber momentan die Tage am Schreibtisch. Ich werde jedoch regelmässig mit wunderschönen Bildern versorgt, wie L. zum ersten Mal auf den Skiern steht. Mächtig stolz schicke ich dann diese Bilder seinen Grosseltern weiter und verkünde etwas prahlerisch, dass wir hier den nächsten Beat Feuz heranzüchten. No pressure.
Ich glaube, wir müssen unsere Gesellschaft etwas hinterfragen, wenn wir als Eltern das Bedürfnis haben, unseren Kindern ein Rüstzeug mitzugeben, um in der Gesellschaft von morgen zu bestehen. Skills sind nicht alles, Lebenserfahrung ist mindestens genauso wichtig. L. soll selber seine Erfahrungen machen dürfen, ohne dass wir seine Freizeit durchmoderieren. Und L. soll auch ein bisschen rumhängen. Vielleicht wird er ja dann doch der nächste Beat Feuz. Oder der erste Schweizer auf dem Mars. Aber dazu ein andermal.
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