Vom Vegetarier zum Bundesrat: Anekdoten von Moritz Leuenberger

Von Zürcher Arroganz und wie ihn das Bundesratsamt wieder zum Fleischesser gemacht hat – Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger zu Besuch bei unserer Community.

Moritz Leuenberger plaudert aus dem Nähkästchen
Moritz Leuenberger plaudert aus dem Nähkästchen. (Quelle: Anna Shao)

«Das geit nid, echli Fleisch muess si», zitiert Moritz Leuenberger in perfektem Berndeutsch seine Sekretärin an seinem ersten Amtstag als Bundesrat. Er war damals Vegetarier, was die Sekretärin als merklich unhaltbar absegnete. Der ehemalige Zürcher SP-Gemeinderat Moritz Leuenberger, oder besser bekannt als ehemaliger Bundesrat, verbrachte einen Abend mit der Community von Tsüri.ch. 

Die Fleisch-Sache zeige nur eine von drei Besonderheiten unseres politischen Systems auf, nämlich, dass eingeschliffene Verhaltensweisen nur schwer zu ändern sind. So hat sich Leuenberger auch darüber gewundert, weshalb bei jedem Staatsempfang das Abmarschieren der Soldaten ein Muss ist – auch dies ein nicht veränderbares Ritual. Die Verwaltung sei träge, das Protokoll gebe den Takt vor.

Die zweite Besonderheit, die Konstanz im Bundeshaus, untermalte Leuenberger erneut mit der Sekretärin, die bis dahin bereits viele Jahre im Bundeshaus gearbeitet hatte. Wer so lange im Vorzimmer von mehreren Bundesräten sitzt, hat scheinbar magische Kräfte und kann so einiges bewerkstelligen, was «Normalsterbliche» nicht können – so tauchte beispielsweise ein im Zug vergessener Laptop innert Stunden wieder auf.

Die dritte Besonderheit geht mit dem Berndeutschen Zitat vom Anfang einher: die Bedeutung des Essens. Das gemeinsame Essen nach der mittwöchlichen Regierungssitzung unter den Bundesrät:innen galt als Pflicht, an Fernbleiben und der daraus bedeutenden Unkollegialität war nicht zu denken. Interessant ist auch, dass sich die Ansprache beim Essen verändert – das «Du» ist hier selbstverständlich, während in den Sitzungen das «Sie» vorherrscht. 

Seinen Vortrag hielt der Alt-Bundesrat in einer derart lustigen Rhetorik, dass unsere eingeladenen Gäst:innen immer wieder zu lachen hatten. Es gab aber durchaus auch ernstere Momente, zum Beispiel als er von der enormen Belastung des Amtes für die Familie sprach. Wenn es etwas gibt, dass man vor Amtsantritt wissen müsse, sei es dieser Punkt. Die Kinder sind von diesem Zeitpunkt an nur noch Tochter oder Sohn von einem:r Bundesrät:in. Hier habe ihn auch mal das schlechte Gewissen geplagt, so Leuenberger. 

Gar nicht zum Lachen zumute sei es auch dem chinesischen Präsidenten Jiang Zemin bei seinem Staatsbesuch gewesen. Er wurde beim Essen an den falschen Platz geführt, was für ihn eine grosse Beleidigung darstellte. Als er kurz davor war, den Saal zu verlassen, zog ihn Amtskollege Adolf Ogi am Ärmel zurück, entschuldigte sich aufrichtig und schenkte ihm einen Bergkristall. «Das letzte Mal wurde er wohl von seiner Mutter so zurückgezogen», witzelte Leuenberger während seiner gestrigen Erzählung. Jiang sei über die Ärmel-Aktion so verdutzt gewesen, dass er schlussendlich doch noch blieb. 

Ebenfalls nicht mühelos ging es scheinbar bei der Einladung der Waadtländer:innen zu und her. Dabei waren die Zürcher Regierungsrät:innen gemeinsam mit ihren Partner:innen bei den Waadtländer:innen zum Essen eingeladen. Die Regierungsrät:innen wollten dabei partout ihre Partner:innen nicht mitnehmen, da es sich um ein formelles, geschäftliches Essen handelte. «Das ist die fehlende Sensibilität, das fehlende Gefühl, das in Zürich ein wenig Zuhause ist.» Über die Unterschiede der Sprachgrenzen innerhalb der Schweiz sprach Leuenberger im Verlaufe des Abends immer wieder.

Als letztes Ritual erzählte Leuenberger über die Situation nach dem Tod eines Alt-Bundesrates oder einer Alt-Bundesrätin. Eine Tabelle gebe vor, was er:sie dabei erhalten würde:

Beileidsbrief

1

Kranz

1

Teilnahme an Beerdigung – aktive Bundesrät:innen

2

Teilnahme an Beerdigung – Weibel

2

Todesanzeige

bis max. 1 Jahr nach Amtsende

Bis zum Ableben erhalten die ehemaligen Bundesrät:innen aber natürlich auch noch ein paar Aufmerksamkeiten. So dürfen sie sich ab einer Rente, einem Generalabonnement der SBB und einem Diplomat:innenpass erfreuen.

Wir durften von Moritz Leuenberger Geschichten über das Essen und den Ritualen in der Politik erfahren, ob national oder international. Es wurde viel gelacht und geklatscht, was zeigt: Moritz Leuenberger ist ein ausgezeichneter Erzähler und Redner, der uns im Rahmen unseres Spendenevents für das Gemeinderats-Briefing viel Freude beschert hat.

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