Mieten-Marta kürt die 7 frechsten Wohnungsinserat-Typen

Wer aktuell eine Wohnung sucht, hat es nicht nur sehr schwer, sondern begegnet unterwegs auch sehr absurden und frechen Inseraten. Mieten-Marta tummelt sich oft auf den einschlägigen Seiten oder erhält solche Frechheiten von Freund:innen zugeschickt. In ihrer neusten Kolumne kürt sie die sieben frechsten Inserats-Typen.

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Illustration: Mieten-Marta

Es bedarf keiner grossen Einführung, denke ich. Wir kennen sie alle, durch eigene Erfahrungen oder aus Erzählungen: Die Dramas und Komödien, die sich auf Homegate und Co. abspielen. Heute verleihe ich sechs Medaillen und einen Pokal an die frechsten Inserierenden. 

Auf Platz 7: Der PR-Profi

Er inseriert seine Wohnungen nicht einfach auf Homegate, nein, er lässt die Profis ran. Er engagiert ein Marketing-Team, das ihm ein Rundum-Narrativ für das Wohnerlebnis in seinem Neubau entwickelt. Die Profis schreiben die Texte: Irgendwo zwischen IKEA-Katalog-Slang und Reisebüro-Broschüre. Sie montieren Fotos einer heilen, eleganten oder hippen Welt: Sichtbeton? Check. Kinder mit Luftballons? Check. Paletten-Café im Erdgeschoss? Check. Glücklicher Besuch beim Wochenmarkt um die Ecke? Check. Sie arrangieren das Ganze auf einer eigens dafür erstellten Erstvermietungswebsite (mehr dazu hier). Und sie geben dem «Objekt» einen Namen wie zum Beispiel Urby, Luisa, Papillon, Engel62 oder triemlife. Das Frechste daran: Die Kosten für die ganze Kampagne bezahlen am Ende wieder wir Mieter:innen – dabei wäre das doch alles gar nicht nötig gewesen. Wir hätten die Wohnung auch ohne den ganzen Klimbim genommen, vor allem wenn sie dafür auch etwas günstiger gewesen wäre. 

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Platz 6: Die Milieu-Profiteurin

Sie kommt Hand in Hand mit dem PR-Profi. Sie preist die zu vermietenden Wohnungen nicht etwa mit Verweis auf gute Grundrisse oder den modernen Waschturm an, nein. Sie fokussiert ganz auf all das, was das Quartier zu bieten hat: Öffentlicher Verkehr, Kultur, Schulen, Badi, Nightlife, Shopping, Natur, Sicherheit. Das Perfide daran: Das, was die Milieu-Profiteurin als Mehrwert ihrer Wohnungen anpreist, ist nicht ein Wert, den sie selbst generiert hat. Es ist der Wert, den wir als Gesellschaft generiert haben. Noch frecher wird es, wenn sie jenes Milieu anpreist, das sie gleichzeitig bedroht: «Aussersihl ist ein beliebter Lebensmittelpunkt für eine vielschichtige Bewohnerschaft: Ob Studi, Künstlerin, Akademikerin, Büezer oder Beizer – hier fühlen sich alle zu Hause», schwärmt zum Beispiel der Vermarkter der Engelstrasse 62. Ja, hier fühlten sich tatsächlich einmal alle zuhause, nur finden die meisten von ihnen heute keine bezahlbare Wohnung mehr. Und häufig dauert es mit der neuen Bewohner:innenschaft auch nicht lange bis zur ersten Lärmklage gegen die zuvor als Verkaufsargument genutzte «Lebensfreude pur. 24/7, rund um die Uhr. 365 Tage im Jahr.»

Platz 5: Der Ausverkäufer

Er wartet von vornherein mit Rabatt-Preisen auf: Wie im Ausverkauf ist ein hoher Preis mit Rotstift durchgestrichen und mit einem tieferen Preis ersetzt. Die Wohnung kostet eigentlich 5510 Franken, aber aktuell nur noch 2990 Franken! Greifen Sie zu! Beispiele dafür gibt es bei Blueground. Entweder ist das nur ein psychologischer Marketing-Trick, und die Mieten waren gar nie so hoch, wie die durchgestrichenen Preise suggerieren – dann ist es einfach eine anständige Verarschung. Oder die Preise waren tatsächlich vorher 30, 50 oder sogar 100 Prozent höher. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass er auch mit dem tieferen Preis immer noch ok daran verdient. Im Umkehrschluss heisst das: Vorher hätte er viel zu viel verdient, und das waren dann auf jeden Fall illegale Preise. Denn man darf mit Wohnungen nicht einfach x-beliebig viel Geld verdienen. Die Renditen sind bei 2 Prozent gedeckelt. Und auch, wenn man eine Wohnung als Business-Apartment möbliert untervermietet, darf man den Preis nicht einfach verdoppeln. Es ist also so oder so etwas faul.

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Platz 4: Die Verkupplerin

Haben Sie schon von Zürich gehört? «Limmatstadt, Wirtschaftszentrum, Party-Metropole, Kulturstadt, Wissensstandort und fantastischer Wohnort» – verlieben Sie sich jetzt! Mit solchen Anpreisungen sollen überteuerte Wohnungen explizit gutverdienenden Neuzuzüger:innen schmackhaft gemacht werden. Oder wird hier bewusst auf die Naivität, die Not oder das fehlende Netzwerk ortsfremder Personen gesetzt? Denn wer bereits hier wohnt, arbeitet oder studiert, weiss um die Vorzüge Zürichs. Wir suchen bereits händeringend nach einer (neuen) Wohnung in dieser Stadt – uns müsste man nicht mehr überzeugen. Und wichtig: Es geht mir nicht darum, dass keine neuen Menschen in die Stadt ziehen sollen – sondern um die Frage, ob es ok ist, dass es nur Reiche sind, weil Menschen mit einem kleineren Portemonnaie – egal ob Alteingesessene oder Neuzuzüger:innen – diese Preise nicht bezahlen können. Das Freche daran: Die Verkupplerin ist sich dessen offenbar sehr bewusst und will uns deshalb in ihrem Matchmaking gar nicht erst ansprechen.

Platz 3: Der skrupellose Upseller

Wo ganze Häuser verkauft werden, werden diese nur noch sehr selten als «Zuhause» oder als «Wohnhaus» angepriesen, sondern am liebsten als «Renditeobjekt». Häuser als Ware, statt als Wohnraum für Menschen, lieben wir. Gezielt wird mit diesen Begriffen auch überspielt, dass in den zum Verkauf stehenden Häusern tatsächlich Menschen wohnen, teilweise schon seit vielen Jahren. Stattdessen wird hier so getan, als würde man das alte Puppenhaus auf Ricardo verscherbeln – optional mit oder ohne Barbie und Ken. Der Upseller haut da noch einen drauf und erklärt zum Beispiel: «Bei dieser Immobilie können Sie mit einer Umnutzung zu Airbnb eine tolle Rendite ermöglichen.»

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Platz 2: Die findige Erfinderin

Nicht selten stutze ich ob gewisser Verkaufsargumente, weil sie stark übertrieben oder sogar frei erfunden sind. So stolpere ich zum Beispiel über das «coole Triemliquartier» und staune darüber, dass der Irchelpark «nur ein Katzensprung» von der Lettenbadi entfernt sein soll und die Leutschenbachstrasse «an bester Lage in einer der begehrtesten Gegenden der Stadt» liegt. Ich lache über die «charmante 1-Zimmerwohnung» im Kellerloch, das «Bijou» mit Blick auf die Autobahn oder die «coole Single-Wohnung» mit dem WC in der Küche. Ich wundere mich über die Einschätzung, die Aussenquartiere böten Velofahrer:innen «a wonderful connection to Zurich's city center». Es verstört mich, wenn der Friedhof Sihlfeld plötzlich kein Friedhof mehr ist, sondern «der Sihlfeld-Park – der grösste Park der Stadt» – ein Park, den es gemäss Stadtplan gar nicht gibt. Und ich frage mich: Darf man das?

Und der Pokal für Platz 1 geht an: Den systematischen Abzocker

Er ist eigentlich der langweiligste Inserent, weil wir ihn alle schon lange kennen. Trotzdem ist er auch der frechste, gerade weil seine Masche im Gegensatz zu anderen schaurig plump und unkreativ und trotzdem so weit verbreitet ist. Und so geht es: viel mehr für eine Wohnung verlangen, als sie eigentlich wert ist. Viel mehr verlangen, als sie im selben Zustand noch für die Vormieter:innen kostete. Viel mehr verlangen, als das Gesetz eigentlich erlaubt (Stichwort übersetzte Rendite). Viel mehr verlangen, als wir uns für eine Wohnung leisten können. Die Beispiele dafür sind zahlreich! Bravo.

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Mieten-Marta

Die Mieten-Marta steht für das Recht auf Wohnen. Sie ist eine Figur, die sich für bezahlbaren Wohnraum in Zürich und gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung einsetzt. Auf ihrem Blog und unregelmässig auf Tsüri.ch veröffentlicht sie Recherchen, Analysen und manchmal auch einfach hässige Kommentare. 

Hinter der Figur steckt ein Kollektiv von Mieter:innen. Diese Tsüri-Kolumne schrieben Sabeth Tödtli und Anna Brückmann im Namen der Mieten-Marta. Kontaktieren kann man sie via [email protected].

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