«Wir brauchen Menschen, die unsere Forderungen in die Politik tragen»

Wie schaffen wir es, einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben? Mit dieser Frage beschäftigt sich unsere Kolumnistin Mandy Abou Shoak immer wieder; als Aktivistin und Politikerin. Dabei zeige sich immer wieder: Für gesellschaftliche Veränderungen sind mehrere Kräfte von Nöten.

Kolumne Mandy
Illustration: Zana Selimi

Schon früh beschäftigte ich mich mit Ungerechtigkeiten. Einer der erweckendsten Momente war, als ich realisierte, dass marginalisierte Menschen im Kontext von Diskriminierungs- sowie Gewalterfahrungen verstummen. Ich verstand, dass das Heraustreten aus der Scham sowie das Teilen von Erfahrungen fundamental ist, um in ein Verständnis darüber zu kommen, dass gewisse Erfahrungen kollektiv und damit strukturell bedingt sind. Diese Erkenntnis durchzieht mein Leben. Deshalb will ich Betroffenen eine Sprache zur Verfügung stellen.

Menschen spüren Dinge, für die sie keine Worte finden oder haben. Es gibt aber so viele, die diese Worte brauchen. Wie wäre es also, wenn wir mehr und präzisere Worte hätten, um diese Geschehnisse zu analysieren, um sie zu beschreiben. Wie wäre es, wenn wir diese Situationen als entwürdigend, erniedrigend, beschämend als abwertend, beleidigend oder hierarchisierend beschreiben könnten. Dinge beschreiben, Dinge benennen, das sollte ab diesem Moment meine Form des Aktivismus werden.

Veränderung passiert, wo Aktivismus möglich ist

Hierzulande ist das möglich, aber ich erinnere mich an ein Interview mit der Soundkünstlerin Tracy September aus Südafrika. Im Gespräch fragte ich sie, weshalb sie sich damit schwertut, sich selbst als Aktivistin zu bezeichnen. Sie beschrieb mir, wie es war, als Schwarzes Mädchen in der Apartheid aufzuwachsen. Und was Aktivismus in diesem Kontext bedeutete. Nämlich, dass man sein Leben riskiert. 

Aktivist:innen waren Menschen, die ins Exil flüchteten oder in den Untergrund verschwanden. Aktivist:innen waren Menschen, die  Demonstrationen anführten und Gefahr liefen, erschossen zu werden. Aktivistin zu sein, bedeutete für Tracy September damals, dass man das Haus verliess und die Möglichkeit bestand, nie wieder zurückzukehren. Nur hätten sich Kontext und Dynamik geändert.  

«Um die erforderlichen strukturellen Veränderungen durchsetzen zu können, müssen wir eine gemeinsame Sprache finden.»

Mandy Abou Shoak

Heute und hier sieht sie das ein bisschen anders. Jede Aktivität, die zum Ziel hat, Dinge zu verändern, ist eine Form von Aktivismus. Ich habe sie auch gefragt, welche Form des Aktivismus es gerade von uns, die hier mehr oder weniger in Sicherheit leben, braucht, um in Hinblick auf Diskriminierung vorwärts zu kommen. Sie sagte, wir müssen «uns organisieren» und wir müssen «Menschen mobilisieren». Denn: Wir haben die Ressourcen, wir haben eine sichere Internetverbindung, ein Demonstrationsrecht und unglaublich viele Möglichkeiten, uns zu organisieren. Einfluss nehmen können wir nur, wenn wir es schaffen, die Masse zu mobilisieren. 

Von der Strasse in die Politik

Gleichzeitig braucht es aber auch Menschen, die das Momentum einer Demonstration nutzen; die Forderungen sichtbar machen und in die Politik tragen. Nur so können strukturelle Veränderungen implementiert werden. Dafür brauchen wir Gewerkschaften, wir brauchen Vereinigungen, wir brauchen die Parteien. Für eine Veränderung braucht es uns alle. 

Ich verstehe die Enttäuschung und die Wut über die Politik, über das Tempo. Was wir aber nicht vergessen dürfen ist, dass Politik gemacht wird von Politiker:innen. Und genau diese Politiker:innen können von uns volljährigen Menschen mit einem Schweizer Pass gewählt werden. 

Warum es so wichtig ist, dass wir diese Verantwortung wahrnehmen, zeigen die aktuellen Entwicklungen. Die Prognosen der bevorstehenden National- und Ständeratswahlen bereiten mir grosse Sorgen: Denn die Rechten nehmen an Fahrt auf.

Der Präsident der grössten Partei in diesem Land, der SVP, posiert im Bundeshaus neben drei Mitgliedern von «Nemesis». Einer rechtsextremen Frauengruppe aus der Romandie, die im Namen der Gleichstellung gegen Migrant:innen hetzt.  Und in den letzten Tagen legte der Sonntagsblick und die NZZ offen, dass die Präsidentin der SVP Winterthur ihre Social Media Kanäle durch die beiden führenden Köpfe der Neonazi-Gruppe Junge Tat betreuen lässt. Die junge SVP steht mit ihrer neuen Kampagne öffentlich zu ihrer Meinung. So zum Beispiel mit einem Zitat vom Jungpolitiker Jonas Streule, in dem er sagt: «Rechts von uns darf es nichts geben.»  

«Wir müssen etwas tun»

Und als wäre das nicht genug, beobachte ich, dass die bürgerlichen Politiker:innen von allerlei Vereinen, Banken, Versicherungen, Krankenkassen, Mieterverbänden, Gewerbeverbänden unterstützt werden, während wir uns teilweise  schwer tun, uns hinter linke Politiker:innen zu stellen.

Der Grund: Wir wollen nicht verbandelt sein mit der Politik; unabhängig, neutral bleiben, uns nicht instrumentalisieren lassen und die Zusammenarbeit mit allen offen halten. Helvetisch eben. Aber die Frage, die sich mir dabei immer wieder stellt, ist, wer unterstützt die feministischen Politiker:innen, wenn nicht wir es tun? Wenn es die feministische Bewegung, wenn es die feministischen Organisationen nicht tun? Und ich spreche hier von denjenigen Politiker:innen, die sich selbst als Feminist:innen bezeichnen. 

Wenn wir möchten, dass die Parolen des Frauenstreiks 2019, die Forderungen der Frauensession 2021, und die Klänge des feministischen Streiks 2023 nicht verstummen, dann müssen wir feministische Frauen in ihrem Wahlkampf unterstützen.

Egal wie: Beiträge auf Instagram teilen, Freund:innen zum Wahlcouvert ausfüllen einladen, Flyer verteilen, in ein Unterstützungskomitee beitreten. Bitte lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass mindestens die progressiven Frauen (und ja, manchmal sind auch Männer progressiv) wieder ins Parlament gewählt werden – oder gar neu dazukommen. Weil: Wir können es uns leider nicht mehr leisten, nichts zu tun.

Wir dürfen nicht noch mehr Chancen verpassen. Stattdessen müssen wir eine gemeinsame Sprache finden, um die erforderlichen strukturellen Veränderungen hinsichtlich einer gerechten Gesellschaft durchsetzen zu können. 

2023-01-13 Sarah Akanji Mandy Abou Shoak-77
(Quelle: Elio Donauer)

Mandy Abou Shoak

Menschen beschreiben sie als erfrischend unbequem. Unsere Kolumnistin Mandy Abou Shoak ist in Khartum im Sudan geboren, mit ihrer Familie in die Schweiz geflüchtet und im Zürcher Oberland aufgewachsen. Schon früh beschäftigte sie sich mit Ungerechtigkeiten. Einer der erweckensten Momente war jener, in dem sie realisierte, dass marginalisierte Menschen, wie sie selbst, im Kontext von Diskriminierungs- sowie Gewalterfahrungen meist verstummen. Sie verstand, dass das Heraustreten aus der Scham, das Teilen von Erfahrungen, fundamental ist, um in ein Verständnis darüber zu kommen, dass gewisse Erfahrungen kollektiv und damit strukturell sind. Diese Erkenntnis durchzog ihr Leben.

Mandy hat Soziokultur im Bachelor und Menschenrechte im Master studiert. Hauptberuflich arbeitet sie heute bei Brava als Expertin für Gewaltprävention und gibt Weiterbildungen im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt. Als Selbstständige berät sie Organisationen zu Themen rund um Diskriminierung und rassismussensiblen Strukturen. Auch in den zwei Podcasts «Wort.Macht.Widerstand» und «Reden wir! 20 Stimmen zu Rassismus» spricht sie über genau diese Thematiken. Sie ist zudem im Schwarz Feministischen Netzwerk Bla*sh, im Berufsverband der Sozialen Arbeit AvenirSocial und in der SP engagiert. Im Februar 2023 wurde sie in den Zürcher Kantonsrat gewählt.

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