Kolumne von Jane Mumford

«Meine Wohnung hat mit mir Schluss gemacht»

Unsere Kolumnistin Jane Mumford muss umziehen – unfreiwillig. Auf die Kündigung folgt das, was Trennungen mit sich ziehen: Herzschmerz.

Zügelkisten
13 Mal ist Jane Mumford umgezogen und jedes Mal hoffte sie aufs Neue, dass die nächste Wohnung ihr «Forever-Home» wird. (Bild: Michal Balog/Unsplash)

Meine Wohnung hat dieses Jahr mit mir Schluss gemacht. 

Es tat weh, denn ich fühlte mich immer noch wie frisch verliebt in sie. Klar, am Anfang hatte sie schon betont, dass dieses Zusammenleben befristet sei. Aber ich, arrogant und romantisch, dachte mir vollen Ernstes: «Ach, wenn sie mich erst mal kennenlernt, wird sie sich schon in mich zurück verlieben! Und dann werden wir happily ever after zusammen sein. Diese perfekte Wohnung und ich.» 

Und als ich einzog, war ich mir auf einen Schlag sicher: das hier. Das könnte für immer sein.

Es störte mich auch gar nicht, dass ich sie teilen musste! Ich vertrug mich sehr gut mit ihrer anderen Bewohnerin; wir konnten uns auch manchmal über sie austauschen und über ihre Macken lachen. Es gab ja genug Platz, und sie war grosszügig genug, dass ich nie das Gefühl hatte, ich käme zu kurz – ausser beim Kühlschrank. Der war etwa so gross wie ein Briefkasten und kühlte auch nur so mittel.

So lebte ich also zwei Jahre lang in dieser perfekten Wohnung und lernte jeden Tag ein neues Detail kennen: ein süsser Kratzer am Boden, eine poetische Spur vergangener Bewohner:innen, die dramatischen Winkel, in denen die Sonnenstrahlen aufs Parkett fielen.

Und ich war so richtig, richtig verliebt. Zwischenzeitlich war ich mir auch sicher: Diese Wohnung liebte auch mich… äh – UNS! – ich teilte sie ja.

«Ich hasse es, wenn all meine Dinge in Kisten sind, und jedes Mal denke ich: Wehe, das ist nicht das letzte Mal umziehen.»

Jane Mumford

Aber was passierte?! Sie zog ihre ursprüngliche Ankündigung knallhart durch. Ein Jahr hatte sie noch verlängert (und ich so «Komm, Baby, du willst es doch auch») und dann kam’s so, wie’s kommen musste: Sie hat sich eine Jüngere gesucht. 

Unsere WG wird eine Juwo – eine Wohngemeinschaft für junge Menschen.

In einer gekündigten Wohnung zu wohnen, ist wie mit dem oder der Ex zusammenzuleben. Es schmerzt.

«Guten Morgen», knurrte ich den kleinen Briefkasten-Kühlschrank an, als ich mürrisch morgens aufstand, um am Küchentisch meinen Laptop aufzuklappen. Und dann mit einem Seufzen wieder zuklappte. Obwohl ich nicht diejenige war, die Schluss gemacht hat, fühlte es sich falsch an, in der Wohnung, die ich (immer noch) liebte, auf Wohnungssuche zu gehen. 

Wenn sich die Sonne auf dem Balkon zeigte, wurde ich fast wütend ob der Schönheit, die ich bald verlassen müsste. 

Und dann kam der Tag, an dem mein Zeug wieder in Kisten kam.

«Nie wieder!», murmle ich in die Seite des Schrankes hinein, den ich gerade aus einem vierten Stock (ohne Lift) in einen weiteren vierten Stock (ohne Lift) hochtrage. Ich hasse es, wenn all meine Dinge in Kisten sind, und jedes Mal denke ich: Wehe, das ist nicht das letzte Mal umziehen.

Die Übergabe war eine absolute Qual. Stellt euch vor, ihr müsstet der neuen Beziehungsperson eurer Ex so ein Walkthrough dieser Person geben, die ihr liebt! 

«Ja, sie mag den Kaffee gerne schwarz, ohne Zucker, und am Morgen dauert’s etwa zwei Stunden bis man sie nach Plänen fragen kann.»

Und wehe, die neue Beziehungs- oder besser gesagt BeWOHNUNGSperson zieht über eine Macke dieser perfekten Wohnung her!

«Hmm, das Bad ist schon etwas alt…»

JA, ALT UND VERDAMMT SCHÖN! Und die Sonne scheint am Morgen DIREKT zum Fenster herein und du stehst quasi im HIMMEL auf und gehst mit dem MOND ins Bett, du undankbare…

…und schon ist der Schlüssel in einer neuen Hand. 

Und ich stampfe brodelnd durch die Eingangstür meiner vermeintlichen Happily-ever-after-Wohnung.

Mit Wohnungen ist es bei mir wie mit Menschen. Wenn ich mich mal verliebt habe, dann glaube ich tatsächlich, es ist für immer. Obwohl ich in meinem Leben schon 13 Mal umgezogen bin. Zumindest, wenn man das erste Ur-Zügeln von Gebärmutter zur Aussenwelt nicht miteinbezieht.

Während ich in den Zügelwagen einsteige, zische ich noch ein Mal in Richtung Ex-Wohnung: «NIE WIEDER!» 

Und weiss leider ganz genau, dass ich unverbesserlich bin. Und ich mich garantiert wieder genauso fest verlieben werde. Irgendwie. Irgendwann. Irgendwo.

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