«An den Porny Days kann ich dreissig Leute küssen, ohne schräg angeschaut zu werden»

Die Porny Days sind Jessica Sigerists liebste Veranstaltung in Zürich. Oben ohne tanzen, andere Lebensrealitäten kennenlernen, Sex im Darkroom: Hier ist vieles möglich. Dass sich einige an dem Festival stören, habe aber tiefer liegende Gründe.

Sex-Kolumne
Illustration: Artemisia Astolfi

Die letzte Novemberwoche ist eine meiner Lieblingswochen im Jahr. Nein, das liegt nicht daran, dass ich nasskaltes Wetter und gefühlte zwei Stunden Sonnenlicht am Tag besonders toll finde. In der letzten Novemberwoche wird es in Zürich jeweils glitzrig und warm – oder besser gesagt heiss: Die Porny Days finden statt. Das ist ein Film-Kunst-Festival rund um Körperlichkeit und Sexualität, welches dieses Jahr bereits in die elfte Runde geht.

Und fast genauso lange sind die Porny Days Teil meiner persönlichen Agenda. An den Porny Days habe ich viele erste Male erlebt. Hier habe ich das erste Mal einen Porno im Kino gesehen. Hier hatte ich vor vielen Jahren das erste Date mit einem Menschen, der heute eine wichtige Beziehungsperson in meinem Leben ist. Hier hatte ich das erste Mal Sex in einem Darkroom. Nicht nur wurden die Porny Days Teil von meinem Leben, ich wurde Teil der Porny Days. Mein Körper wurde zu Kunst und mein Stöhnen zu einer Audioinstallation.

Als Mitglied des Care Teams habe ich Partygänger:innen betreut, als Glücksfee kinky Aufgaben verlost und – Jahre nachdem ich hier meinen ersten Porno in einem Kinosaal gesehen habe – durfte ich als Jury-Mitglied den Kurzfilmpreis vergeben. 

An den Porny Days habe ich seit Jahren unglaublich viel Spass und unglaublich viel gelernt. Über mich selber, meinen eigenen Körper, meine Sexualität und meine Queerness. Aber vor allem auch über Lebensrealitäten, die nicht die meinen sind. In Filmen, Talks und Workshops habe ich Perspektiven von behinderten Menschen kennengelernt, von Sexarbeitenden und trans People of Color. Die Porny Days bieten Menschen eine Plattform, die existieren – deren Existenz im Mainstream aber oft unsichtbar gemacht wird.  

Stimmen, welche die Porny Days diskreditieren wollen, sagen, sie würden aus der «Schmuddelecke» kommen. Ich frage mich, was das überhaupt sein soll, diese Schmuddelecke. Gibt es schmuddeligen Sex und unschmuddeligen? Ist Sex schmuddelig, wenn er queer ist, bezahlt oder kinky? Oder wenn dicke, behinderte oder trans Körper ihn haben? Es gibt nichts Schmuddeliges an menschlichem Begehren und konsensuellen sexuellen Begegnungen. Aber wenn ihr meint, dass meine Sexualität oder mein Beruf schmuddelig ist, dann bin ich gerne in der Schmuddelecke.

Die meisten meiner Freund:innen sind schon da. Unsere Schmuddelecke ist mir auf jeden Fall lieber als das unschmuddeligen Gefängnis der cis Heteronormativität. Und das ist es, worum es den Kritiker:innen wirklich geht: Es ist nicht der Live-Sex auf der Bühne. Es ist der Ausbruch aus patriarchalen Normen, der sie stört. 

Ein Angriff auf die Porny Days ist nicht nur ein Angriff auf ein Kulturevent und alle damit verbundenen Künstler:innen und Kunstformen. Es ist ein expliziter Angriff auf marginalisierte Menschen und Sexualitäten, die sonst wenig Definitionsmacht und Sichtbarkeit haben. Es ist ein Angriff auf einen Raum, der diesen Menschen ermöglicht sich auszudrücken, sich auszutauschen, gesehen und gehört zu werden oder einfach nur da zu sein. Egal, ob als Künstler:innen, Mitarbeitende oder Besuchende.

Ich selber habe an den Porny Days so viele Erfahrungen gemacht, die ich ohne sie wahrscheinlich kaum gemacht hätte – oder zumindest nicht hier, in meiner Stadt. Dem beschaulichen Zürich, wo in der pittoresken Altstadt queere Menschen Angriffe körperlicher Gewalt erleben. Wo ich meine Freundin im Mainstream-Ausgang nicht mehr küsse, weil immer irgendein Mann daher kommt, der sich mit einladen will.

Meine Stadt, in der ich mir viel zu oft überlege, was ich anziehe und wessen Hand ich halte. Während der Porny Days muss ich mir diese Fragen nicht stellen. Ich liebe die Porny Days nicht nur, weil ich hier so wahnsinnig viel gelernt habe, sondern auch weil sie ein sicherer Ort für mich sind. Hier kann ich oben ohne tanzen, in Workshops über meine Kinks sprechen und an einem Abend dreissig Leute küssen, ohne schräg angeschaut zu werden. Wir brauchen Porny Days nicht nur, weil sie jedes Jahr ein künstlerisches Highlight in Zürich sind. Wir brauchen die Porny Days auch, weil sie ein Safe Space für uns sind. 

jessica sigerist
(Quelle: Elio Donauer)

Jessica Sigerist

Kolumnist*in Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Jessica wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte Jessica schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Jessica studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv).

Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte Jessica die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Jessica packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Jessica ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte Jessica, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss Jessica, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt Jessica Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation.

Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Jessica ist non-binär, queer und poly und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Jessica ist Elternteil eines Kindes und lebt in Zürich. 

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