Grundbuch-Recherche Teil 4

Ihm gehört Zürich: Henning Conle, 82, Immobilien-Milliardär, mutmasslicher AfD-Unterstützer

Henning Conle hat sich in Zürich unbemerkt von der Öffentlichkeit ein Immobilienimperium aufgebaut. Bekannt wurde er erst in den letzten Jahren als mutmasslicher Spender der AfD.

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An der Hofwiesenstrasse befindet sich ein Teil von Henning Conles üppigem Immobilienportfolio. (Bild: Mai Hubacher)

Er ist deutsch-schweizerischer Doppelbürger, mutmasslicher AfD-Unterstützer und die Privatperson mit dem grössten Besitz von Wohnraum in Zürich: Henning Conle. Ihm gehören knapp 74’000 Quadratmeter Zürcher Wohnfläche. Das ist fast doppelt so viel, wie das Eigentum der zweitplatzierten Privatperson.

In einer mehrjährigen Recherche haben das Stadtmagazin Tsüri.ch und das WAV Recherchekollektiv Daten des städtischen Grundbuchs ausgewertet und sie mit dem Gebäude- und Wohnungsregister der Stadt Zürich verknüpft. Das deutsche Magazin «Spiegel» berichtet heute ebenfalls über die Recherche.

Die Berechnungen von «Tsüri.ch» und dem Kollektiv «WAV» zeigen erstmals: Henning Conle besitzt 121 Grundstücke mit 1253 Wohnungen in 135 Häusern der Stadt Zürich. Zusammen mit weiteren Immobilien, wie Geschäftshäusern, besitzt er rund 105’000 Quadratmeter Stadtboden.

Würde er diese Grundstücke heute verkaufen, so könnte er hierfür – gemäss Daten der Stadt zum impliziten Bodenwert – bis zu 1,2 Milliarden Franken erhalten.

Bei ortsüblichen Angebotsmieten entspräche dies monatlichen Mieteinnahmen von rund 1,84 bis 1,98 Millionen Franken.

Anders als Immobilienclans wie die Familien Halter und Bachmann ist Henning Conle der Öffentlichkeit kaum bekannt. Das Recherchemagazin «Correctiv» nennt ihn «Schattenmann», die Berliner «taz» schreibt von einem «Phantom».

Wer ist der Mann, der in Zürich ganze Strassenzüge besitzt und dessen Geld mutmasslich rechte, bis rechtsextreme Parteien unterstützt?

18 Conle-Häuser von Bucheggplatz nach Oerlikon

Der Beweis, dass es sich bei Henning Conle nicht um ein Gespenst, sondern um eine Grösse im Zürcher Immobilienmarkt handelt, liegt auf Zürichs Strassen.

Wer ab dem Bucheggplatz Richtung Bahnhof Oerlikon spaziert, passiert an der Hofwiesenstrasse 18 Conle-Häuser. 

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Conle-Immobilien in Unterstrass und Oerlikon. (Bild: Tsüri.ch)

Hier lebt seit zweieinhalb Jahren Florian Hitz* (Name geändert). Für seine 2-Zimmerwohnung mit gut 50 Quadratmetern bezahlt er 1400 Franken Miete. Das ist tiefer, als die aktuelle Angebotsmiete in der gleichen Postleitzahl. Der Ausbaustandard der Wohnungen sei in Ordnung für ein Haus, das in den 1940er-Jahren errichtet wurde.

Wer sein Vermieter ist, war Hitz von Anfang an bekannt – der Name Henning Conle steht auf dem Mietvertrag, der dieser Redaktion vorliegt. Verwaltet wird die Immobilie über die Miwo AG, die einige Conle-Immobilien betreut. Auf dem Einzahlungsschein für die monatliche Miete steht der Name von Conles Ehefrau, lautend auf die Adresse der Miwo AG.

Henning Conle, Jahrgang 1944, stammt ursprünglich aus Duisburg in Deutschland. Der Vater Heinz Conle, ein Sozialdemokrat, hatte gemeinsam mit seinem Bruder in der Nachkriegszeit tausende Sozialwohnungen im Ruhrpott errichtet.

Aus den Sozialwohnungen des Vaters ein Imperium gemacht

Die nächsten Conle-Generationen «erweiterten den Immobilienbesitz der Familie erfolgreich», wie es auf der Webseite des Familienunternehmens, der Conle Property Group heisst. Henning Conle erwarb Immobilien in Berlin, Hamburg und London; «The Guardian» berichtete über einen Immobilien-Kauf von fast zwei Milliarden Pfund; der «Standard» vermeldete erst letzten November die Ersteigerung eines Schlosses in Kärnten.

In Zürich sind die Conle-Häuser über die ganze Stadt verteilt. 

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Conle-Wohnungen in der Altstadt. (Bild: Tsüri.ch)

Im Niederdorf im Kreis 1, unterhalb des Grossmünsters, gehört Conle ein Haus an der Kirchgasse, das als Bürogebäude ausgeschrieben ist. In den Immobilien an der Schipfe sind im Erdgeschoss auch Luxusmarken eingemietet, an der Storchengasse teilt sich ein Kleidergeschäft die Adresse mit einem Unternehmen asiatische Einrichtungsberatung.

Je weiter man aus dem Zentrum rauszoomt, desto mehr Conle-Häuser erscheinen auf der Stadtkarte. 

1253 Wohnungen in neun Quartieren

Im Kreis 2 in der Enge besitzt er 97 Wohnungen, im Kreis 3 sind es 83, im «Vieri» sind es 60, und so zieht sich das über neun Stadtkreise. Insgesamt 1253 Wohnungen sind über neun Stadtkreise verteilt. 

Der grösste Anteil der Wohnungen konzentriert sich auf Zürich Nord. 662 Wohnungen verteilen sich auf die Quartiere Unterstrass, Schwamendingen, Affoltern und Oerlikon. Am Schuhmacherweg, hinter der ETH Hönggerberg befinden sich 33 Conle-Häuser.

Viele der Immobilien hat Henning Conle in den 1990er-Jahren ersteigert, das belegen die Grundbuchdaten. Ebenfalls in den 90er-Jahren soll Henning Conle gemäss mehreren Zeitungsartikeln nach Zürich gezogen sein. 

Heute hat Conle zwei Wohnsitze: am Zürichberg und in Grossbritannien. Sein Domizil in London ist bei den meisten seiner Zürcher Immobilien als Adresse hinterlegt. 

Als deutsch-schweizerischer Doppelbürger schaffte es Henning Conle mit seinem Immobilienimperium und dem geschätzten Vermögen von 1,2 Miliarden Franken im Jahr 2017 auf die Liste der 300 reichsten Schweizer:innen des Magazins «Bilanz». Der Artikel ist nicht mehr online. Schätzungen der «Financial Time» kommen auf ähnliche Zahlen für die Familie Conle.

Wie schon sein Vater setzt auch Henning Conle auf einen familiengeführten Betrieb. Sein Sohn – Henning Conle Junior – ist heute Gesellschafter der deutschen Conle Property Group. Bei der Verwaltung der Immobilien in der Schweiz ist die Miwo AG tätig, sie verwaltet auch Stadtzürcher Immobilien im Privatbesitz von Henning Conle Senior. Henning Conle Junior ist Verwaltungsrat der Miwo AG, als Geschäftsführer ist Markus Dörig aufgeführt. Dörig ist gemäss «Tages-Anzeiger» der Bruder von Swiss Life-Präsident und SVP-Grossspender Rolf Dörig. 

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Conle-Häuser in Altstetten. (Bild: Tsüri.ch)

Das Mysterium Conle wird dadurch genährt, dass es kein öffentliches Bild des mittlerweile 82-Jährigen gibt – nur diese Beschreibung: «Dunkle Hornbrille, Lederjacke, kurzer Bart, wenig Haar.» Diese Notiz erhielt 2015 die damalige AfD-Chefin Frauke Petry, als sie Conle am Flughafen abholen sollte, wie «ZDF» und «Correctiv» berichten.

Spenden an AfD und SVP

Henning Conles Name taucht immer wieder auf in Verbindung mit rechten bis rechtsextremen Parteien.

Seit 2019 fiel sein Name mehrmals im Zusammenhang mit verdeckten Parteispenden an die AfD. Gemäss Recherchen von «Spiegel» und «Standard» soll Henning Conle über einen Dritten eine 2,35 Millionen Euro teure AfD-Plakatkampagne für die letzten Bundestagswahlen finanziert haben. Die «Süddeutsche» und andere Medien wiesen Conle für 2017 als verdeckten Spender für AfD-Fraktionschefin Alice Weidel aus.

Und das, obwohl verdeckte Parteispenden in Zürich verboten sind. 

In einem Interview mit der Wochenzeitung «WOZ» 2019 sagte ein Vertreter der NGO Lobbycontrol, dass es sich bei den Spenden wohl um ein System handle, bei dem die Werbeagentur Goal AG von SVP-Werber Alexander Segert immer wieder eine zentrale Rolle einnimmt.

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Conle-Häuser in Wiedikon und Enge. (Bild: Tsüri.ch)

In der Schweiz machten Recherchen von «CH-Media» Conles Kontakte zur SVP publik. So soll es zu mehreren Treffen zwischen Conle und Politiker:innnen der rechtsbürgerlichen Partei gekommen sein. SVP-Bundesrat Albert Rösti bestätigte, dass er vor neun Jahren selbst an einem Abendessen mit Conle und dessen Sohn teilgenommen hat. «Nach meiner Erinnerung waren rund zwanzig Personen anwesend. Es handelte sich um ein geselliges Beisammensein unter Parteifreunden», sagte Rösti gegenüber der Zeitung.

In der SVP-Parteizeitung wird Henning Conle namentlich verdankt, 2017 die 100-Jahr-Feier der SVP Zürich finanziert zu haben. Dies berichtete «nau.ch».

Auf die Anfrage, ob Conle oder die Goal AG auch bei den aktuellen Zürcher Wahlen 2026 als SVP-Spender auftaucht, schreibt Susanne Brunner, Co-Präsidentin der SVP Stadt Zürich: «Wir geben über Spender grundsätzlich keine Auskünfte.»

Conle selbst hat sich zu diesen Berichten bisher nicht geäussert. Gegenüber Medien schweigt er, auch jüngste Anfragen von «Tsüri.ch» und dem «Spiegel» an seinen Anwalt, die Conle Group und die Miwo AG, bleiben unbeantwortet. Gleiches gilt für die Anfrage, inwiefern die Zürcher Mieteinnahmen in Conles mutmassliche Parteispendenaktivitäten fliessen. 

Redaktionelle Mitarbeit: Luca Obertüfer und Lukas von Blarer

WAV ist ein Recherchekollektiv aus Zürich. WAV recherchiert unabhängig, kooperiert mit Medien in der ganzen Schweiz und macht investigativen Journalismus für alle zugänglich. Du willst wissen, was WAV als Nächstes aufdeckt? Abonniere den Newsletter.

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Die Grundbuch-Recherche wurde finanziell unterstützt vom LokalHub, investigativ.ch, Recherche-Fonds der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung sowie von JournaFONDS.

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Balz Oertli WAV

Balz Oertli ist Journalist beim und Mitgründer des WAV Recherchekolelktivs. Davor arbeitete er beim SRF. Balz liebt es, kritisch Fragen zu stellen und tief zu schürfen, hat aber auch gelernt, genau zuzuhören als Rechtsberater beim Solidaritätsnetz Bern und als Detention Associate beim IKRK in Genf. Er studierte Sozialanthropologie, Arabisch und Politikwissenschaften.

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