Neubauprojekt im Kreis 5

Gescheiterter Rekurs gegen Entscheid zu Maag-Hallen-Abriss: «Sind ein Risiko eingegangen»

Der Streit um die Zukunft des Maag-Areals geht weiter. Das kantonale Baurekursgericht ist nicht auf die Einsprache der Hamasil Stiftung eingegangen. Stiftungsrat Thomas Seiz über den Entscheid und den Widerstand in Zürich-West.

Maag-Areal Zürich
Seit Jahren streiten sich Politik, Investor:innen und Anwohner:innen über die Zukunft der Maag-Hallen. (Bild: CC BY-SA 4.0 / Baugeschichtliches Archiv / Wenger Timon)

Die Swiss Prime Site und die Welti-Furrer AG planen, das Maag-Areal beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich-West neu zu gestalten. Vorgesehen sind rund hundert Wohnungen, Gastronomieflächen, Läden und ein Kulturpavillon. Ein Drittel der Wohnungen soll zu Mieten von etwa 1000 Franken angeboten werden.

Zugleich wollen die Eigentümer:innen mehrere bestehende Gebäude abreissen – darunter die grossen Maag-Hallen aus den 1960er- und 1970er-Jahren.

Um einen Teil der denkmalgeschützten Bauten zu erhalten, beantragte der Zürcher Stadtrat eine Planungszone für das «Maag-Areal Plus». Diese hätte vorübergehend alle baulichen Veränderungen gestoppt. Doch vergangenen Juli lehnte die kantonale Baudirektion den Antrag ab, woraufhin die Hamasil Stiftung, die sich in Zürich-West für nachhaltige Stadtentwicklung engagiert, Rekurs beim Baurekursgericht einreichte.

Ende Januar wurde bekannt, dass das Gericht nicht auf den Rekurs eingeht. Begründung: Die Stiftung sei nicht einspracheberechtigt, weil ihre Liegenschaften der nahegelegenen Überbauung «Kulturpark» zu weit vom Projektperimeter entfernt liegen würden.

Jenny Bargetzi: Hat Sie dieser Entscheid überrascht?

Thomas Seiz: Nein. Mir war immer klar, dass das heikel ist. Ob wir berechtigt sind oder nicht, ist keine eindeutige Frage. Am Ende ist es ein Rechtsstreit zwischen der Stadt Zürich und dem Kanton, wir sind nur indirekt betroffen. Wir wollten die Stadt unterstützen. Dass das formal scheitern könnte, war uns bewusst. Dieses Risiko sind wir eingegangen.

Der Rekurs war also ein politisches Signal?

Ja. Die Stadt wollte eine Planungszone festsetzen, das kantonale Baurekursgericht hat sie zurückgepfiffen. Wir haben nicht rekurriert, weil wir direkt involviert sind, sondern weil wir diesen Entscheid für falsch halten. Die Sonderbauvorschriften für das Maag-Areral stammen aus dem Jahr 2004 und wurden bis jetzt nicht überarbeitet.

Was hätte die Planungszone konkret bewirken sollen?

Sie hätte juristisch abgesichert, dass die Maag-Hallen stehen bleiben und gewisse Projekte so gar nicht erst realisiert werden können – vor allem der Abriss und die Neubauten der Welti-Furrer AG. Für uns war das immer ein Nebenpfad unserer Aktivitäten, aber einer in die richtige Richtung.

«Von Welti-Furrer sind dunkle, computergenerierte Fassaden ohne Charakter geplant.»

Thomas Seiz, Stiftungsrat der Hamasil Stiftung

Inwiefern ein Nebenpfad?

Im Zentrum steht, das Quartier zu beleben, familienfreundliches Wohnen zu ermöglichen, die Verkehrsbelastung zu reduzieren, die Spitzentemperaturen zu reduzieren und die letzten historischen Zeugen dieses Gebietes zu erhalten.

Die Hamasil Stiftung hat mit dem Kulturpark selbst eine grosse Überbauung in unmittelbarer Nähe. Kritiker:innen sagen, Ihr Engagement sei nicht nur idealistisch, sondern auch eigennützig.

Ich sehe diesen Eigennutz nicht. Wir verhindern ja nichts, wovon wir direkt profitieren würden. Uns stört, was städtebaulich und klimatechnisch falsch läuft.

Von Welti-Furrer sind dunkle, computergenerierte Fassaden ohne Charakter geplant. Alles ist dicht bebaut und die Böden versiegelt. Diese Häuser heizen die Umgebung stark auf. Wenn man das Eigennutz nennt, dann höchstens in dem Sinn, dass wir ein besseres Stadtklima wollen.

Was wäre für Sie eine akzeptable Lösung?

Bei den Maag-Hallen ist es eigentlich klar. Es gab ein prämiertes Projekt, das die Hallen erhalten hätte. Aber das wollten die Eigentümer:innen nicht. 

Für uns und für den Zürcher Heimatschutz sind diese Hallen schützenswert. Sie sind Industriezeugen und heute ein kultureller Hotspot. Wenn man den Vergleich mit dem Schiffbau zieht: Dort passiert kulturell wenig. Im Maag-Areal hingegen sehr viel. Das einfach aufzugeben, finde ich fatal.

Was kritisieren Sie konkret?

Die Pfingstweidstrasse verkommt zu einer Wand. Wir sind überzeugt: Es ginge mehr. Wenn man das Gebiet ganzheitlich denken würde – etwa mit einer Spurreduktion auf der Pfingstweidstrasse –, könnten dort rund tausend zusätzliche Wohnungen entstehen. Auch Welti-Furrer hätte diesen Spielraum. Aber am Ende dominiert der Kommerz.

Welti-Furrer argumentiert, man wolle dringend benötigten Wohnraum schaffen. Dieser werde nun blockiert.

Man muss genau hinschauen, was für Wohnungen das sind. Es sind fast ausschliesslich Einzimmerwohnungen. Sehr klein und zellulär. Man wirbt mit Mieten unter tausend Franken, aber das sind keine Familienwohnungen. Das sind, wenn überhaupt, Studentenunterkünfte. Damit holt man keine Familien mit Kindern ins Quartier.

Einpersonenhaushalte dominieren den Zürcher Wohnungsmarkt. Reagiert Welti-Furrer damit nicht einfach auf einen gesellschaftlichen Trend?

Die Statistik der Stadt Zürich zeigt: Neubauten bieten zwar häufig kleinere Wohneinheiten an, trotzdem bilden 3-Zimmer-Wohnungen, die auch stark gefördert werden, die grösste Kategorie. 

Maaglive Kulturpavillon
«Maaglive» heisst das Projekt der Swiss Prime Site. (Bild: Swiss Prime Site)

Die Hamasil Stiftung wurde von Ihren Eltern gegründet. Ist der Kampf um die Maag-Hallen auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Vermächtnis?

Das spielt sicher eine Rolle. Mein Vater ist noch immer Stiftungspräsident und kennt Zürich West seit 1958. Er hat viele Entwicklungen erlebt, die er nicht verhindern konnte: die Hardbrücke, den Prime Tower, den Y-Autobahnzubringer. Das hat ihn gestört. Mich auch.

Dazu kommt: Die Stadtplanung der frühen 2000er-Jahre sah etwas ganz anderes vor. 30 Prozent Wohnen, Parks, Freiräume. Wenn man diese Dokumente heute liest, ist das ernüchternd. Am Ende hat man vieles den privaten Grundeigentümer:innen überlassen und die Zügel schleifen lassen. Damit leben wir jetzt.

Für die letzten Inseln lohnt es sich, zu kämpfen. Und irgendjemand muss die Initiative ergreifen. Im Strom mitzuschwimmen ist einfach – gegen den Strom hingegen nicht. 

Wie geht es jetzt weiter?

Bei den Maag-Hallen und Welti-Furrer bleiben wir dran. Beim Thema Planungszone weiss ich nicht, ob sich der Aufwand noch lohnt; das war, wie gesagt, immer ein Nebenpfad. Am Ende muss die Stadt mit diesem Entscheid umgehen, nicht wir.

Dennoch: Um den Abbruch der Maag-Hallen zu verhindern, ziehen wir den Entscheid ganz sicher weiter.

Ohne Deine Unterstützung geht es nicht.

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!

Jetzt unterstützen!
jenny

Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.

tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare