Rabatte trotz Wohnkrise

Wegen sinkender Nachfrage: Helvetia Baloise lockt im Seefeld mit Gratis-Mieten

Weil die Versicherung Helvetia Baloise zwei Wohnungen im Seefeld nicht los wird, verzichtet sie bei beiden auf eine Monatsmiete – trotz Wohnungsnot in Zürich. Warum die Immobilienbesitzerin lieber Leerstand in Kauf nimmt, statt die Mieten zu senken.

Helvetia Immobilien bietet online im Inserat Gratis-Mieten an.
Einen Monat lang gratis wohnen – wer will das nicht? (Bild: Screenshot Helvetia Immobilien)

Es wirkt absurd. Obwohl in Zürich tausende Menschen auf Wohnungssuche sind, gibt es Verwaltungen, die um Mieter:innen weibeln müssen. Je 4465 Franken kosten die zwei 3.5-Zimmer-Wohnungen beim Bahnhof Tiefenbrunnen, welche die Helvetia Baloise vermieten will. Dabei lockt die Versicherung mit einem einmaligen Angebot: Gratis-Mieten.

99 Quadratmeter, 2018 renoviert, Parkettboden und einen attraktiven Standort verspricht die Vermieterin in den Inseraten und fragt: «Möchten Sie künftig den Tag in See-Nähe abschliessen?»

Doch offenbar will das niemand, zumindest nicht für diesen Preis: Beide Wohnungen stehen seit vergangenem Herbst leer, wie eine Mieterin aus der Siedlung berichtet. Daran änderte bisher auch der Spezialrabatt nichts. 

Hoher Immobilienwert dank hohen Mieten

Als Grund nennt die Mieterin den «Fantasiepreis»: Ihr zufolge haben Vormieter:innen rund 1000 Franken weniger bezahlt. «Die Wohnungen sind diesen Preis nicht wert.» Die Fenster seien schlecht isoliert und die Zimmer ringhörig. Aus Angst vor negativen Konsequenzen will sie nur anonym Auskunft geben, doch ihr sei es wichtig, dass darüber berichtet werde.

Sie ärgert sich besonders darüber, dass die Versicherung den Leerstand in Kauf nimmt, statt den Mietzins zu senken. Die Wohnungen sind nicht die einzigen in der Nachbarschaft, die ohne Nachmieter:innen bleiben. Auch ein drittes Angebot – 4.5 Zimmer für knapp 5900 Franken monatlich – scheint auf keine Nachfrage zu treffen.

Mit dem Vorgehen verfolgt die Helvetia Baloise eine Strategie, die bei Hauseigentümer:innen beliebt ist. Denn die Mieten haben einen Einfluss darauf, welchen Wert einer Immobilie zugesprochen wird. Je höher die Mieten, desto höher der Wert.

Dies bestätigt Francisco Amaral, Professor für Real Estate Finance an der Universität Zürich. «Der Marktpreis einer Immobilie setzt sich aus verschiedenen Faktoren wie Standort, Ausbaustandard, Nachfrage sowie Mietpreis zusammen.» Entsprechend könnten Anreize wie mietfreie Monate dabei helfen, Vergleichsmieten nicht nach unten zu drücken und die Preispositionierung eines Objekts respektive des Immobilienportfolios zu wahren.

Nachfrage im hochpreisigen Wohnsegment sinkt

Von einem «Fantasiepreis» will Robert Weinert vom Immobilienberatungsunternehmen Wüest Partner nicht sprechen. Zwar liessen sich die 99-Quadratmeter-Wohnungen für knapp 4500 Franken im stadtweiten Vergleich klar im hochpreisigen Segment einordnen, doch im Seefeld, wo die Siedlung liegt, sei der Mietpreis nur leicht überdurchschnittlich. 

«Während es in Zürich an preisgünstigen Objekten mangelt, wurden in den letzten Jahren viele Neubauten in dieser Preisrange erstellt.»

Robert Weinert, Immobilienexperte bei Wüest Partner

Dass sie trotzdem lange Zeit leer stand, könnte damit zusammenhängen, dass diese Art von Wohnungen laut Weinert weniger nachgefragt wird. Kein Neubau, ausserhalb des Stadtzentrums und eher teuer: «Während es in Zürich an preisgünstigen Objekten mangelt, wurden in den letzten Jahren viele Neubauten in dieser Preisrange erstellt», erklärt der Experte.

Gleichzeitig ist die Zuwanderung von Personen, die sich diese Wohnungen leisten können, in den letzten Jahren stagniert. «Bis 2023 wuchsen die Beschäftigungszahlen der Finanz- und Techbranche in der Stadt Zürich spürbar an, was zu einer Zunahme von finanzstarken Mieter:innen führte», sagt Weinert. Mittlerweile sei das Jobwachstum in vielen Unternehmen dieser Branche aber zum Erliegen gekommen oder sogar rückläufig. Deshalb liege das Angebot zur Zeit über der Nachfrage.

Entsprechend hätten Vermieter:innen von hochpreisigen Wohnungen eine grössere Konkurrenz auf dem Markt. Rabatte wie Gratis-Mieten werden deshalb Weinert zufolge von einzelnen Akteuren eingesetzt, um die Chancen auf eine Vermietung zu erhöhen.

2000 Wohnungen in Zürich

Es ist nicht das erste Mal, dass Helvetia Baloise auf dieses Mittel zurückgreift. Die Versicherungen weibelte kürzlich mit einem «Winter-Special» um Interessenten, wie der «Blick» berichtete. Der Deal: 50 Prozent weniger Nettomiete für sechs Monate.

Helvetia Baloise Angebot für Neumieter:innen.
Weil die Nachfrage für hochpreisige Mietwohnungen abgenommen hat, greifen Vermieter:innen in die Trickkiste. (Bild: Screenshot Helvetia Immobilien)

Solche Angebote seien ein verbreitetes Vermarktungstool, das genutzt werde, um Interessenten einen finanziellen Anreiz zu geben, einen Wohnungswechsel in Betracht zu ziehen, schreibt eine Sprecherin der Versicherung auf Anfrage. «Denn ein Umzug ist immer auch mit Kosten verbunden.»

Dabei seien solche Aktionen Teil eines mehrstufigen Prozesses. Bleibe eine Wohnung trotz Rabattaktionen leer, würden weitere Optionen geprüft – unter anderem Mietzinsreduktionen, heisst es. Wie lange ein Objekt leer stehen muss, bis dieser Schritt eingeleitet wird, kann laut der Sprecherin nicht pauschal beurteilt werden.

Zur Frage, ob diese Strategie der Wertsteigerung oder Werterhaltung der Immobilie dient, äussert sich die Sprecherin nicht.

Klar ist aber: Seit der Fusion mit der Baloise Ende 2025 verfügt das Unternehmen schweizweit über 845 Liegenschaften mit rund 30’000 Wohnungen – 2000 davon befinden sich in der Stadt Zürich, wie die Versicherung damals gegenüber «Tsüri.ch» bekannt gab. 

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isabel

Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.  

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