Aus für «Tages-Anzeigerin»: Hört auf, feministische Formate wegzusparen
Nach dem Ende von «We, Myself & Why» auf SRF stellt auch das Medienhaus Tamedia seinen Podcast «Tages-Anzeigerin» ein. Dabei müssten feministische Formate angesichts der gesellschaftlichen Lage gestärkt werden. Ein Kommentar.
Sie sprachen über Body Positivity, Hexenkult, Frauenfreundschaften, aber auch über Gewalt an Frauen oder Hass im Netz: Durch den Podcast «Tages-Anzeigerin» erhielten feministische Themen ein festes Gefäss. Nach drei Jahren und über 90 Folgen ist nun Schluss, das Format wird eingestampft. In einer letzten Ansprache wandten sich letzten Donnerstag die beiden Moderatorinnen Annik Hosmann und Annick Senn an ihre Hörerschaft, um sich zu verabschieden.
Gegenüber dem Branchenmagazin Persönlich.ch bestätigt das Verlagshaus Tamedia das Ende des Podcasts: «Die ‹Tages-Anzeigerin› hatte aus diversen Gründen – die nicht vordergründig im Produkt liegen – nicht den Erfolg, den wir uns erhofft haben.»
Nur, welchen Erfolg haben sich die Verantwortlichen bei Tamedia erhofft? Dass mehr Männer zuhören und sich dadurch der Gender-Pay-Gap innerhalb von drei Jahren in Luft auflöst? Dass Gillette als Werbepartner Geld in die Kassen spült? Oder vielleicht, dass sogenannte «Frauenthemen» nur noch in diesem Format behandelt werden müssen?
Wir werden es nie erfahren. Klar ist: Mit dem Aus der «Tages-Anzeigerin» fällt ein weiteres feministisches Format der Sparpolitik Schweizer Medienhäuser zum Opfer. Bereits vergangenen Herbst beendete SRF das Projekt «We, Myself & Why», das ausschliesslich weiblich gelesenen Personen eine Plattform gegeben hat und explizit junge Frauen ansprechen wollte.
Der Aufschrei war gross, mit einer Petition wurden knapp 5000 Unterschriften gesammelt. Genützt hat es wenig – der Entscheid, einen Safe Space für Frauen aus dem Programm zu streichen, scheint gefallen.
«Ohne Journalismus, der sich geschlechtsspezifischen Themen widmen kann, treten wir auf der Stelle.»
Isabel Brun
Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wirkt das doch ziemlich absurd: In den USA erlassen unter der Trump-Regierung immer mehr Bundesstaaten ein Abtreibungsverbot. In der Schweiz wurden seit Anfang Jahr elf Frauen von männlichen Tätern umgebracht. Und in Zürich macht Sexismus auch in der Stadtverwaltung nicht Halt, wie ein aktueller Bericht zeigt.
Aber auch in der Medienbranche werden weiblich gelesene Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert: So bleiben Frauen in der Berichterstattung noch immer unterrepräsentiert. Eine Studie der Universität Zürich von 2021 zeigt, dass nur jede vierte Person, über die berichtet wird, weiblich ist – ähnlich viele wie noch 2015.
Auch weiblich gelesene Fachpersonen haben es schwer: «Frauen werden immer noch ganz bestimmte Eigenschaften zugeschrieben», erklärte die Soziologin Sophie Mützel 2023 im Gespräch mit dem SRF. Dazu gehörten vermeintliche Stärken im Organisieren und im familiären Bereich. «Aber ihre Rolle als Expertin wird häufig nicht akzeptiert», sagte Mützel.
Wollen wir eine gleichberechtigte Gesellschaft, müssen wir also damit beginnen, Frauen anders wahrzunehmen und darzustellen. Feministische Formate leisten da einen wichtigen Beitrag.
Ohne Journalismus, der sich geschlechtsspezifischen Themen widmen kann und dadurch Medienmacherinnen, aber auch die Zielgruppe stärkt, treten wir auf der Stelle. Daran hat sich auch nach der grossen Frauenbewegung 2019 nichts geändert: Gleichberechtigung und eine diverse Medienlandschaft sind noch immer Wunschdenken.
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Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.