«Das Opernhaus der elektronischen Musik»: Das Hive wird 20 Jahre alt
Ein Club als Organismus: Seit 2006 lockt das Hive an der Geroldstrasse jedes Wochenende Nachtschwärmer:innen an. Jetzt feiert der Club sein 20-jähriges Bestehen.
Von oben hängen übergrosse, weisse Antilopenköpfe herab. Links davon rieselten einst Glitzerfäden aus Giesskannen, rechts spreizt noch immer ein Pfau sein Gefieder. Was draussen die gelbe Backsteinfassade schmückt, wirkt wie ein Versprechen des Innern des Hauses: bunt, wild und ein wenig grenzenlos.
Drinnen befindet sich einer der beständigsten Orte der Zürcher Clubkultur: das Hive. Seit zwanzig Jahren prägt der Club an der Geroldstrasse 5 die elektronische Musikszene der Stadt. Nun feiert er Jubiläum mit einem dreitägigen Fest.
Der Name war von Beginn an Konzept. «Hive» – Bienenstock – steht für einen lebendigen Organismus. Für Bewegung. Für ständige Veränderung. Schneider spricht von «Morphing Clubbing»: Räume, Licht, Dekor und Musik wandeln sich fortlaufend. «Man soll als Stammgäst:in nie zweimal im gleichen Club landen.»
Der Name ist Programm
Als das Hive 2006 einzog, bestand es aus einem einzigen Raum im Untergeschoss. Die Wände hell gestrichen, die Bar wackelig, die Einrichtung provisorisch. «Es war fast wie ein Jugendtreff», sagt Mitgründer Nicola Schneider, 54, der den Club bis heute gemeinsam mit Lars Ruch, Adrian Wöllhaf und Anatol Gschwind führt.
Heute bespielt der Club das gesamte Haus. Im Untergeschoss pulsiert die Disco, eine Etage darüber wartet in der Frigo Bar der nächste Drink. Später zieht es viele hinauf in die Tanzstube, und wer durchatmen möchte, zieht sich im Ruheraum zurück. In den oberen Stockwerken liegen Büros und Dekolager. Und am Ende der Nacht führt der Weg nach draussen zur Gerolds Küche – der Burger nach dem Feiern ist längst Kult.
Geschichte startete im Untergrund
Schon bevor das Hive an der Geroldstrasse einzog, wurde im Untergeschoss getanzt. In den 1990er-Jahren florierte die Technoszene, und Zürich West entwickelte sich zum Zentrum der Clubkultur. Orte wie die Katakombe, die Dachkantine, das Labyrinth oder das Rohstofflager prägten eine junge Generation, die sich Freiräume nahm. Das Nachtleben war politisch. Allein die Existenz eines Clubs war ein Statement.
Als das Hive eröffnete, war die Pionierzeit vorbei, doch der Geist ist geblieben. Der Club etablierte sich rasch zur festen Grösse. Alexander Bücheli, Geschäftsführer der Zürcher Bar & Club Kommission, nennt ihn das «Opernhaus der elektronischen Musik». Kaum ein anderer Ort habe es geschafft, über zwei Jahrzehnte musikalisch relevant zu bleiben – mit einer klaren Kuration, die lokale DJs fördere und internationale Acts einbinde. Für viele Schweizer Künstler:innen sei das Hive ein Sprungbrett.
Dominic Büttner hat diese Zeit hautnah miterlebt. Seit 1994 liegt sein Atelier im zweiten Stock des Gebäudes – direkt über der Tanzstube. Wenn unten die Bässe wummern, vibriert oben der Tisch. «Für mich war das jahrelang einfach Lärm, wie ein Presslufthammer unter dem Schreibtisch», sagt Büttner.
Jetzt, zum 20-jährigen Jubiläum, hat Büttner einen Kurzfilm über das Hive gedreht. Mit der Kamera tauchte er ein in eine Welt, die ihm lange fremd war. Er begleitete Partygänger:innen, sprach mit Wegbereiter:innen, mit einer Fachperson der Universität Zürich, mit Behörden und DJs.
Die Arbeit mit der Kamera habe seinen Blick auf den Club und die Betreiber verändert, sagt er. Die Musik wirke nicht aggressiv, sondern körperlich – «eine akustische Stimulation des Zwerchfells». Gleichzeitig sei die politische Dimension der Nacht weitgehend verschwunden. «Elektronische Musik ist heute gesellschaftlich akzeptiert.» Die Gäst:innen kämen nicht mehr, um zu provozieren, sondern um loszulassen. Um den Alltag abzustreifen, sich in der Menge zu verlieren und in die Musik abzutauchen.
Ohne das Hive, sagt Büttner heute, würde die Geroldstrasse ein Teil ihrer Seele verlieren.
Zwischen Freiheit und Auflagen
Ganz konfliktfrei war die Geschichte des Clubs dennoch nicht. 2007 führte die Polizei eine Razzia durch; gefunden wurden nur wenige Gramm Marihuana. Heute sind solche Einsätze seltener, doch kleine Spannungen bleiben. «Es wird vieles getan, um es den Clubs schwer zu machen», sagt Nicola Schneider. «Lärmgrenzen, Einsprachen, veraltete Auflagen – es ist eine Verhinderungspolitik für neue Projekte.» Die Stadt rühme sich ihres Nachtlebens, unterstütze es aber kaum.
Es sei okay, dass Kulturinstitutionen wie das Opernhaus, Kunsthaus oder das Schauspielhaus gefördert würden, sagt er. «Doch die Subventionen müssen zeitgenössischer werden.»
Auch das Geroldareal selbst war immer wieder politisch umkämpft. Früher dienten die Gebäude Gewerbe, Werkstätten und Lagern, später entstanden Zwischennutzungen. 2012 wurde über ein Kongresszentrum diskutiert, doch der Plan wurde verworfen. Heute ist das Areal mit Clubs, Restaurants, Ateliers, Surfwelle und dem Freitag-Turm einer der lebendigsten Orte Zürichs. Dokumentarfilmer Büttner sagt: «Hier findet Zürich noch statt.»
«Machogehabe hat keinen Platz»
Die Branche hat sich in zwanzig Jahren stark verändert. Gagen steigen, Festivals treiben die Preise, internationale Bookings werden zum Statussymbol. Das Hive setze bewusst auf Stabilität statt Spektakel. Überteuerte Acts kämen nicht infrage, sagt Schneider. «Das holt man finanziell nicht mehr rein.»
Auch an der Tür gelten klare Regeln. Über den Einlass entscheidet der oder die «Selecteur». Die Geschlechterquote bei den Besucher:innen liegt laut Schneider etwa bei 50 Prozent. Das wird oft kritisiert, doch er sagt: «Viele Frauen fühlen sich gerade deshalb wohl.» Machogehabe habe keinen Platz. «Wenn du einen auf Macker machst, passt du nicht zu uns.»
Stattdessen setzt der Club auf Atmosphäre und Verlässlichkeit. Viele Künstler:innen spielen zu guten Konditionen, weil sie das Publikum und das Team schätzen. Rund hundert Mitarbeitende gehören zur Hive-Familie. Ein grosser Teil der Einnahmen fliesst ins Personal: saubere Toiletten, flexible Planung, faire Arbeitsbedingungen. «Das ist uns wichtiger als maximale Gewinnoptimierung», sagt Schneider, der sich selbst als «Botschafter» des Clubs versteht.
Ein struktureller Vorteil kommt hinzu: Das Gebäude gehört der Stadt Zürich, der Mietzins ist tief. Unter marktüblichen Bedingungen wäre ein Club dieser Grösse wohl kaum überlebensfähig. Alexander Bücheli von der Bar & Club Komission ist dennoch überzeugt: Wer zwanzig Jahre relevant bleibt, würde auch anderswo bestehen. Entscheidend seien das Booking, das lokale Talente mit internationalen Acts verbinde und das grosse Netzwerk, das über die Jahre aufgebaut werden konnte.
Und die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden.
Zwanzig Jahre nach der Eröffnung ist das Hive erwachsen geworden, sagt Schneider. Die Improvisation der Anfangsjahre ist Professionalität gewichen. Und doch bleibt der Anspruch derselbe: Die Wabe soll weiter wachsen.
Das Jubiläumswochenende dauert von Freitag, 6. März, bis Sonntag, 8. März.
Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.