Interview mit Isabel Sophie Loheit

Neue Mascotte-Betreiberin: «Eine Schlange vor dem Club ist kein Qualitätszeichen»

Wo einst das Mascotte war, eröffnet am Wochenende das Palais Mascotte unter weiblicher Führung. Von den Hip-Hop-Parties der letzten Jahre grenzt sich «Bella» Sophie Loheit jedoch klar ab und will die Magie der 70er zurückholen.

Isabel Loheit Mascotte
Am 29. Januar eröffnet das Mascotte mit einer Chefin an der Spitze. (Bild: Mascotte)

In der Erzählung des krisengebäutelten Nachtlebens, geprägt von Covid und Krise, trinkfaulen Jungen und müden Millenials, war diese Nachricht der nächste Sargnagel: Das Mascotte, der älteste Club der Stadt, schliesst.

Nur wenige Monate später nahm die Geschichte eine Wende: Das Mascotte kehrt zurück. Der bekannte Musikmanager Freddy Burger, der den Club seit 55 Jahren von der Stadt mietet, bestätigt gegenüber dem Tages-Anzeiger, dass sie mit neuem Konzept und neuem Team Ende Januar neu eröffnen.

Bei genauerem Hinschauen die nächste Überraschung: Mit Isabel «Bella» Sophie Loheit steht erstmals eine Frau an der Spitze des Clubs und stellt damit im männergeprägten Nachtleben eine Minderheit dar.

Nina Graf: Das Mascotte ist der älteste Club Zürichs. Doch in seiner fast 110-jährigen Geschichte sind Sie die erste Frau, die den Club betreibt.

Isabel Sophie Loheit: Ich will diesen Faktor gar nicht so betonen. Wenn wir Frauen im Nachtleben immer darüber reden, dass wir in der Branche untervertreten sind, dann verfestigen wir diese Rolle. Ich mache darum lieber einfach, wie jetzt im Mascotte.

Gut, dann sprechen wir zuerst darüber, wie es dazu kam, dass sie den Club übernehmen.

Der Entscheid fiel noch am selben Abend, als ich von der Schliessung erfahren habe. Als ich 2013 nach Zürich gezogen bin, war mein erster Job hier im Mascotte. Später wurde ich Co-Geschäftsführerin. Mit der Schliessung eröffnete sich die Möglichkeit, den Ort endlich so zu nutzen, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Am nächsten Tag begann ich mit Konzepten und Businessplänen.

Gab es viele Bewerber:innen?

Ja.

Warum haben sich die Eigentümer des Mascotte für Sie entschieden?

Die Zahlen müssen stimmen, doch schlussendlich liegt es am Konzept.

Das Mascotte war in den letzten Jahren bekannt für Hip-Hop-Partys. Das Line-up vom Eröffnungswochenende klingt mit DJ’s wie Hausvrau oder Bonnie OK aber eher nach Kreis 3, 4, Kauz, Off-Space.

Man muss einmal den Schwamm nass machen und die Tafel abwischen: Das neue Palais hat – ausser dem Raum selbst – keine Berührungspunkte mit dem Vorgänger. Wir konnten zwei Personen von früher behalten, die sich um Technik und Unterhalt kümmern. Mein früherer Chef und ehemaliger Mitinhaber Patrik Spiller unterstützt mich, aber der Rest des Teams ist bewusst neu zusammengestellt. Wir wollen einen Neuanfang.

Was heisst das musikalisch?

Wir sind zu dritt im Booking: die Zürcher DJ Juli Lee, die non-binäre brasilianische Künstler:in Hausvrau und ich. Wir bewegen uns zwischen Disco-Funk, Chicago House und Italo-Disco, wollen aber nicht «in einer Schublade tanzen», sondern offen bleiben.

Sie selber haben ihre Wurzeln im Techno.

In Deutschland, wo ich aufgewachsen bin, habe ich in verschiedenen Clubs gearbeitet, war Booking- und Labelmanagerin beim Berliner Techno- und House-Label Highgrade Records. Als Künstlermanagerin habe ich aber auch Musicalproduktionen betreut oder im Theater gearbeitet, zuletzt in Zürich am Neumarkt. Diese Vielfalt soll im Palais erlebbar sein.

Der Standort zwischen Bellevue und Seefeld ist weitab vom Ausgehviertel im Kreis 3 und 4. Wie wollen Sie dieses Publikum zu sich holen?

Wichtiger als die Lage ist das Angebot eines Clubs. Die Neuheit der Langstrasse hat sich mittlerweile abgetragen. Sowieso gilt: Eine Schlange vor dem Club ist kein Qualitätszeichen. Es geht um das, was drinnen passiert.

Angesichts der vielbesungenen Krise des Clublebens wirkt eine Neueröffnung fast verrückt. Die Miete hier am Bellevue dürfte gut einschenken.

Wir bezahlen vermutlich mehr als ein Club an der Langstrasse.

Es ist eine Totalsanierung des Corso-Gebäude angekündigt. Wissen Sie schon mehr?

Es wird eine Totalsanierung geben. Soweit ich mich erinnern kann, stand die schon 2014 im Raum. Da es sich um ein Grossprojekt handelt, sind Zeitpunkt und Dauer aber noch ungewiss.

Ihre Vorgänger haben deswegen, aber auch wegen massiven Umsatzeinbussen, geschlossen. Warum soll ihr Konzept dort funktioniert, wo andere gescheitert sind?

Wegen unserem ganzheitlichen Bar- und Kulturkonzept, das sich den neuen Ausgehgewohnheiten anpasst. Mittwoch bis Samstag öffnet die Bar um 18 Uhr. Wir nutzen den Clubraum neu als Aufenthaltsort mit kuratierten DJ‘s, einem Kulturprogramm mit Ausstellungen, Lesungen und Performances.

Gibt es Änderungen im Raum?

Wir sind gerade an Dekorationsarbeiten und öffnen die grosse Fensterfront zum See, sodass man sich hier nach der Arbeit auf einen Drink treffen, die Musik geniessen und hinausschauen kann. Ab 22 Uhr geht der Betrieb dann in einen Club über. Und wir feiern nicht bis sechs Uhr morgens – um drei Uhr ist spätestens Schluss.

Es wird also kein klassischer Nachtclub?

Das Palais soll ein Ort sein, den wir uns selbst wünschen. Ich will nicht mehr um Mitternacht draussen in irgendeiner Schlange stehen, frieren und erst am nächsten Morgen nach Hause stolpern. Mit der neuen Bar gibt es einen Übergang vom Feierabend ins Nachtleben.

Aber man soll schon tanzen?

Unbedingt.

Das Palais Mascotte in drei Worten – welche wären das?

Musik, Neugierde und Leidenschaft. Wir wollen ein Club für alle sein, in dem man so kommen kann, wie man will, und akzeptiert wird.

Das heisst, man kommt weiterhin auch mit Fellkragen in den Club?

Ich würde das nicht an einer Jacke festmachen. Wenn jemand freundlich und mit einer offenen Haltung den Mitarbeitenden begegnet, dann ist sein Outfit kein Problem. Es gibt ganz grundlegende Werte des Miteinanders, die viel wichtiger sind.

Die Fassade des Mascott
Der Club feiert das Comeback mit einem dreitägigen Fest. (Bild: Klaus Andorfer / Mascotte)

Sie sprechen das Thema Awareness an. Ich komme aufs Thema vom Anfang zurück: Denken Sie, es macht einen Unterschied in Sachen Sicherheit im Club, wenn ein solcher Betrieb von einer Frau geführt wird?

Natürlich bringen sowohl ich als Inhaberin als auch das Team, das divers und weiblich aufgestellt ist, eine andere Sensibilität mit. Der entscheidende Punkt ist aber, dass wir es nicht vor uns hertragen, sondern dass es unsere gelebte Haltung ist. Ein Club wird zu einem sichereren und diverseren Ort durch das, was wir vorleben – nicht durch das, was wir an eine Tür schreiben.

Werte allein garantieren aber keinen Schutz. Deswegen setzen wir auf ein Team, das hinschaut und kommunizieren unsere Haltung klar: Wir leben Konsens, Toleranz und dulden keine Diskriminierung.

In der Berichterstattung über die Neueröffnung stand bislang immer Freddy Burger, langjähriger Mascotte-Mieter und bekannter Schweizer Musikmanager, im Fokus. Stört Sie das?

Nein, das stört mich nicht. Ich bin Freddy dankbar, dass er mein Konzept unterstützt. Er wird immer ein Teil des Mascotte sein und hat diese Räume in den letzten Jahrzehnten geprägt. Ich habe Respekt davor, dass ich mit meinem Team diesen Ort belegen kann.

Der neue Name «Palais Mascotte» knüpft an die Anfangsjahre des Clubs an, als er 1916 unter eben diesem Namen eröffnet wurde. Glauben Sie, dass Sie dem Club zu alter Grösse verhelfen können?

In diesen Mauern steckt Magie, denn alle waren da; Josephine Baker, die Beatles, Iggy Pop, Louis Armstrong, Falco. Ich glaube nicht, dass 20 Jahre Hip-Hop-Partys das gelöscht haben.

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