«Seid ihr Member?»: Das Klaus an der Langstrasse wird zehn Jahre alt
Der Nachtclub Klaus an der Langstrasse feiert dieses Wochenende sein zehnjähriges Bestehen. Dabei stellt sich die Frage, wie Altern in einer Kultur funktioniert, die vom Umbruch lebt.
Am Wochenende nach Silvester liegt Zürich noch im Kater. Ausser an der Langstrasse 112. Dort, vor dem Club Klaus, stehen ein paar Feiermutige in der Schlange. Der Mann an der Türe, gekleidet in einem silbernen Zirkusjackett, mustert ein Pärchen und fragt: «Sind ihr Member oder käned ihr s'Klaus?»
Als der Club im Januar 2016 eröffnete, sorgte diese Frage für Aufregung, denn sie teilte die Zürcher Nachtjäger:innen in zwei Gruppen ein: jene mit und jene ohne Code. Mit diesem können sich Besucher:innen online auf der Memberliste eintragen und sichern sich den Eintritt.
Vier Männer machen einen Klaus
«Von Freunden für Freunde» lautet das Konzept des Nachtklubs, der von Tony Prati, Nici Faerber, Alain Mehmann und Olivier «Oli» Jordan gegründet wurde. Vier Männer, die sich aus dem Zürcher Nachtleben kannten. Das Klaus folgte auf das Kinski, ebenfalls benannt nach dem deutschen Schauspieler.
Der Vorgänger, ein Rockclub, musste nach nur drei Jahren schliessen. Das Geschäft mit Live-Konzerten sei nicht rentabel gewesen, erzählten die Betreiber «20 Minuten». Dem Klaus, das auf elektronische Musik setzte, passierte das nicht. «Wir wollten einen Club schaffen, in den wir selbst gerne gehen – und das hat von Anfang an funktioniert», sagt Mitgründer Oli Jordan.
Die Lage an der Langstrasse war ideal, das Membersystem und ein Fotoverbot versprachen Exklusivität. Ein queeres Partyvolk traf auf Steampunk-Welten. Das Klaus feierte Verkleidungspartys mit Zylindern, Pailletten-Jacketts und leuchtenden Einhörnern. Es waren die 2010er-Jahre. Gemeinsam mit Gastronom:innen aus dem Quartier veranstalteten sie das «4i-Lüüte» als Pendant zum Zünfter Anlass im Seebecken und zogen auf Steckenpferden durch die Langstrasse. Der Kellerclub fasst 250 Personen, pro Nacht gingen bis zu 400 Personen ein und aus.
Ein Club wird älter
Zehn Jahre später immer noch an der Langstrasse zuhause und steht laut den Inhabern finanziell stabil da. Der musikalischen Ausrichtung blieb das Klaus treu, der Tigertapete am DJ-Pult auch. Doch wie andere Clubs spürt auch das Klaus, dass sich das Nachtleben wandelt. Dass die Einnahmen aus dem Alkoholausschank zurückgehen und vor allem das junge Publikum fernbleibt, wie die Besitzer sagen.
Auch das Ungestüme der Anfangszeit lässt irgendwann nach und die Verheissung von Exklusivität währt nicht ewig.
Die bunten Partys von früher wurden seltener, an einem normalen Samstagabend mischt sich heute das übliche Langstrassen-Publikum unter die mit Girlanden behangene Decke.
«Unser Publikum wurde über die Jahre sicher auch mainstreamiger», sagt Oli Jordan. Eine gewisse Kommerzialisierung geschehe, sagt der Mitgründer, wenn man zehn Jahre lang einen Betrieb führe. «Wir zahlen Löhne für unser 40-köpfiges Team, die Miete an der Langstrasse ist hoch und die Fixkosten sind auch auf dieses Jahr wieder gestiegen.»
Mit dem Klaus wurde auch sein Umfeld aus der Anfangszeit älter. «Ich war 26, als das Klaus öffnete, und habe drei Jahre lang jedes Wochenende im Club verbracht», sagt Jordan. Heute sind die Gründer Ende 30 respektive knapp 50 und würden selber nicht mehr jedes Wochenende durchfeiern.
«Es braucht Mut zur Bewegung»
Kann ein Club überhaupt gut altern, wenn Umbruch der Antrieb des Nachtlebens ist?
«Klar, geht das», sagt Isi von Walterskirchen, DJ, Club- und Festivalmacherin und Szenekennerin, «dazu braucht es erst einmal richtig viel Überzeugung, Ausdauer und dann den Mut zur Bewegung».
Für von Walterskirchen ist das Klaus gleichzeitig Nischenclub und Treffpunkt für die Gastro- und Nachtlebenszene des Quartiers, der die 3-Tage-Wach-Kultur wiederaufleben lassen hat.
Entscheidend, dass ein Club gut altert, sei, dass er ein klares, eigenständiges Profil mitbringe. Das zeichne sich durch künstlerische Qualität im Booking, Gastfreundschaft und die Pflege der Stammkundschaft aus. Sowie eine gute Teamkultur, die diese Vision verkörpert und nach aussen trägt.
Gerade wenn Clubs in die Jahre gekommen seien, fehle es oft an Offenheit gegenüber Neuem, sagt von Walterskirchen. «Also sich nicht nur bei Trends bedienen, sondern effektiv auch Platz machen für neue Inputs in den eigenen Strukturen.»
Ins zehnte Jahr startet das Klaus mit neuer Co-Geschäftsführung und einem neuen Bookingteam. Dazu zählen Iago Kurz, Mattia Lorenzi; mit Rosanna Grüter und Samanta Spring sind erstmals auch zwei Frauen im Leitungsteam.
Im Dezember 2025 ist Nici Faerber, eines der vier Gründungsmitglieder, zur Seite getreten. Faerber hat das Unternehmen nach zehn Jahren verlassen und arbeitet mittlerweile hauptberuflich als Gymnasiallehrer. Im Booking präge der eigene Geschmack das Line-up eines Clubs und mit der Zeit könne man so auf «einem Ohr taub werden» für Neues. «Ich bin seit 18 Jahren im Zürcher Nachtleben unterwegs, zehn davon im Klaus. Irgendwann ist es auch ok, wenn ein Kapitel endet», sagt Faerber.
Samanta Spring arbeitete die letzten Jahre in verschiedenen Funktionen im Klaus und stellt jetzt eine Hälfte der Co-Geschäftsführung. Um auf veränderte Konsum- und Ausgehgewohnheiten zu reagieren, testen sie ein neues Bar-Konzept sowie vermehrt Partyformate, die bereits am Nachmittag starten. Das Ziel: Ein neues Publikum soll den Ort kennenlernen.
Als Memberclub zu altern, kommt mit der Herausforderung, neue Menschen aufzunehmen und gleichzeitig den Charakter zu behalten.
Drei Tage und Nächte Jubiläumsfeier
«Was das Klaus ausmacht, ist der familiäre Charakter, dass man einander kennt», sagt Samanta Spring. Viele Mitglieder kamen bisher über Mitarbeitende aus dem Klaus-Umfeld. «Deshalb holen wir im Team, wie durch das Line-up neue Menschen rein, die frische Energie und ihr jeweiliges Umfeld mitbringen.» Auch bei neuen Membern würden sie einen empathischen Umgang und Akzeptanz stärker gewichten, als das richtige Outfit, so Spring.
Die Zukunft hat also bereits begonnen, doch an diesem Wochenende schaut das Klaus noch einmal zurück: Von Donnerstag bis Sonntagmorgen wird drei Tage und Nächte lang gefeiert. Mit DJ Playlove, Juli Lee, Kalabrese, Nici Faerber sind Nachbar:innen aus dem Zürcher Nachtleben und frühere Weggefährt:innen mit dabei.
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Aufgewachsen am linken Zürichseeufer, Master in Geschichte und Medienwissenschaft an der Universität Basel. Praktikum beim SRF Kassensturz, während dem Studium Journalistin bei der Zürichsee-Zeitung. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem SNF-Forschungsprojekt zu Innovation im Lokaljournalismus. Seit 2021 Mitglied der Geschäftsleitung von We.Publish. Seit 2023 Redaktorin bei Tsüri.ch.