Grassrooted stellt Gemüseabo ein: «Unsere Arbeit ist stark ideologisch geprägt»

Weil sich die Arbeit nicht mehr auszahlt und das Unternehmen nicht in Werbung investieren will, muss Grassrooted sein Gemüseabo per Mitte Juli einstellen. Auch bei anderen Anbieter:innen sind die Abozahlen nach dem Corona-Hoch zurückgegangen.

IMG_1234
Seit 2019 verschickt Grassrooted alle zwei Wochen Gemüsekisten an Kund:innen in der ganzen Schweiz – Mitte Juli zum letzten Mal. (Foto: zVg)

Das System ist einfach: Man bestellt per Mausklick einen Korb mit Gemüse und bekommt ihn entweder direkt an die Haustür geliefert oder kann ihn an definierten Standorten abholen. Saisonal, bio und direkt ab Hof. Unter Städter:innen sind Gemüseabos beliebt, denn wer hat schon das Privileg, an einem Dienstagmorgen über den Markt am Helvetiaplatz zu schlendern? Das Prinzip einer regelmässigen Gemüselieferung von umliegenden Landwirtschaftsbetrieben gibt es in der Schweiz schon seit den 1990er-Jahren. Richtig bekannt wurden solche Abosysteme jedoch erst in den letzten Jahren. Durch Medienberichterstattung und die Pandemie.

Das bemerkten auch die Betreiber:innen von Grassrooted. Seit Sommer 2019 bieten sie ein «Gemüseretter:innen»-Abo an, bei dem Abonnent:innen jenes Gemüse erhalten, das sonst im Abfall oder in der Biogasanlage landen oder als Tierfutter verarbeitet würde. Doch nach fast vier erfolgreichen Jahren soll nun Schluss sein: Das Angebot wird per Mitte Juli eingestellt.

Ideologisch, aber nicht wirtschaftlich

Grund dafür seien fehlende Abonnent:innen, weshalb sich der Aufwand nicht mehr rechnen würde, sagt Janina Finger von Grassrooted. Waren es am Anfang 1000 Personen, die alle zwei Wochen einen Korb mit Zweitklassen-Gemüse erhielten, ist die Zahl laut der Medienverantwortlichen immer weiter geschrumpft; bis auf knapp 300. Etwa die Hälfte ihrer Abonnent:innen hätten sie vergangenen Winter verloren, als die Kooperation mit der Gemüsehändlerin Gebana aufgelöst wurde. Diese bietet mittlerweile ebenfalls Gemüseabos an.

«Wir wollen in erster Linie einen Systemwandel vorantreiben.»

Janina Finger von Grassrooted

300 seien zu wenig, um weiterhin alle Beteiligten fair zu entlohnen, so Finger über die verbliebenen Abonnent:innen. «Neben dem eigentlichen Produkt müssen wir auch jenen etwas auszahlen, die das Gemüse bei uns verpacken.» 25 Franken pro Stunde erhalten die Angestellten bei Grassrooted.

Beim Lohn oder dem Einkauf des Gemüses zu sparen, um das Angebot aufrecht zu erhalten, sei ausser Frage gestanden, so Finger. Und auch den Preis für das Gemüseabo hätten sie nicht nach oben korrigieren wollen, «gute Bio-Lebensmittel sollten unserer Meinung nach für alle zugänglich sein». Zwar seien die Kisten jeweils mit sechs Kilogramm für aktuell 38.50 Franken relativ günstig, aber vor allem durch die Wintermonate würden sie nur eine kleine Auswahl an Gemüse beinhalten. Zudem sei in diesen Monaten oft ein Mehraufwand beim Rüsten notwendig.

Die einzige Lösung wäre also, mehr Abonnent:innen zu gewinnen. Doch um das zu schaffen, müssten sie offensives Marketing betreiben, weiss Finger. Etwas, das dem ganzen Konzept von Grassrooted widerspricht. «Unsere Arbeit ist stark ideologisch geprägt. Wir wollen in erster Linie einen Systemwandel vorantreiben, weshalb wir unsere Ressourcen lieber anderweitig einsetzen.» Das Gemüseabo sei gewissermassen Symptombekämpfung, denn «das Problem Food-Waste löst sich dadurch nicht».

Werbung für einen guten Zweck

Dass die Idee, nicht Formschönes vom Feld an Private zu verkaufen, erst dann funktioniert, wenn auch genügend Abnehmer:innen vorhanden sind, weiss auch Boaz Barcikowski. Anfang Jahr gründete er die Firma Good Market, die ähnliche Ziele wie Grassrooted verfolgt: Die Verminderung von Food-Waste.

Neben einem Abo-System sind bei seinem Angebot auch spontane Bestellungen möglich, bei denen man sich nicht zur Regelmässigkeit eines Abonnements verpflichtet. Zudem lagert Barcikowski, der das Projekt als One-Man-Show leitet, viele Aufgaben aus. Auch das Marketing, in das bisher ein Grossteil seines Kapitals geflossen sei. Dadurch sollen auch Menschen erreicht werden, die sich bisher noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben. 

IMG_2735 2
Wäre ohne die Arbeit von Boaz Barcikowski vielleicht zu Biogas verarbeitet worden: Gerettetes Gemüse von Good Market. (Foto: zVg)

Das bringe aber auch zusätzliche Herausforderungen: «Menschen, die sich nicht aus ideologischen Gründen für ein solches Abo entscheiden, sind in der Regel noch weniger bereit, für unperfektes Gemüse zu zahlen», erklärt der Firmengründer. Deshalb gibt es auf der Webseite eine Tabelle zur Preistransparenz. Sensibilisierung lautet das Credo.

Obwohl Good Market bezüglich Marketing eine etwas andere Strategie fährt als Grassrooted, betont Barcikowski: «Ich mache das aus Überzeugung. Wenn ich reich werden wollte, hätte ich eine andere Schiene fahren müssen.» Momentan zahle er sich ein paar Hundert Franken pro Monat aus – daraus sollen einmal 4000 werden. Um auf diesen Betrag zu kommen, müssten durchschnittlich 200 Kisten mit Gemüse wöchentlich von seinen Kund:innen gerettet werden. Ein Tropfen auf den heissen Stein, denn in seinem Netzwerk von zehn Bio- und Demeterbetriebe in der Region Zürich würden wöchentlich etwa fünf Tonnen ungenutztes, nicht normgerechtes oder überschüssiges Gemüse verbleiben, so Barcikowski. Er werde sich deshalb zu einem späteren Zeitpunkt wieder stärker dem Vertrieb an Gastrounternehmen widmen, um noch mehr Gemüse retten zu können.

Nach Corona bleibt die Ernüchterung

Dass eine Kombination von Gemüseabos für Private wie auch grössere Abnehmer:innen wirtschaftlich gesehen Sinn machen kann, zeigt das Beispiel von Öpfelchasper. Seit 16 Jahren beliefert das Unternehmen Städter:innen mit biologisch angebautem Gemüse und Früchten per Velo. Während ihre Kundschaft vor Corona noch 80 Prozent Firmen und zu 20 Prozent private Haushalte bestanden habe, sei das Verhältnis im Lockdown ins Gegenteil gekippt, erzählt der Mitgründer Armin Heyer am Telefon.

eyJwYXRoIjoiZnJvbnRpZnlcL2FjY291bnRzXC9mY1wvMzc2MjlcL3Byb2plY3RzXC8xNTQ0NjlcL2Fzc2V0c1wvYjFcLzM1MTU0NTVcLzZmM2I0OWU0M2Q1NTA0YWVkYzI2MzlmYmRjZDY3MDJkLTE1NzEwNDY0MzAuanBnIn0-frontify-JkU2kocrEQUgh9KJENrNg2ZfoYJlwi-cDdcniBODl28
Das Konzept von Öpfelchasper hat sich etabliert: Besonders beliebt seien die Früchtekörbe für Firmen, so Heyer. (Foto: zVg)

Und heute? Seit vergangenen Sommer seien über 60 Prozent der Abos, die während Corona abgeschlossen wurden, nicht erneuert worden, so Heyer: «Vielen fehlt wieder die Zeit, aufwändiger zu kochen und alle Zutaten rechtzeitig zu verarbeiten.» Ein Gemüseabo könne auch «stressen». In finanzielle Nöte seien sie trotz der Abwanderung nicht gekommen – dank den Firmenkund:innen.

Das «Abbeben des Corona-Highs» bemerken auch andere Anbieter:innen von Gemüseabos in der Region Zürich. So schreibt Claudia Keller vom Gemeinschaftsgarten Pura Verdura auf Anfrage, dass sie in diesem Jahr zum ersten Mal seit ihrem Bestehen nicht alle ihre Abos vergeben konnten: Momentan seien noch 12 von knapp 200 offen. «Wir mussten rechte Anstrengungen unternehmen, um auf diese Zahl zu kommen», so Keller. Bei der Hofkooperative Ortoloco, die ebenfalls auf die Mithilfe auf dem Feld und somit viel Engagement setzt, sieht es etwas anders aus. Ihre Abozahlen seien seit einigen Jahren relativ stabil, sagt Hanna Frick, eine der Verantwortlichen.

Markt noch nicht gesättigt

Auch Martina Wacker vom Online Biomarkt Bio Mio kann sich nicht beklagen. Seit der Gründung im Jahr 2015 wachse ihr Kund:innenstamm stetig und auch das Ende der Pandemie habe ihnen keinen Rückgang beschert, so Wacker. «Da bei uns nachhaltiges Wachstum im Vordergrund steht, haben wir uns beim Ansturm während Corona dagegen entschieden, mehr Lagerflächen dazu zu mieten oder erheblich an Personal aufzustocken. Das kommt uns jetzt zugute.»

«Es gibt noch immer Menschen, die noch nie von einem solchen Angebot gehört haben.»

Vera Kessens vom Biogarten Lieli

Während sich die Betreiberinnen von Bio Mio in der Zeit der Pandemie gegen ein Wachstum entschieden haben, verdoppelte der Biogarten Lieli, der auch in die Stadt Zürich liefert, sein Team. Im Sommer 2022 seien die Abozahlen dann eingebrochen, erinnert sich Vera Kessens, die den Hof vor drei Jahren zusammen mit ihrem Bruder übernommen hat. Vor rund 25 Jahren gründete ihr Vater einen Gemüseabo-Service, heute erhalten 1300 Abonnent:innen regelmässig Produkte aus biologischem Anbau. Kessens glaubt, dass der Markt viel Potenzial hat: «Es gibt noch immer Menschen, die noch nie von einem solchen Angebot gehört haben.» Projekte wie Grassrooted sieht sie deshalb auch nicht als Konkurrenz. 

Ganz aufhören werden sie auch ohne «Gemüseretter:innen»-Abo nicht, stellt Janina Finger klar. «Wir werden die freie Zeit nutzen, um anderes anzugehen.» Und vielleicht sei es auch «okay», dass das Projekt zu Ende geht, damit wieder Platz für Neues entsteht.

Bei Tsüri.ch gibt es übrigens auch ein «Abo» – aber nicht für Gemüse.

Jetzt Tsüri-Member werden und lokalen Journalismus unterstützen.

Ja, ich bin dabei!

Das könnte dich auch interessieren

Suchst du eine Wohnung in Zürich? Wir haben für dich die preiswertesten ausgesucht.

Bezahlbare Wohnungen in Zürich

Gerade mal 0,07 Prozent der Wohnungen in der Stadt Zürich standen letztes Jahr leer. Tausende Menschen auf Wohnungssuche spüren die prekäre Lage jeden Tag. Wir veröffentlichen hier täglich Wohnungen in Zürich, die vernünftige Mietpreise haben.

Von Anna Shao
Spheres 1 (1)
Tipps aus der Community

Die 5 besten Sommer-Bars

Der Sommer ist endlich da! Hier liest du, in welchen Zürcher Bars du die Abendsonne am besten geniessen kannst.

Von Emilia Geisel
Kastanienbäume Neumühlequai
Baustelle am Neumühlequai

Stadt will 63 Kastanienbäume fällen – Klimavereine starten Petition

Am Neumühlequai sollen 63 Kastanienbäume verschwinden, weil sie während einer Baustelle die Rettungseinsätze behindern. Nun wollen Klimaschützer:innen die Bäume retten.

Von Isabel Brun
teaser
Taylor Swift in Zürich

Hunderte Swifties warten vor dem Letzigrund auf ihr Idol

Menschen aus der ganzen Welt reisen nach Zürich, um Taylor Swift live zu sehen. Ihre Outfits schillern in der Sonne, während sie schon Stunden vor der Türöffnung vor dem Letzigrund Schlange stehen.

Von Noëmi Laux

Kommentare