«Fraue figgä und verhaue» – Schämt euch, FC Schaffhausen!

Redaktorin Laura Kaufmann wollte dieses Wochenende einfach nur Fussball schauen, und keine feminstistischen Texte schreiben. Doch am Sonntagabend erschütterte ein schwerer Sexismus-Skandal die Fussball-Schweiz. Beim Spiel zwischen Winterthur und Schaffhausen zeigte sich, dass auch dieser Sport nur ein Abbild unserer Gesellschaft ist.
27. Mai 2019

Titelbild: Facebook/toja_rauch

«Winti Fraue figgä und verhaue» – am Sonntagabend hielten die Fans des (männlichen) FC Schaffhausen im Winterthurer Gästesektor ein Banner mit dieser Aufschrift hoch. Unverblümt fordern sie damit öffentlich zur Vergewaltigung von Fussballerinnen des FC Winterthur auf.

Erst eine Woche ist es her, seitdem das gfs Bern in einer repräsentativen Umfrage schockierende Zahlen über die Dunkelziffer bei sexueller Belästigung und Vergewaltigung in der Schweiz veröffentlichte. Jede achte Frau hat bereits «Geschlechtsverkehr gegen ihren eigenen Willen erlebt» – wurde also vergewaltigt. Doch das scheint die Fankurve des FC Schaffhausens kalt zu lassen.

Schaut man sich das zweite Banner («und verhaue») an, sieht es ganz danach aus, als hätte der Vergewaltigungsaufruf nicht gereicht. Die Schaffhauser Kurve möchte gleich auch noch darauf aufmerksam machen, dass wir in der Schweiz nicht nur ein Problem mit sexueller Gewalt haben, sondern ganz allgemein mit Gewalt gegen Frauen. Danke für den friendly reminder!

«Wenigstens hend mir Fraue. Fight Sexism!»

Eine Spielerin des FC Winterthur äusserte sich gestern Abend auf Facebook zum Vorfall: «Das soll die Schaffhauser Antwort sein auf das Auswärts-Plakat ‹D Winti Fraue händ meh Fans als ihr!› ??! [...] Das ist purer, gewalttätiger Sexismus, und ihr solltet euch schämen. Auf der Schützi, in Winti, und verdammt nochmal überall sonst auf der Welt haben solche Aussagen keinen Platz. Und wisst ihr was? Das Einzige, was ihr damit auslöst, ist eine noch stärkere Winterthurer-Fangemeinschaft gegen Gewalt, Sexismus und Rassismus. Well done, you idiots!»

Der FC Winterthur untersagt gemäss seiner Sozialcharta offiziell «jegliche Form von Diskriminierung, sei es aufgrund von Geschlecht, Rasse, Nationalität, Religion, Homosexualität oder Behinderung».Die Winterthurer Fankurve hatte denn auch während des Spiels mit einem improvisierten Banner mit der Aufschrift «Wenigstens hend mir Fraue. Fight Sexism!» geantwortet.

Quelle: Facebook

Die Antwort des FC Schaffhausen

Am Sonntagabend findet sich auf der Webseite ein Matchbericht – der Vorfall wird jedoch mit keinem Wort erwähnt. Beim FC Schaffhausen scheint man noch nichts von der #metoo-Debatte mitbekommen zu haben. Darauf zu hoffen, dass dieser Fall nicht publik wird, ist schlicht und einfach naiv und unprofessionell, bereits berichten verschiedene Medien darüber. Gemäss «Schaffhauser Nachrichten» werde der Verein den Vorfall erst mit dem FC Winterthur besprechen, bevor er sich öffentlich dazu äussert. Im Jahr 2019, in Zeiten von Social Media – und über 20’000 aktiven Fussballerinnen, mit denen sich der FC Schaffhausen soeben angelegt hat, wäre das einzig Richtige eine umgehende Entschuldigung und Distanzierung von solchen Aussagen. Eine öffentliche Vergewaltigungsaufforderung ist keine interne Angelegenheit. Heute Mittag wurde der Druck auf die Vereinsleitung dann wohl gross genug und sie konnte sich dazu durchringen sich in aller Form von Diskriminierung, Gewalt und Sexismus zu distanzieren: «Solche Transparente dürfen nicht toleriert werden.» Eine so späte Stellungsnahme nach medialem Druck hat einen schalen Beigeschmack.

Auch die sogenannte Schaffhauser Bierkurve äusserte sich über Facebook zum Vorfall. Die Antwort klingt widersprüchlich und mehr nach Schönreden denn nach einer Entschuldigung. In ihrer Kurve sei niemand frauenfeindlich oder gewalttätig gegenüber Frauen. Es habe sich um eine beabsichtigte Provokation gehandelt, die aufgegangen sei. Danach folgt die übliche Floskel «Mir möchtet üs hiermit au bii allne entschuldigä wo sich dur da Spruchband ahgriffe gfühlt händ! Es isch chli unüberleit gsii, bzw. nid bis as end denkt...». Die Bierkürvler fordern also angeblich zum Spass zu Vergewaltigung auf. Und bis ans Ende denken hätte wohl bedeutet, sich der medialen, rechtlichen und sozialen Konsequenzen bewusst sein, die sie nun tragen müssen.

Auch die Zürcher SP-Regierungsrätin Fehr kritisiert den Skandal auf Twitter.

Gegenüber dem News-Portal Nau sagte Liga-Sprecher Guggisberg knapp: «Wir kümmern uns darum. Dieser Fall geht an die Disziplinarkommission.» Das ist das mindeste. Eine klare und deutliche Verurteilung wäre ein wichtiges Zeichen für den Schweizer Fussball gewesen. Wenn es um Menschenrechte wie Diskriminierungsschutz geht, gibt es keine Neutralität.

Screenshot FB-Seite des FC Schaffhausen.

Einige der weltbesten Fussballerinnen im WM-Quali Finalspiel gegen die Schweiz im gut gefüllten Heimstadion des FC Schaffhausen.

Der Ursprung des Konfliktes

Wie so oft entstehen Fan-Banner dieser Art im Zuge mehrerer gegenseitiger Provokationen. Ob ein Banner mit der Aufschrift «sogar d Winti Fraue händ meh Fans als ihr» in einer Kurve, die sich als links bezeichnet, wirklich passend ist, sei dahingestellt. Männer damit zu provozieren, dass «sogar Frauen besser sind», ist aus feministischer Sicht nicht unproblematisch. Sie gehört in die Ecke der «sogar meine Mutter...»-Sprüche, über deren Sinn und Unsinn ruhig auch diskutiert werden darf. Bei Vergewaltigungs-Witzen oder wie in diesem Fall gar Aufforderungen hat der Spass jedoch definitiv ein Ende.

Arme Fussballerinnen, böse Fussballfans?

Wie im Artikel «Mehr Frauenfussball – aber bitte nur mit Skandal» bereits erwähnt, stürzen sich die Medien auch auf diesen Fall. Er passt zu schön ins Schema «arme Fussballerinnen, böse Fussballfans». So pauschal trifft beides nicht zu.

Ja, Fussballerinnen sind gegenüber ihren männlichen Pendants massiv benachteiligt. In der Schweiz existiert nach immerhin 51 Jahren Frauenfussball noch immer keine professionelle Frauenfussball-Liga. Trotzdem spielen Teams wie die FCZ Frauen regelmässig in der Women’s Champions League mit. Mitleid brauchen diese Frauen nicht – höchstens Unterstützung.

Genauso wenig sind alle Fussballfans gewalttätig, rassistisch und sexistisch. Sie sind schlicht ein weiteres Abbild unserer Gesellschaft. Und diese Gesellschaft hat ein Problem mit Sexismus sowie physischer und sexueller Gewalt gegen Frauen. Letztere zieht sich durch alle Ebenen, weshalb wir Sexismus auch in Fankurven thematisieren müssen. Dies wünschte sich auch Antje Grabenhorst, mit der ich mich im Winter ausführlich über dieses Thema unterhalten hatte.

Was hat das mit dem Frauenstreik zu tun?

Ihren Erfolg und die vielen Fans verdanken die FC Winterthur Frauen, die aktuell in der 1.Liga spielen, mitunter der Fussballerin und Neo-Kantonsrätin Sarah Akanji. Sie packte das Projekt FC Winterthur Frauen vor zwei Jahren an, baute ein Team auf und führte es zum Erfolg – eine respektable Leistung. Ein solcher Erfolg und dazu noch in einer Männerdomäne scheint nicht allen zu gefallen. So lange dies zu so heftigen Reaktionen führt, ist ein Frauenstreik nötiger denn je. Denn eigentlich sollten wir über die Löhne und Trainingsbedingungen von Fussballerinnen diskutieren und nicht darüber, unter welchen Bedingungen Vergewaltigungsaufforderungen und Vergewaltigungen strafbar sind – inakzeptabel sind sie immer.

In diesem Kampf für Gleichberechtigung dürfen, ja sollen uns die Männer unterstützen, so wie auch BVB-Spieler Manuel Akanji stets hinter seiner Schwester stand.

Redaktorin und Fotografin

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