Das Schweigen der Männer – wo sind die Feministen?

An der Zürcher Demonstration gegen «Gewalt gegen Frauen» waren auffällig viele Männer anwesend. Eine erfreuliche Entwicklung, denn Männer sind nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung. Doch damit tun sich bisher beide Seiten schwer, wie die Diskussionen um den aktuellen Hashtag #menaretrash zeigen.
21. August 2018

«Schlegi, Schlegi, Schlegi!» Schaulustige Mitschüler*innen feuern die zwei Buben an. Der Sieger wird als Held gefeiert, der Verlierer steht in einer Ecke und weint. Als Letzter betritt er das Klassenzimmer, setzt sich hin, versteckt sein Gesicht hinter seinen Händen. Die Lehrperson tadelt den Schläger. Er erhält eine «Ströfzgi». Sein Ansehen steigt trotzdem. Mit Gewalt kommt man weiter. Das wird Männern von der Gesellschaft schon im Kindesalter vermittelt.

Der Angriff einer Gruppe Männer gegen eine Frau und vier weitere Frauen, die ihr zu Hilfe eilen wollten, beschäftigt die Schweiz seit bald zwei Wochen. Doch anstatt die Gewalt zu verurteilen, beklagen sich gewisse Männer in den Kommentarspalten von Zeitungen und sozialen Medien «aber Männer sind auch von Gewalt betroffen» und «nicht alle Männer sind böse». Ein paar andere Männer solidarisieren sich mit den Frauen und nehmen an Demonstrationen teil. Beide Lager haben recht. Deshalb braucht es für einen gesellschaftlichen Wandel nicht nur Feministinnen, sondern auch Feministen.

Wie steht es um die Gewalt in der Schweiz?

Hat man vergangene Woche die Berichterstattung der Schweizer Medienlandschaft mitverfolgt, ist der Eindruck entstanden, die Gewalt sei gestiegen. Der statistische Trend geht hingegen seit mehreren Jahren in die entgegengesetzte Richtung: Die Gewalt nimmt ab.

Wenn Männer anmerken, dass sie öfters Opfer von Gewalt werden, haben sie recht, denn 56 Prozent der Gewaltopfer sind männlich. Allerdings werden Gewaltstraftaten auch in 80 Prozent der Fälle von Männern verübt. Frauen sind stark von häuslicher Gewalt betroffen, Männer werden häufiger Opfer von Gewalt im öffentlichen Bereich.

Nun macht es aber wenig Sinn, Opfer gegeneinander abzuwägen. Niemand soll Opfer von Gewalt werden. Es gilt also die Ursachen zu bekämpfen und sich zu fragen, woher diese Gewalt kommt. Ohne zu verneinen, dass es auch Frauen gibt, die Männer töten, schlagen oder bedrohen, bleibt es leider augenscheinlich: Gewalt geht im Normalfall von Männern aus.

Teilnehmer*innen der Demonstration «gegen Gewalt an Frauen». Bild: Laura Kaufmann

Die Angst davor sich als Feminist zu bezeichnen

Nach der #allefüreine-Demo am Sonntag wollte ich von einigen anwesenden Männern wissen, weshalb sie sich gegen Gewalt an Frauen einsetzen. Dies hat zu Erstaunen seitens der Frauen geführt. Weshalb ich ausgerechnet den Männern das Wort geben möchte, wenn es doch um Frauen geht? Weil Gewalt gegen Frauen Gewalt von Männern ist.

Auch die Männer waren erstaunt darüber, zu Wort zu kommen. Sie haben sich vermutlich bereits daran gewöhnt, dass die Diskussion um den Feminismus zwischen Feministinnen und Kommentarspalten-Proleten ausgetragen wird. Ausserdem ist die Angst, des Mansplainings bezichtigt zu werden bei sensibilisierten Männern gross. Den meisten ist es recht, wenn sie in Ruhe gelassen werden.

Trotzdem nehmen immer mehr und mehr Männer an Frauen*-Demos teil, sofern sie nicht davon ausgeschlossen werden. Dies beobachtet auch der Mediensprecher der Dachorganisation männer.ch Nicolas Zogg. «Ich beobachte eine zunehmende Solidarisierung von Männern», sagt Zogg. «Geht es jedoch ans Eingemachte, um eine qualifizierte Solidarisierung, zieren sich die Männer, sich öffentlich zu äussern. Sich mit den eigenen Männlichkeitsnormen auseinanderzusetzen, ist komplex und unbequem. Männer sind Teil vom Problem und Teil der Lösung. Auch sie sollten sich am Dialog über Feminismus, Gleichstellung und Rollenbilder beteiligen.» Bei vielen Männern fehle das Bewusstsein für erlernte Männlichkeit. Sich einzugestehen, dass es nicht einfach nur natürlich ist, wie man ist. Die eigene Identität sei sowohl bei Männern, als auch bei Frauen noch immer stark an das Geschlecht gebunden.

Frauen sind seit Jahrzehnten daran, sich eine Pluralisierung der Rollen zu erkämpfen. Männer haben damit gerade erst begonnen. Es existieren noch veraltete Rollenbilder und werde hingenommen, dass Männlichkeit nicht sehr vielfältig ist. Männer müssen noch immer stark sein gegenüber Frauen und stark sein gegenüber anderen Männern. «Die meisten begreifen schon, dass sie darunter leiden», sagt Zogg «Wir sind nicht dumm. Doch es ist für einen Mann wirklich eine emotionale Herausforderung zu sagen, dass er leidet, dass er etwas nicht im Griff hat. Viele Männer sind durch die aktuellen Entwicklungen seit #metoo verunsichert und haben noch keine klare Haltung zur Thematik.» Dies sei in den sozialen Medien und in Diskussionen sichtbar. Männer, die meinten, dass sich der Feminismus gegen Männer richtet, hätten definitiv etwas falsch verstanden. Feminismus richte sich gegen Männlichkeitsnormen, nicht gegen Männer. Doch die Entwicklung gehe ganz klar mit einem Verlust von Privilegien einher. Dessen seien sich die Männer bewusst.

Nicolas Zogg befasst sich als Mediensprecher der Dachorganisation männer.ch unter anderem mit Männlichkeitsnormen. Bild: Luca Noelia

Was denken sie denn nun...die Feministen?

An der Demonstration gegen Gewalt an Frauen, fanden sich dann doch ein paar Männer, die bereit waren, ihre Solidarität mit dem Feminismus in aller Deutlichkeit kundzutun.

Dominic hat trotz seines jungen Alters eine klare Haltung. In den Augen des 17-Jährigen sind alle Menschen von Gewalt betroffen, Frauen jedoch noch in einem viel stärkeren Ausmass. Er trage wie jeder andere Mensch die gesellschaftliche Verantwortung, diese Missstände zu ändern, deshalb nehme er an dieser Demo teil. Es gehe nicht nur um Genf. Das sei ein globales, strukturelles Problem. Dominic setzt sich generell für die Anliegen des Feminismus ein. In der Öffentlichkeit zum Beispiel nähmen sich Männer oft ganz selbstverständlich mehr Raum. Und die Frauen geben ihnen diesen leider auch meistens, denn dieses Verhalten sei in unserer Gesellschaft noch immer stark verankert.

Der 40-jährige Lukas diskutiert nach der Veranstaltung mit Freund*innen. Er glaubt, dass solche Vorfälle nur die Spitze des Eisbergs sind. «Warum kommt der Aufschrei erst jetzt, wenn es doch so viele Beziehungsdelikte gibt, die in den Medien nicht auf grosses Echo stossen? Es bräuchte doch jedes Mal so einen Protest!» In seinen Augen hat das Problem des Frauenhasses und der sexualisierten Gewalt sehr viel mit der Rolle zu tun, in der Männer sozialisiert wurden. Für ihn ist der Fall klar: «Männer sind ebenfalls vom Patriarchat unterdrückt, wenn sie sich nicht versuchen davon zu befreien.»

Gemeinsam protestieren diese Menschen gegen Gewalt an Frauen. Bild: Laura Kaufmann

Auch der 23-jährige Luca findet es wichtig, dass Männer Solidarität zeigen, denn eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung könnten die Frauen nicht alleine erreichen. Feminismus bedeutet für ihn auch die Befreiung des Mannes. «Wir Männer müssen Verbündete sein, wenn es darum geht die strukturell bedingte, sexistische, patriarchale Gesellschaft zu verändern», sagt er. «Die Befreiung des Mannes von toxischer Männlichkeit, von Stereotypen, wie stark und krass sein zu müssen, keine Emotionen zeigen zu dürfen, diese möchte ich aufbrechen und sie sind für mich ganz klar ein Teil des Feminismus.» Sein Feminismus ist inklusiv und betrifft neben Frauen* und Männern* auch Queers. Er betont jedoch, dass Männer keinesfalls die Führungsrolle übernehmen dürfen oder die Aushängeschilder sein sollten und den Frauen vorschreiben, was sie machen sollten. «Wir müssen hinter ihnen stehen und sagen, ja, das unterstützen wir auch.»

#notallmen - Das Feld wird den Anti-Feministen überlassen

Immer wieder betonen Männer, dass es unfair sei, alle in denselben Topf zu werfen. Da haben sie recht. Doch in den Kommentarspalten unter feministischen Artikeln, auf Social Media und in den Medien zeigt sich das Problem. Wer am lautesten schreit, wird gehört. Die Anzahl Männer, die sich positiv äussert, ist so verschwindend klein, dass sie untergeht. Und so prägen machoide, unempathische Patriarchen die öffentlichen Diskussionen um den Feminismus. Das macht Frauen wütend und endet in Auswüchsen wie dem Hashtag #menaretrash. Männer sind kein Müll. In der Welt abseits des Internets gibt es zum Glück Männer, die eingreifen, wenn eine Frau belästigt wird. Verbal oder oft auch mit Gewalt. Hätten Männer in Genf eingegriffen, wären sie Helden. Im patriarchalischen Weltbild sind Männer Helden oder Weicheier, Sieger oder Verlierer. Dazwischen ist Leere – das Schweigen der Männer. Diese Lücke können nur Männer füllen, feministische Männer. Seite an Seite mit Feministinnen.

Letztes Bild und Titelbild: Ein männlicher Teilnehmer am Women's March im März 2017. Bild: Laura Kaufmann

Redaktorin und Fotografin

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