Le Clit – Dieses Klitoris-Graffiti war überfällig

Ein kunstvolles, neues Graffiti ziert Wände in der Stadt Zürich: «Le Clit» – Die Klitoris. Bis jetzt waren es patriarchale Penis-Tags, die in unserer Stadt nach sexueller Aufmerksamkeit schrien. Warum es höchste Zeit ist für dieses feministische Graffiti erklären Frauen aus Zürich.
06. August 2018

Stolz prangt sie auf der Wand auf der Wiese beim GZ Wipkingen: die Klitoris. Sie guckt neckisch hinter dem Graffiti «Fokus!» hervor. Ganz so, als ob sie uns sagen will, es sei verdammt nochmals Zeit auf die weibliche Sexualität zu fokussieren. Eine zweite Klitoris ist unweit an der Wasserwerkstrasse über einem omnipräsenten FCZ-Graffiti zu finden. Zürich hat ein neues Graffiti. Die Spur ist mit nur zwei Graffitis etwas vage, aber es ist aus vielen Gründen bemerkenswert.

«Eigentlich habe ich in der Schule selber nur Penise gemalt, nie eine Vagina, geschweige eine Klitoris», gesteht eine Freundin, etwas erschrocken über die Erkenntnis. Sie googelt die Klitoris, man weiss schon wie sie aussieht, zumindest ungefähr. Auf ein Notizblatt skizziert sie mit Schwung einen Penis. Daneben, vorsichtig, liebevoll, aber etwas ungelenk eine Klitoris.

«Eigentlich ist sie viel schöner, so verspielt.» Es ist die Entdeckung eines Organs: nicht in der intimen Sexualität, aber in der Öffentlichkeit. Das Graffiti der Klitoris hat Sprengkraft. Alleine das Foto von «Le Clit» auf dem Smartphone herumzeigen genügt offenbar, um eine Diskussion über die Phallus-Dominanz und die Unbekanntheit der Klitoris auszulösen. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Im richtigen Moment löst er einen Wirbelsturm aus: der Klitoris-Effekt.

Skizze der verspielten Klitoris im Vergleich mit einem Penis

«Le Clit» ist noch lange nicht so omnipräsent wie andere Graffitis: Das Rüebli, True Love oder der Hase. Aber es ist ein Anfang. Und vielleicht ist es Ausdruck von einer grösseren Sache, die in Zürich zu pulsieren beginnt.

Anfang dieses Jahres machten die KCBR-Frauen mit dem «Support your local vagina»-Schriftzug auf sich aufmerksam. Die Botschaft blieb etwas kryptisch: Sie zeigen sich im Film «KCBR – Live Life like Girls» als Nonnen verkleidet und sprayen «KC Pussies» und weitere Text-Graffitis auf Züge. Ein feministisches Ausrufezeichen, aber noch nicht zwingend auf die Sexualität bezogen. «Le Clit» wirkt da feinfühliger in der Sprache, durch die Einfachheit und Schönheit radikaler in der Botschaft. Die Klitoris ist noch nicht von der Umgangssprache verbraucht wie zum Beispiel «Pussy».

In den letzten Jahren haben Penis-Darstellungen das Zürcher Strassenbild dominiert, sagt die Grüne Gemeinderätin Elena Marti. «Die Penis-Graffitis sind für mich ein ziemlich klares Abbild der Mentalität unserer Gesellschaft, sie ist klar patriarchal geprägt.» Dass neue Bewegungen wie «Le Clit» jetzt Gegensteuer geben, freut die junge Politikerin: «Es wurde Zeit, dass frau diesem Bild die Stirn bietet.»

Warum nicht gleich eine Vulva sprayen?

Wer wohl hinter dem Graffiti steckt? Die Suche verläuft schleppend. «Du kennst doch eine Sprayerin. Vielleicht weiss sie etwas?» Natürlich gehört es zu den bestgehüteten Geheimnissen, wer ein Graffiti sprayt. Wir erinnern uns, das Sprayen ist in Zürich nur an wenigen Orten legal. Mit dem Graffiti ist aber vermutlich alles gesagt, was gesagt werden muss. Sonst hätten die Sprayer*innen eine andere Kunstform gewählt. Wer dahinter steckt ist egal. Ein Graffiti ist einfach da und gefällt oder missfällt. Auch die Klitoris kommt nicht überall gut an.

Die Street Art Künstlerin Gabriela Domeisen ist wenig begeistert von der Ästhetik der Graffitis: «Auf den ersten Blick dachte ich es sind Lungenflügel.» Das da wohl was anderes gemeint ist, habe sie nur durch den Text gemerkt. «Generell bin ich nicht gerade ein Fan von Geschlechtsteilen. Bis ich sie ästhetisch finde muss viel künstlerisches Potenzial dahinter stecken», sagt Domeisen.

Warum wurde ausgerechnet die Klitoris als Motiv gewählt und nicht die Vulva, welche von allen erkannt wird? Ein grosses Problem der weiblichen Geschlechtsteile sei die ständige Sexualisierung, sagt die Grüne Gemeinderätin Elena Marti. «Bei diesem Graffiti fällt die Sexualisierung weg und man spürt, dass etwas machtvolles und relevantes dargestellt wird.»

Das Graffiti am GZ Wipkingen ist mit dem Fokus-Graffiti verschmolzen.

Die Neuentdeckung der Klitoris

«Ich kann nicht an die Universität fahren, ohne etliche Brüste auf Modeplakaten zu sehen», sagt Nina Kunz. Sie ist Journalistin und Historikerin, aktuell doktoriert sie zur Frauengesundheitsbewegung der 1970er Jahre und deren Auseinandersetzung mit den weiblichen Geschlechtsorganen. «Der Frauenkörper ist heute omnipräsent, wird aber auf eine hohle Sexyness reduziert». Deswegen sei die Klitoris das perfekte Symbol, um weibliche Lust und Autonomie sichtbar zu machen, ist Kunz überzeugt.

«Dass eine Klitoris so in Zürich als Graffiti an mehreren Wänden prangt, ist alles andere als selbstverständlich!» Nur dank der Frauengesundheitsbewegung in den 70ern wurde die Klitoris in der Medizin überhaupt ernsthaft erforscht (u.a. als Lustorgan) – zuvor wurde das Organ entweder ignoriert oder als Ursprung aller möglichen Krankheiten, wie etwa der Hysterie, stilisiert. Dass die Klitoris ein komplexes, vergleichsweise grosses Organ ist, wurde in der Fachwelt erst vor gut zwanzig Jahren belegt – was absurd ist, da dieses Wissen unabdingbar ist für eine gleichberechtigte Sexualität.

Die Gleichberechtigung beim Sex sei auch heute noch nicht gegeben. Man rutsche rasch in klischierte Muster zurück, weil man seit jeher mit einem Bild von Sex konfrontiert sei, das Geschlechterklischees reproduziert. «Diese zu brechen ist oft ein Effort – besonders, wenn man betrunken oder verliebt ist», so Kunz. Zudem gäbe es noch viele Mechanismen, welche die weibliche Sexualität auch heute noch klein halten. Der Kampf sei gekoppelt mit dem Kampf um Emanzipation oder Gleichstellung generell (etwa beim Thema Lohngleichheit), so die Historikerin.

«Viele erkennen die Klitoris nicht!»

Sexualpädagogin Linda Bär hat das Graffiti auf Facebook geteilt: «Neues Lieblings-Graffiti. Aufklärung für alle.» Was sie in Schulzimmern zu vermitteln versucht, dringt endlich in die Öffentlichkeit: «Ich werde oft überrascht wie viele Menschen nicht wissen, wie eine Klitoris aussieht.» Gerade, dass die Schenkel bis zu neun Zentimetern lang sein können, wissen viele nicht. Es sei gut, dass sie hier als Graffiti gezeigt werde. Die Klitoris ist das einzige Organ des Menschen, welches nur für die Lust existiert. Sie hat extrem viele Nervenenden und kann anschwellen. Sichtbar ist nur ein kleiner Teil des Organs, die Klitoris-Eichel.

Es gibt weniger Abbildungen und weniger Namen für das weibliche Geschlechtsorgan, sagt Bär. Die Sexualität sei eher auf die stereotypischen männlichen Bedürfnisse ausgerichtet. «Das Graffiti ist ein Zeichen dafür, dass es eine Gegenbewegung gibt!»

Linda Bär, Sexualpädagogin findet das Graffiti wichtig.

Auch ein solches Zeichen aus Zürich ist die Gruppe Aktivistin.ch. Die feministische Bewegung, welche seit 2015 mit Guerilla-Aktionen auf sich aufmerksam machen, schaffte es mit Bildern von rot gefärbten Zürcher Brunnen bis in die New York Times. Sie forderten günstigere ÖV für Frauen wegen der Lohndiskriminierung. Könnten sie hinter den Klitoris-Graffitis stecken?

Nein, sagen sie. Man wisse nichts von der Aktion, habe aber die Graffitis schon gesehen. Gefallen findet die Aktivistin.ch an den Graffitis trotzdem: «Frauen* sollen als Subjekte ihrer Sexualität wahrgenommen werden. Solche Graffitis können auch zu Gesprächen anregen, was toll ist.» In diesem Sinne: Sprich über die Klitoris, Zürich!

Hast du ein Klitoris-Graffiti entdeckt? Oder hat dich der Text zu einer Skizze einer Klitoris inspiriert? Schick uns doch ein Foto davon an info@tsri.ch

Bilder: Conradin Zellweger

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