Als Feministin am Money Boy-Konzert

«Fickst du deine Bitch? Yo! Bist du broke? No! Bist du rich? Yo! Lickst du Dicks? No!» Drei Minuten Call and Response im ausverkauften Dynamo Werk 21. Seit sieben Jahren im Rap-Business, 342’000 FB-Fans, Videos mit vier Millionen Klicks - Money Boy fasziniert. Aber ist das in Ordnung, solche Dinge zu sagen? Meint der das ernst?
17. Januar 2018

Im Backstagebereich hängen Money Boy, Hustensaft Jüngling, der DJ und eine Frau auf Sofas. Auf dem Tisch stehen die Verpackungen eines Take-Away Services und eine Flasche Hennessy. Money Boy trägt ein weisses T-Shirt, eine schwarze Kappe mit Logos, und um seinen Hals hängt eine Goldkette mit Dollarzeichen. Die 36 Jahre sind ihm nicht anzusehen. Er hält anständig die Hand vors Gesicht, als er dem Veranstalter mit vollem Mund antworten muss. Money Boy steht auf, um sich die Hände zu waschen. Der Mann ist ein Riese. Beim Betreten des Werk 21 hat er sich den Kopf angeschlagen. Sowas komme sonst nie vor, sagt mir später jemand vom Dynamo. Detailliert schildert Money Boy seinen Jungs, wie er einmal träumte, er sei Pizzakurier. Sie lachen. Der Rapper ist ein richtig guter Geschichtenerzähler.

Video: Laura Kaufmann

Ausführlich beantwortet er im Interview (siehe oben) die Fragen zu seinem Austauschsemester an der University of Illinois, Harvey Weinstein, der Rap-Szene und seiner Vorstellung von guten Pädagog*innen. Es macht Spass ihm zuzuhören. Das ist nicht der plumpe Money Boy aus den Videos, der immer von Markenkleidern spricht und inflationär «Yo» und «Was geht ab» sagt. Dieser Mann hat Charisma und Charme. «Ich kam schon früher gut an bei Frauen. Sie mögen meinen Humor und wissen, dass sie mit mir eine gute Zeit haben können.»

Während Money Boy weitere Interviews gibt, spielt draussen bereits die Vorband. «I bi futzdruff, cha nüt mache degäge, [...], I cha nur eimol läbe», rappen da ein paar junge Männer in breitestem Ostschweizer Dialekt über einen Trap-Beat. Sie sehen aus als wäre keiner älter als zwanzig Jahre. Vor der Bühne stehen um die zwanzig eingefleischte Fans, rappen mit, und springen auf und ab. Nach und nach füllt sich der Saal. Ein Pärchen tanzt ausgelassen, sie reibt ihren Po an seinem Bein. Als sie sich zu ihm umdreht, brechen beide in lautes Gelächter aus.

Das Geschäft mit dem Merchandise läuft gut. Fünf Jungs um die sechzehn kaufen sich das gleiche rote T-Shirt mit einem Totenkopf und «Dinero»-Aufschrift. Sie ziehen es sogleich an. So kommt wenigstens ein bisschen «Glow Up Dinero Gang» Swag auf. Die Frau am Stand ist immer mit dabei bei den Konzerten. Das Publikum sei immer sehr ähnlich. Im vordersten Drittel sind die Hardcore-Fans. Sie können alle Texte auswendig. In der Mitte sind die normalen Fans. Im hintersten Drittel stehen die unbeteiligten Zuschauer*innen. Sie kommen nur «um sich das mal anzuschauen». Die letzten neun Konzerte seien alle ausverkauft gewesen, was die Veranstalter*innen natürlich freut. Januar und März seien bereits komplett ausgebucht mit Konzerten, im Februar gebe es noch das eine oder andere freie Datum. Das meinte Money Boy wohl mit «Ich habe mein Business jetzt im Griff».

An der Bar steht die Studentin Leah. Ihr Freund arbeitet im Dynamo, deshalb ist sie hier. Wir drängen uns zurück in den Saal. Die Meute dreht durch, schreit minutenlang «Money Boy, Money Boy, Money Boy». Dann kommen Money Boy und Hustensaft Jüngling auf die Bühne. Die Leute sind begeistert. Wir stehen hinten im Saal und sind weit und breit die einzigen Frauen. Zehn Minuten nach Beginn des Konzertes haben bereits drei Männer angeboten, Leah auf die Schultern zu nehmen, damit sie etwas sieht.

Alle Bilder: Laura Kaufmann

«Hittas woll'n wie ich sein, Bitches woll'n den Dick rein, ich hab' eine Villa, komm und wirf mal einen Blick rein, und du siehst teure Möbel und so, ich bin fly, so wie Vögel und so. Eine Bitch muss für mich bügeln und so oder ich verprügel' die Hoe. Geld ist mein Parfum, Bitches lieben diesen Duft. Ich krieg' Neck in einem Jet, tausend Meter in der Luft», rappt Money Boy im Song «Monte Carlo». Ganz vorne rappen alle mit. Ein Mann um die Dreissig johlt vor Freude und lacht. Plötzlich wird ein junger Mann von drei Freunden aus der Menge getragen. Er scheint ohnmächtig zu sein. «Kein Wunder, manche Kiddies standen draussen mit Codein-Sirup in der Hand an», sagt ein Typ in seinen Dreissigern.

Money Boy und Hustensaft Jüngling sind gute Entertainer. Zwischen den Stücken halten sie das Publikum mit Sprüchen bei Laune, fragen in die Menge: «Wer von euch hat schon mal Codein gesippt? Wer von euch hat schon mal eine Bitch gefickt?» Das ganze Publikum johlt. Wie viele dieser Typen hatten wohl tatsächlich schon mal Sex?

Die Beats sind gut. Alle rappen mit: «Ich fick die Hoe, fick die, fick die, fick die Hoe.» Die Stimmung erinnert an Fangesänge während eines Sportanlasses.

In der vordersten Reihe stehen die Hardcore-Fans und die anwesenden zehn Prozent Frauen. In der dritten Reihe entsteht so etwas Ähnliches wie ein Moshpit. Frauen strecken die Arme vor sich aus, um nicht umgestossen zu werden.

Nach dem Konzert spreche ich einen jungen, dunkelhäutigen Basler neben mir an. Er ist mit Freund*innen hier und hatte alle Texte mitgerappt. Was fasziniert ihn so an Money Boy? «Der Typ ist einfach verdammt lustig - online und live. Es ist ihm scheissegal, was die anderen über ihn denken. Das bewundere ich. Sonst höre ich vor allem Rap aus den USA, wie beispielsweise Kendrick Lamar oder J.Cole.»

Inzwischen ist Hustensaft Jüngling aus dem Backstagebereich gekommen. Einige Jungs, alle bestimmt jünger als zwanzig, wollen Selfies mit ihm machen.

Ganz hinten in der Ecke steht eine Frau und beobachtet die Szenerie. Sie finde so etwas absolut daneben. Sie habe zwar nur die letzten 20 Minuten des Konzertes gesehen, aber das habe ihr gereicht. «Diese Texte sind sowas von frauenfeindlich. Und zweihundert Männer grölen diese Texte lautstark mit und finden das ok. Ich arbeite nebenbei in einem Club. Dort finden auch manchmal Trap Partys statt. Das Publikum ist wie hier sehr jung. Diese Texte im Trap sind sowas von sexistisch. Ich finde das absolut daneben. Und das mit der Ironie und so, sorry aber das ist keine Ausrede.»

Am Merchandise-Stand kauft sich ein junger Mann mit Militärhelm einen Fan-Pulli. Der Helm ist mit Stickern beklebt. Auch sonst wirkt er mehr wie ein Punk. Darauf angesprochen sagt er: «Früher habe ich keinen Trap gehört. Vor drei Jahren hat mich ein Freund darauf aufmerksam gemacht und die Musik gefiel mir. Ich finde Money Boy super. Er hat sich auch technisch verbessert in den letzten Jahren. Und schau dir mal die Leute an, die an diesem Konzert waren. Das sind ganz verschiedene Menschen, vom Bauarbeiter bis zu Leuten, die studiert haben, Städter, Landeier, Teenies und Leute um die Vierzig. Wo gibt es das sonst?”

Was nach diesem Abend bleibt, ist vor allem Verwirrung. Und Kunst, die verwirrt, ist gut. Backstage war Money Boy freundlich und witty, auf der Bühne unterhaltsam, aber auch sexistisch und pervers. Die Männer am Konzert skandierten sexistische Lines, dieselben Männer luden an der Bar Frauen schüchtern auf Drinks ein.

«Wenn die Frauen deinen Sound abfeiern, dann hast du es geschafft. Die ganz Grossen aus den USA, wie zum Beispiel Drake, die haben viele Frauen an ihren Konzerten», sagte Money Boy beim Interview vor dem Konzert. Auf seinem neuesten Track «Rap up 2017» hat er bewiesen, dass er intelligent genug ist, auch ohne frauenfeindliche und demütigende Lines Songs zu schreiben, die bei den Fans gut ankommen. Money Boy kennt die Geschichte des Hip-Hops, und weiss mit Sicherheit, dass Rap nicht immer frauenfeindlich war. Er sei noch nicht auf seinem musikalischen Zenit angelangt. Vielleicht ist das der Weg dorthin?

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