«Auch in unpolitischen Fankurven gibt es nicht nur unterdrückte Frauen»

Jedes Wochenende das Heimstadion besuchen oder zu Auswärtsspielen des eigenen Fussballvereins fahren – das ist bei weitem nicht nur Männersache. Den weiblichen Fans und Ultras ist die Wanderausstellung «Fan.Tastic Females» gewidmet. Antje Grabenhorst und ihr Team geben ihnen in 80 Videoporträts ein Gesicht.
15. Februar 2019

Wenn Leute das Wort Fussballfan hören, denken sie oft an eine Horde bärtiger, biertrinkender, gewaltbereiter Männer. So werden sie auch in den Medien oft dargestellt. Dabei geht vergessen, dass die Fanszene sehr divers ist und der Frauenanteil in europäischen Stadien doch rund 20 Prozent beträgt. Die DIY-Wanderausstellung «Fan.Tastic Females» möchte dieses Bild korrigieren, indem sie in Videos weibliche Fussballfans aus 21 verschiedenen Ländern porträtiert.

Aktuell ist die Ausstellung bis am Sonntagabend auf dem Park Platz in Zürich zu sehen. Das Konzept ist insofern speziell, als dass die Videos vor Ort auf dem eigenen Smartphone angeschaut werden und die Ausstellung von Freiwilligen von Stadt zu Stadt transportiert wird. Projektkoordinatorin Antje Grabenhorst ist im Rahmen der Ausstellung in Zürich zu Besuch. Grabenhorst kommt aus Bremen und ist selbst bekennender Fan des SV Werder Bremen. Heute Abend, am 15. Februar 2019, wird sie den Vortrag «Perle aus’m Block» zu weiblichen Ultras halten. Unsere Redaktorin Laura Kaufmann hat sich im Vorfeld mit ihr unterhalten.

Wie kam es zur Ursprungsidee dieser Ausstellung und was wollt ihr damit erreichen?

Die Idee ist 2010 auf einem der jährlichen Kongresse des Fannetzwerkes «Football Supporters Europe» (FSE) in Barcelona aufgekommen. Im Rahmen eines Workshops zum Thema «Frauen im Fussball» haben wir viel über Sexismus und die negativen Seiten des weiblichen Fantums gesprochen. Eine Ausstellung über die weibliche Fankultur zu machen, war einer der Lösungsansätze.

Es hat dann bis 2016 gedauert, bis wir mit dem Konzept begonnen haben. Im März 2017 reisten wir in die Türkei und führten dort das allererste Interview. Wir sprachen mit Gülistan, die den Verein Amedsport aus der kurdischen Stadt Diyarbakir als Fan unterstützt.
Im Prinzip geht es darum, die Vielfalt weiblicher Fankultur sichtbar zu machen und die positiven Aspekte zu bestärken, ohne auszuklammern, was noch immer falsch läuft.

Was hat dich selbst am meisten beeindruckt an den Frauen in den Videos der Ausstellung?

Mich hat beeindruckt, wie viele Frauen negative Erfahrungen mit Ausschlüssen oder Sexismus gemacht haben, das Stadion aber immer noch ganz selbstverständlich als ihr Zuhause sehen. Sie lassen sich den Raum nicht nehmen, sind leidenschaftlich und in ihrer Liebe zum Spiel und Verein unerschütterlich. Wir haben super viele starke, interessante und total unterschiedliche Frauen getroffen: Junge, Alte, eine Frau im Rollstuhl, eine lesbische Mutter, die mit hauptsächlich männlichen Ultras arbeitet, Aktivistinnen, weibliche Fans des Nationalteams, Frauen in Führungspositionen, um nur einige davon zu nennen.

Antje Grabenhorst während ihres Vortrages zur Ausstellung auf dem Park Platz.

In Zürich gibt es keine Frauenfangruppe. Was hältst du für die nachhaltigere Herangehensweise, eine eigene «all female» Gruppierung zu gründen oder sich als Frauen einen Platz innerhalb einer männerdominierten Gruppierung zu erkämpfen?

Ich denke, die erste Herangehensweise passiert manchmal ganz spontan, hin und wieder aber auch sehr bewusst. Sie bietet den Vorteil, eine gemeinsame Stimme zu haben, macht Frauen sichtbarer und führt zumindest innerhalb der Gruppe weniger zu Ausschlüssen. Ich kann es gut verstehen, in einer «all female» Gruppe sein zu wollen, aber auch, wenn Frauen sagen, dass das nichts für sie wäre und sie sich eher in bestehenden Gruppen einbringen wollen. Langfristig gesehen ist das vielleicht die bessere Lösung, weil wir ja eigentlich von dem ständigen Anderssein und Sonderstatus weg wollen und stattdessen gemeinsame Sache machen. Je nach Ort und Person hat das dann mehr oder eben auch weniger mit einem Kampf zu tun. Wir haben auch Frauen in der Ausstellung interviewt, die gesagt haben, dass sie noch nie mit Sexismus konfrontiert waren oder im Fussball negative Erfahrungen gemacht haben.

Wie siehst du den Zusammenhang zwischen Städten mit einer starken linken Bewegung und der Akzeptanz und/oder Präsenz von Frauen in den Kurven?

Zum einen habe ich schon den Eindruck, dass man in eher politischen Kurven, welche sich aktiv gegen Diskriminierung aussprechen, eine höhere Anzahl weiblicher Fans findet. Zum anderen glaube ich, dass sich Frauen dort auch ganz anders bewegen können. Wenn ich das jetzt mal auf Ultragruppen beziehe, können sie beispielsweise auch mal auf den Zaun klettern, in den ersten Reihen stehen oder in wenigen Fällen sogar als Vorsängerin präsent sein – also Räume und Positionen einnehmen, die sonst eher klassisch männerdominiert sind und wo man sich erst einmal trauen muss, überhaupt hinzugehen. Es wäre trotzdem ein Trugschluss zu sagen, dass es in unpolitischen Kurven kaum oder nur unterdrückte Frauen gibt. Auch in diesen Kurven gibt es Frauen, die selbstverständlich dazu gehören, genauso, wie es in linken Kurven auch Sexismus und dominant männliches Verhalten gibt.

Würdest du sagen, dass die Mehrheit der Frauen in Fankurven einen links-feministischen Background haben?

Nein, absolut nicht. In linken Gruppen oder Kurven gibt es bestimmt mehr Frauen, die sich eben als politisch oder feministisch bezeichnen würden. Ich würde sagen, die Mehrheit der Frauen im Stadion ist einfach da, weil sie gerne Fussball schauen oder ihren Verein lieben, vielleicht auch weil sie die roughe Atmosphäre schätzen und sich auch mal einen hinter die Binde kippen wollen. Ich schätze, hier steht es wie mit dem Rest der Gesellschaft: Du kannst extrem stark und selbstbewusst sein, dich durchsetzen, aber musst dich noch nicht automatisch als Feministin definieren oder fühlen – auch wenn deine Präsenz und Durchsetzungskraft durchaus etwas Feministisches haben kann. Für viele ist diese Bezeichnung leider mit Klischees behaftet oder mit negativen Assoziationen verbunden. Imke Wübbenhorst, die erste Trainerin einer deutschen Männermannschaft in der Oberliga, sagte letztens, sie sei keine Feministin, aber ganz gerne eine Frau. Wübbenhorst hat ständig witzige und gute Sprüche auf den Lippen, kontert sexisistische und nervige Sprüche mit Humor. Sie muss keine Feministin sein, um eine absolute Vorreiterin und Türöffnerin für andere Frauen zu sein.

Wie stehst du zu sexistischen Fangesängen? Wie kann man es als Gruppierung oder spezifisch als Frauen in der Kurve schaffen, solche Themen anzusprechen?

Es gibt sicherlich viele Wege, sexistische Gesänge oder eine sexistische Atmosphäre anzusprechen, sowie zu verändern. Ich finde sich zu organisieren und auszutauschen, ist da schon der erste Schritt. Auch Leute gezielt anzusprechen und darauf hinzuweisen kann helfen, ist aber vielleicht müssig. Es gibt gerade beim FC St. Pauli ein Kollektiv von verschiedenen Fans, welches als Reaktion auf eines der tausenden, sexistischen Spruchbänder von Dresdner Seite nun organisieren wollen, dass vor allem Frauen zum Rückspiel nach Dresden fahren. So etwas ist zwar nicht mein Fall, weil ich glaube, dass man dann eine grosse Angriffsfläche bietet und weniger provoziert, als erwünscht. Ausserdem fände ich einen guten Spruch besser, als dass keine Männer im Block sind. Trotzdem ist das eine Idee, die ihre Berechtigung hat und zeigt, dass man das Thema vielfältig angehen kann. Man kann genauso Sticker machen, eine Stellungnahme oder eine Infobroschüre schreiben, sich an den Verein wenden oder selber ein Spruchband malen. Das Wichtigste ist aber, möglichst viele Leute ins Boot zu holen und dass die Kritik auch für jede*n verständlich ist. Abgehobene und akademische Reaktionen erfreuen zwar das akademische Publikum, kommen aber nicht an. In manchen Kontexten ist es sicherlich auch komplizierter, Sexismus anzusprechen. Da braucht es einen längeren Atem. Ich würde trotzdem nicht aufgeben und weiterhin meine Meinung sagen, wenn mich etwas stört.

Wie denkst du: Könnte man mehr junge Frauen dafür begeistern ins Stadion oder sogar in die Fankurve zu kommen? Eine Frau aus der Türkei erzählte in einem Video von einem Spiel, bei dem nur Frauen teilnehmen durften. Was hältst du von solchen Aktionen analog dem jährlichen K.I.Z. Frauenkonzert?

Das passt ganz gut zu dem oben genannten Beispiel. Ich halte nicht so viel davon, nur Frauen ins Stadion gehen zu lassen. Gerade im Fall des Fenerbahçe-Spiels finde ich es problematisch, weil das eine Sanktion gegen Gewalt war, die suggeriert, dass alle Frauen immer friedlich sind und noch viel schlimmer – alle Männer es nicht sind. Das finde ich ein völlig falsches Zeichen und ist zusätzlich biologisch fragwürdig, weil es die Menschen komplett auf Mann oder Frau sein reduziert. Dennoch ist es ein beeindruckendes Bild, über 41’000 Frauen und Mädchen in einem Stadion zu sehen, die völlig abgehen und supporten. Es ist bestimmt auch für die Frauen und Mädchen ein ganz besonderes Ereignis. Sie können ausprobieren und sich Räume nehmen, die ihnen allenfalls vorher verwehrt geblieben sind. Wir haben in unserer Ausstellung eine Frau porträtiert, die überhaupt erst durch dieses Spiel ins Stadion gehen durfte und danach ihre Eltern überzeugt hat, weiterhin gehen zu dürfen. Heute ist sie in einer Ultragruppe. Auch in dieser Frage gibt es deshalb kein klares richtig oder falsch.

Das Zürcher Letzigund Stadion.

Wie siehst du die Zukunft des Frauenfussballs – sportlich wie auch auf Fanseite?

Es kann gut sein, dass der Frauenfussball in Zukunft noch populärer wird. Ich glaube der Männerfussball wird aber immer sichtbarer und präsenter sein, alleine, weil da so viel Geld und eben auch Geschichte drinsteckt. Dies soll nicht heissen, dass Frauenfussball keine Geschichte hat, ganz im Gegenteil. Aber Frauenfussball wurde ja bewusst kleingehalten, verboten, verlacht und hat es bis heute einfach schwer, ernst genommen zu werden, weil er ständig mit dem Männerfussball verglichen wird. Wenn wir als Gesellschaft davon wegkommen, beides ständig zu vergleichen und aufhören, uns mehr für die Frisuren und Maniküre der Spielerinnen zu interessieren als für das Spiel, ist uns schon sehr geholfen. Die wenigsten Frauen in unserer Ausstellung besuchen auch die Frauenteams, was ich vollkommen in Ordnung finde. Ich werde häufig gefragt, ob es nicht cool wäre, wenn mehr Frauen Frauenfussball schauen würden: Absolut, aber warum sollten das nicht auch Männer machen? Ab und zu schauen, wie es eigentlich gerade beim Frauenteam des eigenen Vereins läuft und ihnen auf Social Media folgen – jede*r kann einen kleinen Teil dazu beitragen, dass der Frauenfussball mehr auf die Agenda rückt.

Der Letzigrund beim Spiel FCZ Frauen gegen Bayern München.

Was sind deiner Meinung nach die dringlichsten Probleme im Fußball?

Ich schliesse mich da den Aussagen einiger der porträtierten Fan.Tastic Females an. Viele der Frauen kritisieren die Kommerzialisierung im Fussball und die fanungerechten Anstosszeiten. Dass nicht mehr die Fans, sondern nur noch die Kohle und Super Ligen im Zentrum stehen, ist eine problematische Entwicklung. Auch soziale Verantwortung bei Grossturnieren muss wichtig sein und darüber hinaus sollte das Stadion insgesamt ein Ort für alle sein, ohne Ausschlüsse und Diskriminierung. Um den Blick auch aus Europa wegzubewegen, kann man auf den Iran schauen und weiter Druck aufbauen, sodass auch dort alle Frauen ins Stadion gehen dürfen. Es gibt so viele Orte auf der Welt, wo du als Frau von deinem Umfeld oder deiner Familie nicht ins Stadion gelassen wirst oder Fussball spielen darfst. Das sind alles Aspekte, die man ganzheitlich bekämpfen und zusammendenken muss und eben nicht nur vor der eigenen Haustür. Auch Frauen sollten die Möglichkeit haben, gewisse Positionen in Vereinen oder Verbänden zu bekleiden, um diesen Männerklüngel ein bisschen aufzulösen. Das macht den Fussball insgesamt zwar noch nicht gerechter, aber immerhin ein Stück diverser und gleichberechtigter.

Was ist dein persönlicher Wunsch an den Fussball?

Persönlich wünsche ich mir, dass Vereine bewusster mit dem Thema sexualsierte Gewalt und sexuellen Übergriffen im Fussballkontext umgehen und Konzepte entwickeln, Ansprechpersonen stellen, das Thema eben nicht den Frauen überlassen, sondern als gesamtgesellschaftliches und eigenes Problem sehen. Ich würde mir auch wünschen, dass das Thema Sexismus genauso behandelt wird wie Rassismus. Dass sich die Vereine und die Zivilgesellschaft auch hier positionieren und es nicht «einfach dazu gehört», wie so häufig.

Bilder: Laura Kaufmann


Die Wanderausstellung «Fan.Tastic Females» auf dem Park Platz läuft noch bis Sonntag:

Fr 16-21 Uhr
Sa, So 13-21 Uhr

Eintritt gegen Kollekte.
WICHTIG: Bringt eure Kopfhörer und euer Smartphone/Tablet mit.

Rahmenprogramm:
Freitag 15. Februar 2019: ab 18 Uhr Suppe, 20 Uhr Vortrag “Perle ausm Block?! - Weibliche Ultras zwischen Anpassung und Rebellion” mit Projektkoordinatorin Antje Grabenhorst
Sonntag 17. Februar 2019 ab 18 Uhr Finissage mit Töggeliturnier und Essen

«Fan.Tastic Females»
Park Platz


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