Wenn dich jemand belästigt, dann wehr dich!

Sexuelle Belästigung im Alltag, das passiert nun einmal. Oder eben nicht «nun einmal». Wie wir uns in der Sauna zur Wehr setzten und was das mit uns gemacht hat. Ein Plädoyer für mehr Konfrontation.
13. Februar 2019

An einem nichtssagend-grauen Winternachmittag sitzen eine Freundin und ich in der Sauna und schwitzen. Nach ein paar Minuten in der Hitze fühlen wir uns wie gekochte Krebse und verlassen den Raum, um uns abzukühlen. Die beiden Männer, die mit uns dagesessen haben, tun dasselbe. Sie machen noch Pause, als wir wieder zurück in die Sauna gehen. Dafür gesellt sich ein dritter Mann zu uns. Er hat schon im Vorzimmer unter der Dusche etwas merkwürdig gewirkt, aber er ist nicht unhöflich, also entspannen wir uns.

Als wir nach einer Weile sehen, dass er seinen Penis in der Hand hält und die Hand sich daran auf und ab bewegt, stehen wir auf und verlassen den Raum. Wir wollen gehen, als meine Freundin beschliesst, etwas zu sagen. Sie öffnet die Tür wieder und meint zu dem Mann, dass es unangenehm sei, wenn er sich anfasse, während wir danebenlägen. Leise genug, sodass nur wir drei es hören.

Moment mal, meint der Mann und erhebt sich. Wir hätten falsch verstanden, sagt er lauter und wir haben sofort ein schlechtes Gewissen. Was uns einfalle, ihn vor allen blosszustellen, ruft der Mann jetzt und kommt aus der Sauna. Er redet sich schnell in Rage, während er uns in die Umkleidekabine folgt. Was unser Problem sei, in der Sauna berühre man sich nun mal. Es brauche immer zwei. Männer hätten eben Triebe. Und wir seien ja die, die im Sommer in Miniröcken mit heraushängenden Muschis herumliefen wie die grössten Schlampen. Sich berühren sei nicht dasselbe wie «Sex machen». Wir hätten eine verkorkste Sexualität, unsere Eltern würden uns missbrauchen, deswegen gebe es heute auch so viele Lesben auf der Welt. Der Mann schimpft immer weiter. Auch als wir nach einer Weile jede Diskussion aufgegeben haben, hört er nicht auf. Fertig angezogen, gehen wir eilig.

Was, wenn wir uns geirrt haben?

Oft ist es einfacher, nichts zu sagen, wegzugehen und später vielleicht im Freundeskreis zu erzählen, was passiert ist. Und was gerade im Fall von sexueller Belästigung oft mitspielt, ist so etwas wie ein Schuldgefühl. Ein ganz perfides, das sich gar nicht richtig benennen lässt, aber das man doch irgendwie mit sich herumträgt: Vielleicht bin ich zu empfindlich, vielleicht liegt das Problem bei mir. Besser, ich sage nichts.

Als wir vor dem Ausgang der Sauna stehen, sind wir nicht sicher, was wir nun tun sollen. Ist das jetzt schlimm genug gewesen, um den Hausdienst zu benachrichtigen? Vielleicht hat er ja wirklich einfach zufällig seinen Penis berührt? Vielleicht haben wir ihn zu Unrecht beschuldigt und man kann ihm – auch wenn er widerliche Dinge gesagt hat – nicht verübeln, dass er wütend geworden ist? Schliesslich gehen wir, ohne den Vorfall zu melden. Der Hausdienst ist gerade nicht da und wir sind zu unsicher, ihn anzurufen. Eigentlich ist ja nichts passiert, denken wir uns. Und so tun wir trotzdem wieder dasselbe wie sonst: nichts sagen und weggehen.

Angenommen aber, das Ganze wäre tatsächlich ein Missverständnis gewesen und der Mann hätte sich wirklich einfach nur so berührt, «wie man das in der Sauna eben tut»: Was wäre eine angemessene Reaktion gewesen auf die Aussage meiner Freundin, dass das unangenehm sei?

Nicht schreien wäre in einer solchen Situation kein schlechter Anfang. Ruhig sagen: «Es tut mir leid, dass ihr euch unwohl gefühlt habt. Das wollte ich nicht. Aber ihr habt falsch verstanden». Das Missverständnis auf eine solche Art aufklären, dass sich im besten Fall sogar alle wieder hinsetzen können.

Es muss ziemlich unangenehm sein, zu Unrecht der sexuellen Belästigung beschuldigt zu werden. Gleichzeitig, und dem sollte man sich bewusst sein, kommen solche Anschuldigungen nicht aus dem Nichts. Sie kommen meist von Frauen, die mit der Zeit gelernt haben, vorsichtig zu sein und auf ihr Bauchgefühl zu hören. Weil es nämlich ganz normal ist, wenn ab und zu mal ein Mann übergriffig wird, dich vielleicht im Busgedränge so ein bisschen anfasst, im Club plötzlich seine Geschlechtsteile an dich presst oder auf dem Nachhauseweg im Schritttempo neben dir herfährt und versucht, dich zu seinem Auto zu locken. Es ist auch ganz normal, dann nichts zu sagen und so schnell wie möglich einfach wegzugehen; weil es nämlich ziemlich viel Mut braucht, jemanden zu konfrontieren. Und zwar nicht nur für Frauen, sondern für alle. Männern passieren solche Dinge nämlich auch (und darüber wird ganz sicher zu wenig geredet).

«Tu nicht so»

Der wütende Mann in der Sauna hatte offensichtlich ein Problem und wir hatten Pech. Aber auch jemand, der dir im Auto folgt oder dir ungefragt zwischen die Beine greift, hat ein Problem; und in meinem Umfeld gibt es zu viele Frauen und auch ein paar Männer, die schon Pech hatten, und zwar mehr als einmal.

Solche Ereignisse sinken dann ab in dieses Sediment, wo all die andern Das-war-unangenehm-aber-solche-Dinge-passieren-nun-mal-Erlebnisse liegen. Diese alltäglichen Fälle sexueller Belästigung, die nicht ganz klar gegen das Gesetz verstossen und die manche Leute vielleicht kommentieren würden mit: Tu nicht so. Die dann aber trotzdem immer im Hinterkopf bleiben – vor allem, wenn sie sich häufen. Über die man sich empört, wenn man darüber spricht, während sich trotzdem diese Unsicherheit hält: Kommt vor, nichts passiert, wahrscheinlich bin ich zu empfindlich.

Genau deswegen ist es gut, dass meine Freundin etwas gesagt hat. Die Reaktion des Mannes war zwar unangenehm, aber dafür hat sie ziemlich klar gemacht, dass das Problem nicht bei uns und unserer verkorksten Sexualität liegt, sondern bei ihm und seinem verkorksten Frauenbild.

Nicht nur zuschauen

Etwas sagen ist fast nie falsch. Das kann man auch als aussenstehende Person tun, indem man eingreift oder sich sonst auf irgendeine Weise solidarisiert. Als der wütende Mann laut wurde, kam einer der beiden anderen Männer, die sich im Nebenraum ausgeruht hatten, sofort heran und versuchte zu schlichten. Als er damit keinen Erfolg hatte, sagte er uns, dass ihm leidtue, was hier gerade geschehe.

Im Umkleideraum sass eine Frau, die uns bestärkte, während der wütende Mann ausrief. Sie sagte, er sei ihr von Beginn an komisch vorgekommen. Nein, es sei nicht falsch gewesen, etwas zu sagen. Sie käme schon seit Jahren in diese Sauna, ohne dass jemals etwas geschehen sei, aber heute habe sie sich das erste Mal auf dem Klo umgezogen, weil sie ein schlechtes Bauchgefühl gehabt habe.

Auch der Saunaverantwortliche meinte, dass es richtig gewesen sei, den Mann zu konfrontieren. In der Zwischenzeit haben wir nämlich trotzdem noch mit ihm telefoniert. Er war froh, dass wir den Vorfall gemeldet haben und sagte, er würde die Angelegenheit im Team besprechen.

Und ja, in Saunas gibt es Frauentage, dort wäre das nicht passiert. Aber das ist keine gute Antwort auf Geschichten wie diese. Natürlich ist es toll, dass es solche Frauentage gibt – nur eben nicht, dass es sie braucht. Weil es sie nämlich nur braucht wegen Leuten wie dem wütenden Mann. Dabei haben sich die meisten Menschen eigentlich ganz gut im Griff. Es gibt keinen Grund, sich denjenigen anzupassen, die sich danebenbenehmen. Das heisst, auch wenn es Mut braucht und obschon es leichter gesagt ist als getan: Wenn du etwas siehst, das nicht in Ordnung ist, dann sag etwas.

Titelbild: Kevin Laminto

Redaktorin

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