Mehr Frauenfussball – aber bitte nur mit Skandal

«DJ fordert Weltfussballerin zum Twerken auf», titelt die Tagespresse. Zum dritten Mal innert weniger Wochen ist der Frauenfussball medial populär vertreten. Doch die Art und Weise ist alles andere als wünschenswert, findet Redaktorin Laura Kaufmann.
06. Dezember 2018

So häufig wie die Medien den Frauenfussball in den letzten drei Wochen thematisierte, könnte glatt die Frage aufkommen, ob #metoo tatsächlich Früchte getragen hat. Der Grund liegt jedoch woanders: Grosse Medienhäuser haben das Skandal-Potenzial des Frauenfussballs erkannt.

Der Auftakt einer Reihe von Skandalen

Die Headlines am 22. November lauten in etwa wie folgt: «Die FCB-Frauen mussten an der 125-Jahre-Feier ihres Clubs Tombolalose verkaufen und im Nebenzimmer Sandwiches essen, während selbst Fans einen Platz am Gala-Dinner ergattern konnten.»

Angereichtert mit der Meinung einer Feministin gibt das eine super Frontstory für den Online-Auftritt. Klick, klick, klick! Ziel erreicht. Sogar der Stern und CNN springen auf die Story auf. Der FC Basel liefert ein paar Tage später eine eher schlechte als rechte Entschuldigung nach, in der sich der FCB-Manager Roland Heri «bei allen Frauen, die sich ausgegrenzt und beleidigt fühlen» entschuldigt und den entstandenen Imageschaden beklagt.

Der Verein wird hoffentlich seine Lektion gelernt haben, so dass die Fussballerinnen nächstes Mal einen eigenen Tisch am Gala-Dinner erhalten. Doch so sehr ich als Zürcherin den FC Basel in sportlicher Hinsicht verabscheue, so sehr stört es mich, dass im Zuge dieses FCB-Skandals etwas unerwähnt bleibt. Nämlich, dass der FC Basel trotz Sparmassnahmen bei der Frauenabteilung weiterhin derjenige Super-League-Verein ist, der am meisten Geld in sein Frauenteam investiert, und mit Tyara Buser aktuell eine 18-jährige Basel-Spielerin aus dem eigenen Nachwuchs die Torschützinnenliste der Nationalliga A der Frauen anführt. Doch die fussballerischen Leistungen der FCB-Frauen sind nun mal nicht besonders skandalträchtig und somit offensichtlich nicht erwähnenswert.

Auf der Suche nach dem nächsten Skandal

Tags darauf, am 23. November, wird bekannt, dass die YB-Frauen im September beim Champions-League-Heimspiel des Männerteams gegen Manchester United das Champions-League-Banner auf den Platz trugen und danach das Stadion wieder verlassen mussten. Die Partie durften sie zuhause vor dem Fernseher mitverfolgen.

Ja, auch dies ist absolut nicht in Ordnung. Doch wem steht es zu, sich darüber zu empören? Denjenigen Medien, die alle 3 bis 6 Monate einmal einen Artikel über eine Fussballerin veröffentlichen, in dem diese sich dazu äussern darf, dass der Frauenfussball zu wenig Beachtung findet? Denjenigen, die zwei Wochen später nicht darüber berichten, dass die aktuelle YB-Frauen-Trainerin zur Assistenztrainerin des Frauen-Nationalteams wird? Der Skandalfaktor ist nicht gegeben, also wird nicht berichtet.

Die Bombe

Ganz im Gegensatz zum Skandal um die Ballon-d’Or-Verleihung. Dort fragte der DJ Martin Solveig die Weltfussballerin Ada Hegerberg nach Überreichen der fussballerischen Auszeichnung nonchalant, ob sie twerken könne. Über die historische Bedeutung der Tatsache, dass die Auszeichnung «Ballon d’Or» seit 1956 erstmals einer Fussballerin verliehen wird, spricht niemand. Auch die überragenden sportlichen Leistungen der 23-jährigen Norwegerin Ada Hegerberg bleiben medientechnisch auf der Strecke – oder werden nachgeschoben.

Sind die fussballerischen Qualitäten dieser Frau nicht skandalträchtig genug? Dabei wären alle ihre Rekorde und knapp 300 Tore in ihrer noch jungen Karriere genauso sehenswert wie die eines Ronaldos, Messis oder eines ebenfalls mit dem Ballon d'Or ausgezeichneten Modrics.

Genau aus solchen Gründen steht Ada Hegerberg schon länger vehement für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau im Fussball ein. Im Jahr 2017 trat sie gar aus dem Nationalteam ihres Heimatlandes Norwegen, weil der Fussball in Norwegen (wie auch in der Schweiz) die beliebteste Teamsportart bei den Frauen ist, diese jedoch nicht annähernd so viel Anerkennung erhalten wie ihre männlichen Pendants.

Wahres Interesse oder Heuchelei?

Ja, es ist von grosser Wichtigkeit, dass diskriminierendes und sexistisches Verhalten im Fussball angeprangert wird. So wie in jedem anderen gesellschaftlichen Bereich auch. Doch oft ist es leider schlicht und einfach heuchlerisch.

Was die Fussballerinnen von der untersten Liga bis zu den Nationalteams dringend brauchen, sind nicht in erster Linie journalistische Beiträge über ihre Diskriminierung, sondern bessere Strukturen, mehr Sponsoring, höhere Gehälter, mehr Publikum und mehr mediale Aufmerksamkeit für ihre sportlichen Leistungen.

Sexismus-Skandale, das Outing einer homosexuellen Spielerin oder ein Pärchen im Nationalteam – diese Headlines werden schnell wieder vergessen sein und der Frauenfussball bis zum nächsten internationalen Grossanlass in der medialen Versenkung verschwinden. Der wahre Skandal sind beispielsweise die Zustände in und um die Nationalliga A der Frauen.

Deshalb an dieser Stelle eine Bitte an alle, die sich beim Lesen von oben genannten Artikeln in den letzten Wochen empört haben: Geht zu den Spielen eures lokalen Frauenteams! Mehr Publikum führt zu mehr Beachtung und mehr Beachtung zu einem höheren Stellenwert im Verein und in den Medien. Und dies dann wiederum zu mehr Publikum. Momentan funktioniert dieser Kreislauf leider noch in die andere Richtung.

Ja, empört euch über Sexisimus und Diskriminierung, aber Empörung alleine führt zu nichts.

Titelbild: Laura Kaufmann

Redaktorin und Fotografin

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